Fliegende Engel, die alles vergessen

HEUCHELEI Der westliche Diskurs über serbische Massaker

An den Massengräbern im Kosovo sind zwei Aspekte bestürzend: zum einen die menschlische Bestialität bestimmter Einwohnergruppen, die sich in ihnen zeigt; zum andern die Niedertracht des Westens, der wohl wußte, welches Schicksal er den Kosovo-Albanern bereitete, als er die Hand der NATO in einer illegalen Gewalt aktion auf das gehaßte Serbien und damit auch auf das angeblich geliebte Kosovo legte. Gerade daß manche Minister von den ersten Kriegstagen an vom »Völkermord« der Serben und von der »Logik eines Schlachthauses« phantasierten, beweist ja, daß sie, die von Massakern damals gar nichts wissen konnten, solche doch erwarteten, sie fest einkalkulierten und dennoch der NATO-Aktion zustimmten, in deren Gefolge es zu den Massakern erst kam. Gehört diese Haltung nicht auch vor den Internationalen Gerichtshof? Da ich nicht Serbe, sondern Deutscher bin, interessiert mich die Niedertracht meiner eigenen Regierung mindestens so sehr wie die Bestialität von Einwohnern eines Landes, das meine Regierung bombardieren ließ.

Was diese Bestialität angeht, stellt sich folgende Frage: ist Bestialität eine Eigenschaft speziell von Serben, nicht aber oder viel weniger von Deutschen, Amerikanern, Briten, Franzosen? Fangen wir mit den Deutschen an. Hat Deutschland »die Lektion Auschwitz gelernt« und schlägt Angehörige lästiger Ethnien nicht mehr tot? Ein Blick auf sogenannte national befreite Zonen lehrt das Gegenteil. Dort werden Afrikaner totgeschlagen, während in den von der UÇK beherrschten Zonen serbische Polizisten totgeschlagen wurden. Dort schritt die jugoslawische Armee ein, hier in Deutschland interveniert keine Bundeswehr. Ich weiß gar nicht, ob ich das besser finde. Und die Amerikaner? Der Vietnamkrieg ging vor 25 Jahren zuende, damals waren sie noch bestialisch wie alle Menschen der bisherigen Menschheitsgeschichte, aber seitdem sind sie es wohl nicht mehr, in 25 Jahren ist der Neue Mensch entstanden, der kein Mörder mehr ist. Damals gab es diese westlichen Mörder ja noch, Filme wie Apokalypse Now können es veranschaulichen.

Wenn Bestialität inzwischen eine Eigenschaft speziell von Serben ist, dann ist nachvollziehbar, daß die NATO ihren Überfall auf Jugoslawien mit Massakern rechtfertigt, die es damals noch gar nicht gab, und daß sie nun gar einen Einzelnen, den Staatschef Milosevic, zum Urheber und Repräsentanten der Massaker erklärt. Diese Logik beseelt die Gutmenschen: was in Jugoslawien geschehe, entspreche nicht den westeuropäischen Maßstäben der Zivilisation, deshalb werde es nicht geduldet. Ein deutscher Minister hat sich das Geständnis entlocken lassen, die NATO greife vorbeugend ein, damit es im Kosovo nicht zum Völkermord komme. Das heißt doch in der Umkehrung, speziell die Serben haben eine Veranlagung zum Mord. Aber warum glauben die Gutmenschen, daß sie Gutmenschen sind? Wohl weil sie eine überlegene Kriegstechnik haben. Die NATO fliegt so hoch über dem Boden, daß sie nicht einmal Lebensmittel abwerfen kann, da können die Piloten auch ihre bestialischen Emotionen nicht kennenlernen. Die Frage, ob sie bestialisch handeln würden, wenn jemand käme und sie bis zur Weißglut gereizt sind, bleibt glücklich verborgen. Die siedende Aufwallung des Blutes, aus der schon so manche Mordtat entsprungen ist, wird ihnen, wenn sie vor Armaturen und Bordcomputern sitzen, nicht erlebbar. Ihr Körper kommt mit dem Körper des Feindes nicht in Berührung. Sie werfen Bomben, das ist doch nicht böse. Was tun sie denn anderes, als teure Maschinen reicher Länder zu bedienen, sind sie nicht schlichte gute Arbeiter? Die anderen, die da auf Erden herumkrauchen, die sehen einander und schlagen zu: das sind die Bösen. Die NATO hat sie nicht gehindert, sondern gereizt. Diese fliegenden Engel schauen auf die Erde herunter und glauben, es habe, abgesehen einmal von Hitler und Stalin, überhaupt noch niemals Bestialität gegeben, bevor Milosevic gekommen ist; alles ist »vergessen«: der viehische Achill, die Mordlust spanischer Freiheitskämpfer, über die Goya sich entsetzte und später Hemingway, die Mordlust griechischer Freiheitskämpfer, über die Hölderlin sich entsetzte - der serbische Sadismus ist einzigartig wie sonst nur Auschwitz.

Daß Menschen böse sind, ist nicht neu. Aber die NATO scheint eine neue Stufe des Bösen erklimmen zu wollen.

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Geschrieben von

Michael Jäger

Redakteur (FM)

studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Er war wissenschaftlicher Tutor im Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin, wo er bei Klaus Holzkamp promovierte. In den 1980er Jahren hatte er Lehraufträge u.a. an der Universität Innsbruck für poststrukturalistische Philosophie inne. Freier Mitarbeiter und Redaktionsmitglied beim Freitag ist er seit dessen Gründung 1990. 1992 wurde er erster Redaktionsleiter der Wochenzeitung und von 2001 bis 2004 Betreuer, Mitherausgeber und Lektor der Edition Freitag. Er beschäftigt sich mit Politik, Ökonomie, Ökologie, schreibt aber auch gern über Musik.

Michael Jäger

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