Harrys Entscheidungen

Moral der Geschichte Die Verfilmung des letzten Teils der Harry-Potter-Serie ist misslungen. Lieber noch einmal Joanne K. Rowlings Roman genau lesen!

Selbst wenn man nicht wüsste, dass Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil II, eine Literaturverfilmung ist, wäre dieser Abschluss der Potter-Serie enttäuschend. Der Kampf zweier Armeen um die Frage, wer den Endsieg erringt, das Gute oder das Böse, ist nicht originell. Die filmtechnischen Tricks mögen noch so gigantomanisch sein – zum Beispiel das Heer beweglicher Ritter aus Stein, das die Verteidiger des Zauberer-Internats Hogwarts aufbieten –, sie lassen uns doch kalt. Die Steinritter kommen in der literarischen Vorlage gar nicht vor. Auch nicht die unüberschaubare Masse von Männern, mit denen Lord Voldemort, der das Böse verkörpert, den Angriff unternimmt; nicht das schwindelerregende Tal, das sie im Angriff überwinden müssen, nicht der Zusammenbruch der Brücke, die sie erstürmen. Hätte der Film aufgegriffen, was stattdessen vorkommt: dass zuletzt noch die Tiere in den Endkampf eingreifen, der dadurch eine fast biblische Dimension gewinnt, er wäre viel aufregender gewesen.

In Massen tritt im Roman gar nichts auf, weder die Gruppe von „Todessern“ um Voldemort noch die Menschen um den 18-jährigen Harry Potter und auch nicht die Tiere. Physische Gewalt ist nicht sein Thema. Man kann ihn ohne 3-D-Brille lesen, denn der Autorin Joanne K. Rowling geht es nicht um Stoß und Druck, Energie und Gravitation, sondern um die Entstehung von Einsichten. Sie will Sinn kommunizieren, trotz aller magischen Metaphorik. So wirft der Film fast nur die Frage auf, ob die Macht von Filmen groß genug ist, Lektüre-Erlebnisse zu verschütten. Ob Heranwachsende in Zukunft nicht mehr nach den Potter-Büchern greifen, weil es ja schneller geht, die Filme anzusehen. Wir wollen es nicht hoffen.

Wie verschieden kann Jugendliteratur sein! Und es hängt etwas davon ab. Der Moderator eines Gesprächs zwischen Wernher von Braun und Hermann Oberth, das im Fernsehen in der Nacht der ersten Mondlandung gezeigt wurde, faßte die „ganz einfache“ Geschichte der Raumfahrt mit den Worten zusammen, Oberth habe als Junge Jules Verne gelesen und von Braun, sein Schüler, sei der Mondlandungs-Konstrukteur. Das war nicht abwegig. Wer weiß, ob von Braun nicht auch Karl May verschlungen und Kara Ben Nemsi bewundert hat, den Unbesiegbaren, der seine Feinde christlich schont, während Halef, der Diener, mit der Nilpferdpeitsche zuschlägt. In den neunziger Jahren sah man Plakate vom Krieg der Sterne in den Zimmern der Jugendlichen hängen. Spielten Bücher da überhaupt noch eine Rolle? Filme, und zudem das Internet, schienen prägender geworden zu sein.

Alltagsmensch und Superheld

Wenn es Schlüsselwerke der Jugendliteratur gibt, von denen die Lebens- und Glückserwartung und das Werteverständnis von Jugendlichen beeinflusst wird, dann gehören die Potter-Romane dazu und markieren eine Wende. Schon allein der demokratische Charakter der Handlung verstand sich nicht mehr von selbst. Die Filme vom Krieg der Sterne hatten uns an kürzere oder längere Befehlswege der Raumschiff-Besatzungen gewöhnt. Wenn der Commander sich in die Soldatin verliebte, war man schon zufrieden. Harry Potter dagegen nimmt die gute angelsächsische Tradition des Superhelden, der nur ein Alltagsmensch ist, wieder auf. Man kann ihn auf Superman zurückführen, die Comic-Figur, die erfunden wurde, um der deutschen Vorstellung vom „Übermenschen“ eine demokratische Version entgegenzusetzen: Superman, wenn er nicht gerade in den Lüften gegen böse Mächte kämpft, ist ein schüchternes Bürofaktotum. Was Harry Potter angeht, hat er zwar ungewöhnliche, ihm selbst rätselhafte magische Fähigkeiten, ist sonst aber ein gewöhnlicher pubertierender Junge und recht mittelmäßiger Schüler. Sein Mut zeichnet ihn aus, sonst ist er unsicher und unbeholfen. Wäre da nicht Hermine, die kluge, etwas streberhafte Kameradin, er wäre oft ziemlich aufgeschmissen. Seine Jugend und demokratische Mittelmäßigkeit macht ihn auch Frodo Beutlin vergleichbar, dem Helden der Tolkien-Trilogie Der Herr der Ringe.

Doch es geht nicht nur um die demokratische Form. Inhaltlich haben die Potter-Romane viel mehr Tiefgang als die Tolkien-Romane, von Superman ganz zu schweigen. Wie es der Titel des letzten Romans ausspricht, handeln sie vom Tod. Nicht davon, dass es im Kampf zweier Heere zu Todesfällen kommt, sondern vom jeweiligen Tod und den Konsequenzen, die ich aus dem Wissen, dass er mich ereilen wird, ableite. Die Botschaft der Potter-Romane ist sehr einfach: Je mehr man den Tod um jeden Preis abschaffen will, desto mehr wird man zum Verbrecher. Weil das keine Botschaft ist, die banal wäre oder sich von selbst verstünde, verdient eine Autorin Bewunderung, die sie zur Kenntlichkeit zuspitzen kann, und das in Jugendromanen. Was sind die deathly hallows, „Heiligtümer des Todes“ oder tödliche Heiligtümer? Drei Dinge aus einem Märchen für Kinder von Zauberern, das sich als wahr erweist: der Zauberstab Elder, „der seinem Besitzer in jedem Duell zum Sieg verhelfen würde“, ein Stein, der „die Macht haben werde, die Toten zurückzuholen“, und ein „Umhang, der unsichtbar machte“, so dass selbst der Tod seinen Träger nicht verfolgen kann. Diese Dinge haben sich drei Brüder vom Tod gewünscht im Glauben, sie könnten ihm mit ihrer Hilfe entrinnen. Doch sie täuschen sich. Der Zauberstab ist zwar unbesiegbar, aber nicht vor Diebstahl gefeit. Der Stein holt Tote zurück, ohne sie lebendig zu machen. Und wer will denn ständig unsichtbar sein? Er wäre schon wie ein Toter.

Charakter des Bösen

Harry hat in Professor Dumbledore, dem Direktor des Zauberer-Internats, einen wundervollen Lehrer, der ihn über das Böse aufklärt. Doch selbst Dumbledore war in seiner Jugend der Versuchung erlegen, den Tod besiegen zu wollen. Wer alle hallows in einer Hand vereinigt, hat ihn besiegt, dachte er und versäumte es, sich um seine kranke Schwester zu kümmern; während er nach künftigem Leben gierte, starb sie im Präsens. In der Handlung des Romans spielen die hallows nur diese Rolle, Dumbledores Schuld zu veranschaulichen. Sehr viel mehr fallen die „Horkruxe“ in die Augen. Das sind tödliche Heiligtümer anderer und nun wahrhaft verbrecherischer Art. Lord Voldemort, der einst als gewöhnlicher Mensch geboren wurde, hat sein Leben in sieben Horkruxe, Dinge und Lebewesen, gesteckt mit dem magischen Erfolg, dass er erst sterben wird, wenn es jemandem gelingt, sie alle zu zerstören. Der Preis war, dass er für jeden Horkrux einen Menschen ermorden musste. Im letzten Potter-Roman suchen Harry, Hermine und Ron, der andere engste Freund, nach den Horkruxen.

Dadurch, dass die Abschaffung des Todes durch eine Mehrzahl von Dingen und Lebewesen, eben die Horkruxe, gelingen soll, verschaulicht Joanne Rowling den strukturellen Charakter der bösen Macht. Lord Voldemort verkörpert sie nur. Sein Versuch, ihr einen Körper zu geben, zieht sich als roter Faden durch alle Romanbände.

Zuletzt stellt sich heraus, dass Harry selbst der letzte Horkrux ist, der auch noch zerstört werden müsste. Voldemort hatte seine Eltern ermordet, als er ein Säugling war, doch der Fluch, der auch ihn töten sollte, war zurückgeprallt, weil die Liebe der Mutter als Schutzschild dazwischentrat. Etwas davon hatte aber doch eindringen können und bildete seitdem in seinem Innern eine Voldemort-Enklave. Als Harry das begreift, glaubt er, Dumbledore habe ihn nur darauf vorbereitet, in den Tod zu gehen, damit Voldemort auch dieser letzte Stützpunkt entzogen werde. (Der Film stellt Harrys Glauben als Realität hin.)

Mutig, nicht elitär und böse

Das macht ihn wütend, führt aber doch dazu, dass er den Bösen aufsucht, um sich von ihm töten zu lassen. Die Freunde, die sich an seinem Kampf beteiligt haben, sollen nicht länger leiden. Voldemort versucht denn auch, ihn zu töten, der Effekt ist aber nur, dass Harry danach kein Horkrux mehr ist. Er bleibt am Leben. Warum? Im Möglichkeitsraum seiner Gedanken hat er Gelegenheit, sich mit Dumbledore noch einmal zu unterhalten. Der war dem Krieg schon im vorletzten Roman zum Opfer gefallen. „Aber ich hätte sterben müssen“, sagt Harry verwundert. „Ich wollte mich von ihm töten lassen!“ – „Und das“, sagte Dumbledore, „wird, denke ich, das alles Entscheidende gewesen sein.“ Nicht sterben sollte er, sondern bereit sein, das Risiko auf sich zu nehmen.

Dass Rowling auf eine gedankliche Biografie zielt, wird spätestens am Ende des zweiten Potter-Romans deutlich. Also sehr früh: Ideale Leser, die im jeweiligen Potter-Lebensalter mitlesen, wären gerade mal zwölf. Da kommt Harry darauf zu sprechen, dass der „sprechende Hut“, der die neu Eingeschulten auf die Häuser von Hogwarts verteilt, Harry ins Haus derer schicken wollte, die als Zauberer elitär denken und sich so dem Bösen öffnen.

Tatsächlich war Voldemort einst Schüler dieses Hauses gewesen und der „fähigste“ im ganzen Internat. Gerade das, zusammen mit der Scham seiner Abkunft von einem Vater, der ein Mensch ohne Zauberkräfte gewesen war, trieb ihn an zu hoffen, er könne zum größten Magier werden durch die Abschaffung des Todes. Doch weil Harry sich gegen das elitäre Haus sträubte, gab der Hut nach und schickte ihn in ein anderes Haus, das der Mutigen. Und was lernen wir daraus? Nichts Magisches. Dumbledore verallgemeinert: „Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, Harry, die zeigen, wer wir wirklich sind.“

Wenn ich das lese, denke ich an Menschen wie Ray Kurzweil, mit denen die Frankfurter Allgemeine vor zehn Jahren, zeitgleich mit dem Erscheinen der ersten Potter-Bände, eine Serie über unsere Zukunft bestritt. Was sie sagten, klang so prophetisch: Sie wollten den Tod abschaffen. Verfolgt man ihre Debatte über Zeitungen hinaus, stößt man auch schon einmal auf Professoren, die entdeckt haben, dass man, um den menschlichen Tod abzuschaffen, ja nur den Menschen abschaffen muss. Sie sagen, er werde durch „Künstliche Intelligenz“ ersetzt.

Harry wollte nicht andere für sich sterben lassen wie Voldemort. Deshalb entschied er den Kampf für sich. Übrigens wohl nicht auf endgültige Weise. Den Elderstab wollte er bis zum Lebensende unbenutzt aufbewahren, in diesem Fall würde es ihn nach seinem Tod nicht mehr geben. (Im Film kann Harry ihn einfach knicken und er ist weg.)

Auch eine Wiederauferstehung Voldemorts schließt Rowling offenbar nicht aus. Immer wenn er aktiv war, hatte Harry es am Schmerz seiner Stirnnarbe erkannt. Der Epilog zum letzten Roman, in dem er Vater geworden ist, schließt mit den Worten: „Die Narbe hatte Harry seit neunzehn Jahren nicht geschmerzt. Alles war gut.“ Wir wissen nur nicht, was in den nächsten 19 Jahren passiert.

11:55 13.07.2011
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