Herzen glauben nicht an Krisen

Dokumentation In berührenden Bildern erzählt „Watermark“ vom globalen Wasserproblem
Michael Jäger | Ausgabe 20/2014 4

Watermark, deutsch Wasserzeichen, wird die Stelle etwa einer Banknote genannt, die lichtdurchlässig ist und nur bei Lichtdurchlass seine sonst unsichtbaren Zeichen zeigt. Einen Dokumentarfilm über das Wasser der Welt so zu nennen, haben die Regisseurin Jennifer Baichwal und der Fotograf Edward Burtynsky zwei Gründe: Einmal wollen sie über die ökologische Krise des Wassers aufklären und gleichsam für Durchblick sorgen. Was wir Aufklärung nennen, heißt englisch enlightenment, Lichteinfall. Zum andern zeigen sie nicht nur die Fakten der Krise, sondern auch ihre kulturelle Seite. Ob Überflutung, Austrocknung, Vergiftung durch Chemikalien, immer ist Wasser betroffen, das vorab in einer Ordnung von Zeichen wahrgenommen wird, dem Diskurs einer Kultur. Fotos von Burtynsky sind die Basis, Baichwal gibt ihnen die Bewegung und das Sprechen der Beteiligten zurück.

Mit der Aufklärung ist das so eine Sache. Dass der Film nur selten hässliche Szenen zeigt wie die aufgesprungene Erdhaut eines vertrockneten Flussbetts in Mexiko oder die verfärbten Rinnsale, die aus Gerbereien in Bangla Desh sickern, ist eine kaum vermeidbare Paradoxie. Burtynskys Katastrophenbewusstsein könnte zwar nicht größer sein. Er weiß, dass die bevorstehende Abschmelzung der Polarkappen große Mengen Methan freisetzen wird, „gegen das die Abgase von rund einer Milliarde Autos derzeit ein Scherz sind“. Da nichts dagegen getan werde, „fahren wir eben alle zur Hölle“, sagt er. Aber die Arktis, die gefilmt werden kann, ist noch da, und wir sehen statt der Katastrophe ein Forscherteam, das in den Schichten des Eises die Geschichte des Planeten aufblättert.

Die freundlichen und ruhigen Menschen des Teams erläutern uns, dass die Wärmezeiten immer schon viel kürzer als die Eiszeiten waren, und meinen, das Wasser sei aus dem Weltall durch den Einschlag von Kometen-Eis auf uns gekommen – eine Vorstellung, die in ihrer Vereinseitigung der wissenschaftlichen Diskussion etwas Mythisches hat. Das alte Bild vom „Himmel“, der die Erde „still küsst“, wirkt darin noch nach. Wenn es von einem kanadischen Indianer in Worte gefaßt wird, ist es anheimelnd. Seine Naturumgebung ist ja noch intakt. Auch andere Bilder verhüllen das Schlimme eher als dass sie es zeigen. So dürfte es der Gesundheit nicht gut tun, im Ganges zu baden. Doch wenn wir den Tausenden zusehen, die es tun, um ihre Sünden abzuwaschen, und hinterher erleichtert tanzen, steckt uns ihre Freude an.

Zu begreifen, dass der kulturelle Diskurs hier gerade nicht zum Schutz des Wassers beiträgt, ist beunruhigend. Halten wir es doch für weiterführend, die ökologische Krise als kulturelle zu kommunizieren, damit sie nicht nur in die Köpfe, sondern auch in die Herzen dringt. Gerade die Herzen glauben nicht an die Krise. Auch im Westen nicht. Der kalifornische Wettkampf im Surfen, der den Bildern vom Ganges folgt, wird nun ebenfalls als Ritual und Zeichensystem einer Kultur lesbar. Menschenmassen auch hier, nur gehen die meisten nicht ins Wasser, sondern schauen nur zu und sind auch so begeistert. Dass nicht weit von ihnen eine Flusslandschaft zur Wüste geworden ist, kommt ihnen nicht in den Sinn.

Der Film führt in zehn Länder und an zwanzig Orte. Er beginnt mit einer wilden Flutung, in der man zu ertrinken glaubt, weil zunächst keine Grenzen zu sehen sind. Bevor man begreift, dass die Flut zu einem Staudamm in China gehört, glaubt man erst einmal auf den Planeten Solaris geworfen zu sein. Wir werden darüber aufgeklärt, dass wir noch keinen Durchblick haben.

Watermark Jennifer Baichwal, Edward Burtynsky Kanada 2013, 92 Min.

 

06:00 29.05.2014
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