Hätte der Wettbewerb Augenmaß

Sprache der Krise Der Markt ist frei, aber der Diskurs darüber wird streng kontrolliert

Bevor man die „Brandstifter“ fängt, muss man zuerst das „Feuer löschen“. Das wurde uns eingetrichtert, als die Finanzkrise ausbrach. Warum diese Metapher statt einer anderen? Warum nicht das Bild des Dramatikers Friedrich Dürrenmatt: Der Brandstifter bittet mich um ein Streichholz, damit mein Haus in Flammen aufgeht – muss ich es ihm geben? Die Antwort fällt hier noch leicht. Beide Metaphern treffen die Sache, um die es geht, aber nur die erste ist auf der Bildebene stimmig. Deshalb macht sie das Rennen. Man fragt sich allerdings, warum die Brandstifter auch später nicht verfolgt wurden.

Ein Politiker wie Peer Steinbrück zweifelt inzwischen an dieser Metapher. Trotzdem kann er sein Denken nicht von ihr lösen. Manchmal müsse man „Feuer mit Feuer“ bekämpfen, sagt er und springt gleich ins nächste Bild: „Mit der Therapie, zu der wir gezwungen sind, bereiten wir möglicherweise die nächste Infektion vor.“ Er sagt auch, was gemeint ist: Eine Kreditblase wird durch eine andere, nunmehr staatliche Kreditblase bekämpft. Um zu glauben, dass das gelingen könnte, muss er schon wirklich von der Metapher inspiriert und in ihr geborgen sein. „Feuer mit Feuer“? Vielleicht weil Feuer nicht platzt?

Das Denken in Metaphern gilt nicht als rational. Wenn wir argumentieren, setzen wir sie nachträglich ein, um das uns vernünftig Erscheinende möglichst eingängig zu machen. Es kommen aber Engpässe des Denkens vor, in denen die Metapher einspringt, weil die Vernunft uns verlassen hat. So auch die Bad Bank, die seit Wochen die Debatten der Politiker beherrscht. Bad Bank ist nicht Evil Bank, einem Reich des Bösen gehört sie nicht an; eher denkt man ans Bad Girl, und das ist schon viel erfreulicher. „Berlin ist arm, aber sexy“, hat Klaus Wowereit gesagt. Sind die Bankeigner reich, aber sexy? Ganz so einfach ist es zwar nicht, aber im Endeffekt läuft es darauf hinaus. Unsere Banken sind „notleidend“, weil sie arm werden könnten, wenn nämlich der Steuerzahler ihre Schulden nicht ausgliche. Das tut er aber, dafür steht die Politik ein. Die Eigner sind so reizvoll, so schön, dass wir ihre Schwäche nicht ertragen können.

Metaphern, die sich zu fixen Ideen verfestigen

Die Sprache der Krise erschöpft sich nicht in einzelnen Ausdrücken. Man muss den ganzen Krisendiskurs analysieren. Die wiederholten Metaphern, die sich zu fixen Ideen verfestigen, sind nur eine Dimension davon. Wenn wir der Methode Michel Foucaults folgen, achten wir auch auf drei weitere Dimensionen. Grundlegend ist diejenige, die sich über die Frage erschließt, welche Gegenstände überhaupt „auftauchen“.

Wenn‘s sein muss, alle, möchte man zunächst antworten. Es wird doch über alles Mögliche geredet: Dass man die Arbeitsplätze sichern und die Banken nicht nur stützen, sondern künftig auch stärker kontrollieren will. Dass darunter die unternehmerische Freiheit nicht leiden soll. Dass dies Freiheit freilich auch in Verantwortung ausgeübt werden muss. Und dass sie, was die Festsetzung von Managergehältern angeht, begrenzen sollte.

Dass die Banken mehr Kredite geben, die Bürger mehr konsumieren sollen, beides mit staatlicher Hilfe, zu welchem Zweck der Staat sich verschuldet, wobei es eine Obergrenze gibt. Dass der Bürgerkonsum durch Vergütungen, aber auch durch Steuersenkungen angekurbelt werden kann.

Diese Themen „tauchen auf“ wie Fische an der Wasseroberfläche. Foucaults Formulierung ist erhellend, denn man meint, ganz freien Bewegungen der Kommunikation zuzuschauen. Jeder andere Fisch könnte ebenso gut „auftauchen“, vorausgesetzt nur, dass es ihn überhaupt gibt. Aber wir bemerken bald, gar so beliebig ist das Spiel dann doch nicht. Es wird durch innere Gegensätze strukturiert. Wenn Angela Merkel Steuersenkungen in Aussicht stellt, sieht die FAZ darin eine Aktion der Parteichefin, die dem widerspreche, was sie als Kanzlerin tue. Die Regierung appelliert an die Verantwortung und will doch kontrollieren. Das könnte zusammenpassen, tut es aber faktisch nicht. Wenn Steinbrück ein Gesetz zur Verstaatlichung von Banken vorbereiten lässt, um die Kontrolle wirksam werden zu lassen, regt sich Widerstand im Unionslager. Dieses ruft zwar ebenfalls nach mehr Kontrolle, hütet sich aber vor der Konkretisierung. Kurzum, es werden viele, teils gegensätzliche Antworten gegeben. Zu denen müssen wir jetzt nur noch die Fragen suchen, dann haben wir den Diskurs und seine Grenzen.

Aus dem Diskurs ergibt sich, dass man auf bestimmte Gegenstände aufmerksan wird und auf andere nicht

Wie viel kontrollierender Staat ist nötig? Was heißt es speziell in der Krise, dass das Nötige sich in möglichst engen Grenzen zu halten hat, damit der Markt nicht beschädigt wird? Wie viel freier Markt ist möglich, wenn man davon ausgeht, dass es möglichst viel sein soll? Das ist der Diskurs. Daraus ergibt sich, dass man auf bestimmte Gegenstände aufmerksam wird und auf andere nicht – so wie jemand, der nach der Zeit fragt, nicht in den Spiegel schauen wird, sondern auf die Uhr oder den Stand der Sonne. Das Problem ist nur, dass den Fragen des Diskurses Postulate und Annahmen zugrunde liegen, die ihrerseits unbefragt bleiben. „So viel Markt wie möglich, so viel Staat wie nötig“, „der Markt muss frei sein“, „er funktioniert nur in Freiheit“, „Freiheit ist das höchste Gut“ – und wenn in diesen Sätzen eine Verworrenheit läge?

Der Unterschied zwischen zwei Begriffen von Freiheit wird nicht sichtbar. Faktisch redet man von einer Freiheit bestimmter Art, die nicht mit Wahlfreiheit verwechselt werden sollte. Denn sie könnte auch als Selbstzwang bezeichnet werden. Die Kreditblase ist aus freiem Unternehmerwillen entstanden, aber was sollten die Banken denn machen, um den Wert ihrer Wechsel aufrechtzuerhalten? Sie mussten ihr fiktives Geld doch irgendwie „arbeiten“ lassen. Genau an dieser Stelle versagt der Diskurs. Indem er den Bankern vorhält, sie hätten unverantwortlich gehandelt, unterstellt er ihnen Wahlfreiheit, obwohl ihre Freiheit nur darin bestand, dass sie keinem äußeren, sondern einem inneren Zwang folgten. In der Hoffnung auf Gewinn unterwarfen sie sich bereitwillig den Marktgesetzen. Das ist alles. Und das gilt nicht nur für Banker, sondern für den „freien Markt“ überhaupt. Wenn einige Politiker auf die „Unverantwortlichkeit“ der Banker mit dem Postulat der Kontrolle reagieren, dann fragen sie sich nicht, wie etwas, das zwangsweise geschieht, mit äußerlicher Kontrolle vereinbar sein soll.

Der Diskurs lässt diese Frage nicht zu. Das erklärt auch die fixen Ideen: „Feuer mit Feuer bekämpfen“ – dem Feuer einer Freiheit, die in sich selbst konfus ist, was die Politiker irgendwie auch spüren. Aber sie kommen der Zweideutigkeit nicht auf den Grund. Deshalb springt eine Metapher ein und verstopft die Löcher in der Diskurswand.

Man bräuchte nur die konfusen Fragen durch andere, bessere zu ersetzen

Die Grenzen eines Diskurses sind dadurch gezogen, dass man in ihm bestimmte Ansichten und genauso gut deren Gegenteil äußern kann. Das ist die dritte Dimension des Diskurses, es ist das, was Foucault die „strategische Wahl“ nennt: eine bestimmte Variabilität der Ansichten in den Grenzen eines Sinnkerkers. Weil es sich immer um Antworten auf dieselben konfusen Fragen handelt. Wer sich im Raum dieser Frage bewegt, darf die Verstaatlichung der Banken so gut bejahen wie verneinen. Nur muss er, bewusst oder unbewusst, der Voraussetzung zustimmen, dass sie jedenfalls eine Maßnahme äußerlicher, im Grunde freiheitswidriger Kontrolle wäre. Deshalb sieht er sich zu dem Schluss genötigt, dass sie entweder, weil der Regel der Freiheit widersprechend, unterbleiben soll oder als unvermeidliche Ausnahme gerade noch durchgeht. Sinnkerker? Da er nicht aus Stein ist, müsste man ihn doch jederzeit verlassen können. Man bräuchte nur die konfusen Fragen, die seine Konstruktionszeichnung sind, durch andere, bessere zu ersetzen.

Deshalb muss ein Diskurs noch eine vierte Dimension haben, die den Exodus wenigstens erschwert. Das sind laut Foucault die „Sprecherpositionen“ und „Äußerungsmodalitäten“: Sie verhindern, dass jeder Beliebige kommt und zu fragen anfängt, und alle anderen es hören können, und etablieren Sprechweisen, die vom freien Fragen möglichst weit ablenken. Denn hier ist Freiheit nun gar nicht angesagt, hier geht es nur um Kontrolle. Ein Wort zu den Sprechweisen: Es gibt Ankündigungen, auch Vorwürfe – die sehr moderat ausfallen –, es wird beruhigt, und es werden Prinzipien erörtert. Das sind genau die Modalitäten, die ins Spiel kommen, wenn Fragen vor der Gefahr zu schützen sind, sie könnten als Fragen erkannt und auch so behandelt werden, indem man sie entweder beantwortet oder als falsch gestellt zurückweist.

Beim Erörtern von Prinzipien glänzt besonders die Kanzlerin: Sie fordert eine „Charta des nachhaltigen Wirtschaftens“ und will „fünf Prinzipien verankern“, zum Beispiel „Der Staat ist der Hüter, der Wettbewerb braucht Augenmaß“. Ein Prinzip, das wieder nur aus Metaphern besteht. Der Hüter? Der Staat als Hirte konkurrierender Schafe? Oder denkt Merkel an Kain, der nicht seines Bruders Hüter sein wollte? Von Denken kann keine Rede sein. Es ist aber eine Glanzleistung, sich den Wettbewerb als maßvollen Herrn vorzustellen, denn die Kanzlerin hat recht: Wenn nur die Wettbewerber Augenmaß hätten, bliebe die Eigenlogik des Wettbewerbs unangetastet, der nun einmal zur Maßlosigkeit treibt.

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01:00 19.02.2009
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Ausgabe 42/2020

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