Hallo, ist da jemand?

Kosmos Die Entdeckung „erdähnlicher Planeten“ rührt an uralten Fluchtfantasien – und an Ideen für eine bessere Welt
Michael Jäger | Ausgabe 09/2017 48
Hallo, ist da jemand?
Die ganz großen Fragen stellte auch Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“
Foto: imago/Entertainment/Pictures

Wieder einmal erregen erdähnliche Planeten die Fantasie. Von den sieben, die jetzt entdeckt wurden, bewegen sich mindestens drei in einer „bewohnbaren Zone“. Wie ein NASA-Sprecher sagte, rührt das an „die Frage, die wir uns in einsamen Stunden alle stellen: Sind wir allein dort draußen?“ Das Problem ist nur, wir hätten gar nichts davon, wenn dort Leben wäre. Denn der rote Zwergstern Trappist-1, um den die Planeten kreisen, ist 40 Lichtjahre entfernt. Selbst zum Austausch von Zeichen wäre es zu weit. Ein bloßer Mailwechsel bräuchte Jahrhunderte. Folgenlos vorhanden, würden dort Wohnende an epikureische Götter erinnern. Denn sie und wir hätten keinen Grund, uns füreinander zu interessieren. An eine Reise ist schon gar nicht zu denken. Oder etwa doch?

Im Science-Fiction-Genre wäre es nicht schwer. Man würde „beamen“, das ginge wie nichts: Mein Körper wird in einen Molekülhaufen zerlegt, der sich am Bestimmungsort wieder zusammensetzt. Die Technik kennen wir auch dank der Harry-Potter-Romane, wo sie „Apparieren“ heißt. Man muss sie nur richtig gelernt und fleißig geübt haben, damit nicht etwa eine Augenwimper oder etwas Größeres zurückbleibt. Das ist nicht so komisch, wie es sich anhört. Die entdeckten Planeten fordern wirklich zur Reise heraus: weil sie uns aufs Feld der Fantasie führen, die ihre eigene kollektive Geschichte hat, und weil auch fantasierte Reisen sich auf die Realität auswirken können. Wenn etwas wichtig ist an Trappist-1, dann das. Haben wir nicht schon früh von solchen Sonnen weit draußen, die Leben spenden, gehört? Richtig: in Gene Roddenberrys Raumschiff Enterprise der 1960er und der Star-Trek-Serie der 1970er Jahre. Bei ihrer Konzipierung dachte man an erdähnliche Planeten.

Frieden mit Warp-Antrieb

Das Raumschiff Enterprise besucht sie mit dem überlichtschnellen Warp-Antrieb, um bislang unbekannte Lebensformen zu entdecken. Dabei schlichtet es auch gelegentlich Konflikte, teils mit kriegerischen Mitteln, im Ganzen aber als Friedensmission. Dass die neueren Nachrichten aus dem All hauptsächlich diese Fantasie nahelegen, ist signifikant. Denn der Star-Trek-Utopie sind inzwischen ganz andere gefolgt. Damals konzentrierte sich das utopische Moment auf die Raumschiffbesatzung, deren Friedlichkeit wirklich beeindruckend ist. Menschen aller Hautfarben und Geschlechter arbeiten geräuschlos diszipliniert zusammen. Merkwürdig ist nur, dass das Raumschiff selbst schon die Utopie ist, statt sie an einem Zielort seiner Reise erst aufzusuchen. Es heißt zwar, auf der Erde seien alle zivilisatorischen Probleme gelöst. Die Besatzung hätte die Utopie dann gleichsam schon hinter sich. Doch so recht überzeugend ist das nicht.

Zwei Jahre nach dem US-Start der Enterprise kam 1968 Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum in die Kinos. Dort wird nicht verschwiegen, dass die Astro- oder Kosmonauten teils sowjetische, teils US-Bürger sind, auch wenn sie sich dann gut vertragen. Auf der Erde ist Kalter Krieg und sind Atombomben zum Einsatz bereit. Sollten die Reisen ins All nicht doch eine Distanz zur Erde, ja eine Fluchtneigung ausdrücken? Nicht verrückt wäre es, wenn einem die Worte des Kirchenvaters Augustinus dazu einfielen: „Nun fragt vielleicht jemand, wo während der Zeit des Weltbrandes die Heiligen sein werden, die doch, da sie Leiber haben, auch an einem räumlichen Ort sein müssen. Wir können antworten, dass sie dann in höheren Regionen sich aufhalten werden, wohin die Flamme jenes Brandes ebenso wenig dringen wird wie einst die Woge der Sündflut.“

Bei Star Trek kommt erschwerend dazu, dass es keinen rechten Himmel gibt, auf den man sich zubewegen könnte. Die Exoten, denen man auf fernen Planeten begegnet, sind eher vorsintflutlich. Als stellten sich alte Römer vor, sie seien in Schwarzafrika, wo es Menschen ohne Kopf, denen die Augen auf der Brust sitzen, geben soll. Captain Kirks Mannschaft hängt buchstäblich in der Luft.

Am Anfang der Geschichte der Utopien hatte die Suche nach einer besseren Welt gestanden und war diese dann auch ausgemalt worden. Dass die ersten frühneuzeitlichen Utopien, Utopia (1516) von Thomas Morus oder Der Sonnenstaat (1602) von Campanella, in einer Situation des irdischen Verfalls entstanden und also eine Art Fluchtliteratur waren – der Schock der Pest hallt lange nach –, verbindet diese Autoren mit denen von Star Trek, auch wenn die Serie es sich nicht anmerken lässt. Nur dass sie kein Ziel mehr ansteuert. Damals, bei Morus und Campanella, war noch ausgiebig gehofft worden. Während jene Romane sich in unentdeckte Erdzonen begaben, wurde bald auch der Mond bevölkert (Kepler, Cyrano de Bergerac), woran Jules Verne unter gänzlich veränderten Bedingungen wieder anknüpfte. Denn zu seiner Zeit – er schrieb seit 1863 – war die industrielle Technik so weit fortgeschritten, dass die utopischen Entwürfe schon mehr waren als Fantasie. Wie Vorschläge für eine künftige Produktion nahmen sie sich aus.

Und als im 20. Jahrhundert versucht wurde, eine umfassende Utopie, die kommunistische, wirklich zu errichten, kamen sich Romane und Realitäten bedenklich nahe. Davon zeugt Der rote Stern (1908) des bolschewistischen ZK-Mitglieds Alexander Bogdanow und zeugen noch die Romane Stanislaw Lems. In dieser Literatur werden neue Welten erreicht, aber keine mehr, bei denen man wirklich anlangen möchte.

Damit verglichen ist Star Trek eine sehr vorsichtige, dafür wieder optimistische Utopie, der es nur nicht gelingt, ihren Selbstzweifel zu überwinden. Die Serie atmet noch den futurologischen Geist der 1960er Jahre, doch dass sie zeitgleich mit dem Bericht des Club of Rome startete, dürfte symptomatisch sein. Wie anders die Star-Wars-Trilogien, die 1977 beginnen! Jetzt ist das neoliberale Zeitalter angebrochen, und Avantgarde ist passé. In der Welt dieser Filme wird nur noch zwischen „Gut und Böse“ gekämpft. Ein Netz von Archetypen, angefangen mit dem der animistischen Macht, liegt ihnen zugrunde. Republikaner kämpfen gegen Tyrannen und umgekehrt – eine Welt, die es immer schon gab und immer geben wird. Dass es die unsrige ist, kann ja schwerlich bestritten werden. Der zweite Teil der dritten Trilogie kommt nun 2017 im ersten Trump-Jahr heraus – es passt wie die Faust aufs Auge. Ob er aber die Menschen noch erreicht, ist fraglich. Denn die haben ganz reale Angst und werden mit ihr alleingelassen.

Ein Embryo namens Mensch

Wenn man heute mit Raumfahrtinteressierten spricht, kommen wahre Angstfantasmen zutage. Etwa darüber, dass die Erde in einer Milliarde Jahren unbewohnbar werde. Dabei gibt es die Gattung Homo sapiens erst seit 195.000 Jahren. Noch nicht mal in ihren Embryonalzustand ist sie eingetreten und grämt sich schon über ihre Todesstunde. Indem die NASA solche Ängste züchtet, sucht sie ihre Finanzierung zu sichern. Auch ihre Warnungen vor Kometeneinschlägen stoßen in dieses Horn. Doch die Nachrichten von erdähnlichen Planeten lenken die Fantasie in eine ganz andere Richtung. Das ist das Gute an Trappist-1. Müssen wir wirklich so viel Angst haben? Sollten wir nicht lieber zum Nachdenken über eine bessere Welt zurückkehren? Und wäre sie 40 Lichtjahre entfernt! Ein bescheidenes Abbild könnten wir ja auf Erden errichten.

Die Harry-Potter-Romane dürfen hier wirklich nicht fehlen. Der erste erschien 1997. 1999 lief die zweite Star-Wars-Trilogie an, weckte aber kein großes Interesse mehr. Ganz anders die Welt der Zaubererschule von Joanne K. Rowling. Die Todesangst ist das Thema ihrer Romane. Geschickt knüpft die Autorin am Gut-Böse-Schema von Star Wars an. Aber statt das Böse in geheimnisvollen Mächten zu lokalisieren, ist es bei ihr die bloße Folge davon, dass ein armseliger Mensch, Lord Voldemort, um keinen Preis sterben will. Allen Firlefanz magischer Effekte, mit denen Star Wars glänzt und einschüchtert, setzt Rowling nur ironisch ein. Dass die Besen, auf denen die Schüler fliegen, etwas wie Computer sind – sie heißen etwa „Nimbus 2000“ –, ist kaum zu übersehen.

Auf Flüge zu erdähnlichen Planeten kann Rowling verzichten. „Unbekanntes Leben“ gibt es ja auch hier. Und Angst vor Fremden ist kein Thema. Die Schüler heißen nicht nur Harry und Hermine, sondern auch Cho und Parvati, werden aber nie auf ihren „ethnischen Hintergrund“ angesprochen. Das gute Moment von Star Trek ist also aufgehoben. Doch diese Schüler tun mehr, sie bekämpfen den irdischen Wahnsinn.

06:00 03.03.2017
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