Halleluja! Der Papst ist links!

Fortschritt Franziskus erweist sich als echter Revolutionär aus Lateinamerika – die Befreiungstheologie jubelt
Michael Jäger | Ausgabe 32/2013 188
Halleluja! Der Papst ist links!
„Holy Franz“ wettert zwar gegen die Sünden der Reichen, doch hinter seinen liberalen Ansichten verbirgt sich oft nicht mehr als ein PR-Gag
Foto: Ricardo Moraes/ Reuters

Man kann nun nicht mehr zweifeln, dass Papst Franziskus in seiner Kirche ein Revolutionär ist. Und zwar ein linker, obwohl „links“ im Katholizismus naturgemäß etwas anderes bedeutet als in der deutschen Innenpolitik. Wohl mag man, wenn man aus deren Perspektive auf Äußerungen des Argentiniers schaut, darüber stolpern, dass er einst den Befreiungstheologen Leonardo Boff als zu links und zu marxistisch kritisiert hat. Doch als der Spiegel Boff interviewte und ihm die Kritik vorhielt, reagierte der mit höchstem Lob für den neuen Papst. Bergoglio sei nicht umsonst als „Kardinal der Armen“ bekannt geworden. Boff stellt ihn praktisch als Befreiungstheologen hin und sagt sogar voraus, Franziskus werde die Moraltheologie verändern.

Für die „Kirche der Armen“

Was verstehen wir unter Befreiungstheologie? Als sie während des Zweiten Vatikanischen Konzils entstand, beriefen sich ihre Wortführer auf Johannes XXIII., der gesagt hatte, die Kirche sei vorwiegend „Kirche der Armen“. Dies Wort hat Franziskus nicht nur mehrmals wiederholt, sondern auch die Wahl seines Namens, den kein Papst vor ihm angenommen hatte, darauf zurückgeführt. Und er belässt es nicht bei Worten. Seine erste Reise führte ihn nicht nach Brasilien an die Seite einer Regierung, gegen die sich der Sozialprotest erhebt, wie eine flüchtig hinschauende Weltöffentlichkeit glauben mag. Sondern auf die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa, den Fluchtort afrikanischer Elendsflüchtlinge. Mit denen sprach er. Man hat im deutschen Fernsehen Bilder aufgebrachter Inselbewohner gesehen, die ihre Insel für sich allein haben wollen, der Papst aber dankte denselben Inselbewohnern für ihre Hilfsbereitschaft, bat Gott um Vergebung für jährlich 1.500 Ertrunkene bei der Bootsflucht und geißelte die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“.

Auch nach Brasilien ist er nicht gefahren, um die Fahnen der Olympischen Spiele zu segnen, gegen deren hohe Kosten sich der Protest der Jugend richtet. Gewiss gab es den Fahnensegen, aber verdient er wirklich Kritik, wenn doch die Olympischen Spiele nicht bloß eine Frage der Finanzpolitik, sondern auch der beteiligten Sportler sind? Zum Segen kam es, als Franziskus den Bürgermeister von Rio besuchte und dort mit mehreren Sportlern zusammentraf. Anschließend ging er in die Kathedrale und dann in die Slums, wo er von der Rednertribüne aus auf ein riesiges Bild Óscar Romeros blickte, des Erzbischofs von San Salvador, der vor 33 Jahren als Exponent der Befreiungstheologie von Todesschwadronen ermordet worden war. Eine Seligsprechung Romeros war bisher blockiert worden, unter Franziskus wird sie beschleunigt.

Dass er selbst der Befreiungstheologie nahesteht, obwohl er ganz sicher kein Marxist ist – aber war das je ein Kriterium? –, nehmen offenbar auch Südamerikas linke Regierungen an. Nicolás Maduro, Venezuelas neuer Präsident, und sein Außenminister Elías Jaua waren bereits im Vatikan und brachten von dort die Botschaft mit, Franziskus habe Hugo Chávez sehr gelobt, weil er ohne irdische Reichtümer gestorben sei – kein Auto, dafür aber die Liebe des Volkes besessen habe. Der venezolanischen Bischofskonferenz, die Chávez immer scharf kritisiert hatte, wird das gar nicht gefallen haben. Maduro schlägt jetzt einen Pakt der Kirche mit den links regierten lateinamerikanischen Staaten zur Bekämpfung des Hungers und des Analphabetismus vor. Wollte der Papst darauf eingehen, müsste er freilich mehr tun, als zur Hilfe „von Armen für Arme“ aufzurufen, wie er 2010 als Kardinal tat. Doch bei jener Gelegenheit hatte er auch das Verlagern von Unternehmensgewinnen ins Ausland als Sünde bezeichnet. Schon 2007 hatte er sich des Begriffs der „sozialen Sünde“ bedient, der den befreiungstheologischen Begriff der „strukturellen Sünde“ umschreibt.

„Die ungerechte Verteilung der Güter dauert an“, waren seine Worte, „und hat eine Situation der sozialen Sünde entstehen lassen, die zum Himmel schreit und die Möglichkeiten eines erfüllteren Lebens für so viele unserer Brüder begrenzt“. Mit dieser Haltung ist er kein Freund der brasilianischen Regierung, sondern der rebellierenden Jugend. Er macht daraus auch gar keinen Hehl. Beim Weltjugendtag in Rio kritisierte er die Polizeieinsätze, deren Bilder um die Welt gegangen waren. Er rief die Jugend zur Einmischung auf, die katholische sogar dazu, in ihren Diözesen für Unruhe zu sorgen. Statt wegen der Korruption zu verzagen, sollen sie nach seinen Worten eine gerechte, solidarische Welt aufbauen helfen. Ja, es sei möglich, dass die Wirklichkeit sich ändere!

Wider die „soziale Sünde“

Die Beharrungskräfte in der süd- und auch nordamerikanischen Kirche sind beunruhigt. Charles Joseph Chaput, Erzbischof von Philadelphia, ließ bereits öffentlich verlauten, der konservative Flügel sei nicht glücklich mit den ersten Monaten des neuen Papstes. Dieser verändert derweil zielstrebig die innerkirchlichen Machtverhältnisse. Nachdem er am 19. März sein Amt angetreten hatte, setzte er bereits am 13. April eine Kommission aus acht Kardinälen verschiedener Erdteile ein, die ihn bei der Leitung der Weltkirche und nicht zuletzt bei der Reform der Vatikanbank beraten soll. Eine Woche später kürzte er die Jahreszuschüsse für die Kardinäle, die die Bank verwalten, sowie die Sondergratifikationen der Bankangestellten aus Anlass des Pontifikats-Wechsels. Der eingesparte Betrag soll für soziale Projekte verwendet werden. Die Kommission wird Anfang Oktober ihre Vorschläge unterbreiten, und schon im September, so vermuten Experten, wird Franziskus seinen wichtigsten Reformberater, den Kardinal Óscar Rodríguez Maradiaga aus Honduras, zum Kardinalstaatssekretär ernennen, der damit zweitmächtigster Amtsträger der Kirchenhierarchie würde.

Hat Boff aber auch darin recht, dass von Franziskus eine Liberalisierung der Moraltheologie ausgehen könnte? Hier sind Zweifel geboten, absurd ist die Annahme aber nicht. Denn auch auf diesem Gebiet denkt Franziskus weniger konservativ, als viele glauben. Am unbeweglichsten ist er, wo es um Abtreibung geht. Erst im vergangenen Jahr kritisierte er ein Urteil des Obersten Gerichtshofs Argentiniens, das Abtreibungen nach einer Vergewaltigung straffrei gestellt hatte. Auch das Verbot des Gebrauchs von Verhütungsmitteln hält er aufrecht, stimmt allerdings dem Gebrauch von Kondomen dann zu, wenn es um die Verhinderung epidemischer Krankheiten wie Aids geht. Dass der Zölibat eine Ursache der sexuellen Missbrauchshandlungen katholischer Priester sein könnte, will Franziskus nicht wahrhaben, sagt aber ausdrücklich, dies Institut sei kein Glaubensartikel, sondern eine untergeordnete Norm, deren Anwendung in bestimmten Weltregionen ausgesetzt werden könne. Was schließlich die Homosexualität angeht, denkt er wie die deutschen Unionsparteien: Homo-Ehe, nein, eingetragene gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft, ja. In dieser Frage ist er uneins mit der argentinischen Bischofskonferenz.

Einmal angenommen, die Unionsparteien wären nicht nur in solchen Fragen auf der Linie des Papstes, sondern auch da, wo es um die „soziale Sünde“, die ungerechte Verteilung der Güter geht: Müsste ihnen da nicht von der Linkspartei die Koalition angetragen werden? Ist die Linke doch auch bereit, mit der SPD zu koalieren, obwohl es in manchen, nicht unwichtigen Fragen (Kriegseinsätze, Hartz IV) schwere Differenzen gibt.

06:00 11.08.2013
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