Großes Geläut

Musik Von Bach über Rachmaninov zu Pantha du Prince: eine Musikgeschichte der Glocken
Ausgabe 48/2013

Auch dieses Werk zählt zu den nunmehr 100-Jährigen: Sergej Rachmaninovs Poem Die Glocken, eine romantische und etwas bombastische Chorsymphonie, uraufgeführt 1913 in St. Petersburg. Die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle haben sie vergangenen Herbst mit zwei Werken Igor Strawinskys vorgestellt. Die nun erschienene CD-Einspielung zerreißt leider diesen Kontext. Er war sinnvoll gewesen: nicht nur weil Strawinskys revolutionäres Ballett Le Sacre du Printemps ebenfalls 1913 uraufgeführt wurde, sondern auch weil die Textvorlage sowohl für Rachmaninovs Poem als auch für Strawinskys Kantate Sternenkönig, das dritte Werk des Konzertabends, von dem symbolistischen Dichter Konstantin Balmont herrührt. Rattle ging also kunstgeschichtlichen Zusammenhängen nach, und wenn wir ihm darin folgen, können wir der CD etwas abgewinnen. Das Poem weist ja durch seinen bloßen Namen auf alle Werke der Tradition, die mit Glocken zu tun haben.

Ein Klavier!

Balmont hat ein gleichnamiges Gedicht Edgar Allan Poes umgedichtet und es wieder mehr dem Urgedicht Friedrich Schillers angenähert. Wie in Schillers Lied von der Glocke wohnen wir nämlich, vom Glockenklang begleitet und gewissermaßen sanktioniert, einem Lebenslauf bei – der von der Kindheit/ Jugend über Hochzeit und Brandkatastrophe zum schließlichen Begräbnis führt –, während Poes Gedicht mehr den Glockenklang an sich thematisiert und auch sonst hauptsächlich eine Textur der Laute darstellt. Für einen Komponisten müsste es daher anziehender sein als Balmonts Umdichtung. In der wird aber wenigstens der Übergang von silbernen Schlittenglöckchen zur Gold-, Messing- und Eisenglocke festgehalten.

Jedenfalls konnte sich Rachmaninov an einer Musikgeschichte der Glocken orientieren. So hat Johann Sebastian Bach in mehreren geistlichen Kantaten Totenglocken vertont, wobei er nicht tonmalerisch vorgeht; sei es mit Flöten oder Celli, stellt er nur den monotonen Takt der mechanischen Uhr heraus. Dagegen werden, wo es die Opernhandlung fordert, Kirchenglocken in Guiseppe Verdis Troubadour und Richard Wagners Parsifal buchstäblich zitiert. Modest Mussorgskij gelingt es am Ende der Bilder einer Ausstellung, Glocken allein durch Klavierklang zu evozieren. In der Orchesterfassung von Maurice Ravel tritt die Tonfarbe hinzu, die der Hörer erwartet. Das geschieht vorsichtig, denn die musikalischen Linien sollen von Lautmalerei nicht dominiert werden.

Rachmaninov hat alle Vorgaben beachtet: Im vierten Satz über den Tod geht er wie Bach vor, der erste und zweite erinnert klanglich an Glocken, und alles in allem sind sie nur ein Thema am Rande. Er konnte übrigens auch an Ludwig van Beethovens sechste Symphonie anknüpfen, die Pastorale, in der ebenfalls im dritten Satz eine Katastrophe zu verkraften ist, und verarbeitet im ersten den Beginn des 1911 uraufgeführten Rosenkavaliers von Richard Strauss.

Mit der Vertonung des Ausgangsgedichts von Poe müsste man wohl eher einen Techno-Künstler wie Pantha du Prince beauftragen. Der hat sich für Elements of Light (2013) von Rathausglocken inspirieren lassen, die in jeder Straße Oslos anders klingen, wie er sagt. Bei Poe waren es die Glocken des New Yorker Stadtteils Bronx.

Rachmaninov. The Bells, Symphonic Dances Berliner Philharmoniker, Simon Rattle Warner Classics 2013

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Geschrieben von

Michael Jäger

Redakteur „Politik“ (Freier Mitarbeiter)

Michael Jäger studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Er war wissenschaftlicher Tutor im Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin, wo er bei Klaus Holzkamp promovierte. In den 1980er Jahren hatte er Lehraufträge u.a. für poststrukturalistische Philosophie an der Universität Innsbruck inne. Freier Mitarbeiter und Redaktionsmitglied beim Freitag ist er seit dessen Gründung 1990. 1992 wurde er erster Redaktionsleiter der Wochenzeitung und von 2001 bis 2004 Betreuer, Mitherausgeber und Lektor der Edition Freitag. Er beschäftigt sich mit Politik, Ökonomie, Ökologie, schreibt aber auch gern über Musik.

Michael Jäger

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