Eyjafjöll und das Denken im Dunkeln

Vulkan Warum die Politik wegen der Aschewolke so streng mit dem Flugwesen ist und im Klimawandel trotzdem die Waffen streckt

Die Flugflaute der letzten Woche ist schon eine seltsame Angelegenheit. Auf den merkwürdigsten Punkt macht Frank Schirrmacher aufmerksam: Ein Flugverbot wurde von Politikern beschlossen, nur weil ein britisches Institut die Wege der isländischen Vulkanasche und deren Dichte in einer Computersimulation berechnet hat. Empirische Daten waren in Deutschland erst am Montag gefragt, als die Verbote schon tagelang galten. Es waren nicht irgendwelche Tage, sondern solche mit hellstem Wetter und sonnigstem Blau. Zwar widerlegt das die Simulation nicht, denn wie es ganz oben aussieht, wo die großen Verkehrsflugzeuge fliegen, ist mit bloßem Auge von der Erde aus nicht zu erkennen. Aber es bedeutet schon, dass Tiefflüge ungefährlich und auch erlaubt waren. Von der Möglichkeit, die wichtigsten Staatschefs in Hubschraubern zu einer Beerdigung zu fliegen, wurde dennoch kein Gebrauch gemacht. Stattdessen berichtet man uns von der Reifenpanne des Autos, in dem die Bundeskanzlerin durch Italien kutschiert wurde, und dass sie die gute Laune nicht verlor.

Merkwürdig ist, dass hier eine den Flugverkehr betreffende Simulation buchstäblich todernst genommen wurde, als gäbe es andere Simulationen, die noch ernster und tödlicher sind, nicht schon lange. Längst ist bekannt, was der Flugverkehr ökologisch anrichtet: Ein Langstreckenflug trägt viel mehr zur Klimakatastrophe bei als die vergleichbare Fahrt mit Bahnen, Bussen und Schiffen. Lärmbelästigung kommt noch dazu. Um zu wissen, dass sie die Lernfähigkeit von Kindern stark behindert, braucht man nicht einmal Simulationen, dazu gibt es empirische Untersuchungen. Die Klimaschädigung ist der Hauptskandal, weil sie zudem noch staatlich subventioniert wird. Denn wegen steuerlicher Begünstigung – keine Mineralölsteuer für Kerosin, keine Umsatzsteuer für internationale Flüge – fallen hohe externe Umweltkosten an, die, da niemand sie bezahlt, der pure Gegenwert ökologischer Vernichtung sind.

Nun weiß man, wie die Industrie reagiert, wenn man ihr solche Zusammenhänge vorhält: Es gebe doch nicht nur Umweltschäden, sondern auch notleidende Unternehmen, und außerdem müsse die Behauptung, der Treibhauseffekt sei menschlich verursacht, erst noch bewiesen werden. Ihre Reaktion aufs Flugverbot der letzten Woche war genau analog, hat aber seltsamerweise überhaupt nichts bewirkt. Die ökonomischen Schäden betrügen täglich mehrere Millionen Euro, kritisierte sie, und: Es sei nicht sicher, dass überhaupt eine Gefahr bestehe.

Ramsauer unbeeindruckt

Die Politik in Gestalt des CSU-Verkehrsministers Peter Ramsauer ließ sich davon auch nicht im mindesten beeindrucken. Warum ist sie bei der kleineren Gefahr so streng und streckt bei der größeren die Waffen? Da werden sich mehrere Gründe überlagern.

Zum einen könnte es, wenn die Simulation recht hätte, sofort Flugtote geben. Das ist für eine am nächsten Wahltermin orientierte Politik unangenehmer, als wenn Helgoland und Bangladesh in Jahrzehnten überschwemmt werden. Man sieht ja, wie schwer sie sogar die Häufung gefallener Soldaten in Afghanistan verarbeitet. Zum andern hält sich der ökonomische Schaden des Flugverbots in Grenzen. Er ist zwar da, doch gehen die Wirtschaftsinstitute davon aus, dass er kurzzeitig wieder gut gemacht werden kann und „den Aufschwung nicht gefährdet“. Rückte man ernsthaft der Klimakatastrophe zu Leibe, wäre der ökonomische Schaden viel größer. Dann müsste der Flugverkehr radikal dezimiert werden, viele Flugunternehmen müssten aufgeben, viele Arbeitsplätze gingen verloren.

Natürlich ist das Gegenteil wahr, wenn man die Dinge nicht im Dunkel kapitalistischer Ideologie betrachtet. In diesem Fall reicht nichts an den ökonomische Schaden der Klimakatastrophe heran. Doch die Politik, die wir haben, hält nun einmal am Kapitalismus fest.


Hätte sie denn die Wahl, den Flugverkehr aus ökologischen Gründen dauerhaft einzuschränken? Man hört schon die Stimmen, die auf die Vorteile der gegenwärtigen Drosselung hinweisen. Es komme zu Begegnungen unter den Menschen, die auf den Flughäfen festsitzen. Und Natur zur Erholung gebe es auch zuhause. Ein Unterton von Spott ist solchen Tröstungen oft beigemischt. In der Tat wäre viel grundsätzlicher umzudenken, würde Flugeinschränkung aus ökologischen Gründen wirklich zum Ziel. Um dann noch touristische Reisen in ferne Länder zu ermöglichen, müsste der Zugverkehr billiger und wegen der längeren Anreise die Urlaubszeit verlängert werden. Da trotzdem auch der Ferntourismus selber eingeschränkt werden müsste, würde sich eine ganz andere Arbeitswelt nötig machen: eine, die man nicht nur deshalb aushält, weil der Urlaub winkt. Und um den Nahtourismus attraktiver zu machen, müsste auch er verbilligt werden.

Doch die Frage, ob Flugeinschränkung möglich ist, kann nicht die erste sein. Die erste Frage ist die nach ihrer Notwendigkeit. Sie muss möglich sein, weil die ökologische Gefahrenlage es vorschreibt. Was man dieser Tage sieht, ist, dass die Politik sie auch durchsetzen könnte. Warum sollte sie denn nicht. Unternehmerverbände können bellen, nicht beißen. Sie vertreten wichtige Menschen, deren Existenzrecht aber nur darin liegt, dass sie Dienstleister der Gesellschaft sind. Dass sie auch Arbeitsplätze bereitstellen, ist für ökologisch schädliche Produktion keine Entschuldigung. Denn es muss zwar immer gearbeitet werden, aber nicht immer dasselbe. Eine Politik, die nicht nur auf den nächsten Wahltag schielt, würde Wege der Veränderung der Arbeit organisieren, statt nur statisch ihre „Plätze“ zu schützen.

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16:00 21.04.2010
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Ausgabe 15/2021

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