Höhepunkt im bürgerlichen Schlafzimmer

Klassik Das Musikfest Berlin begeistert mit einem Parcours durch die Symphonien sehr unterschiedlicher Komponisten
Michael Jäger | Ausgabe 37/2016

Auch in diesem Jahr hat das Berliner Musikfest kein Gesamtthema und stellt doch aufregende Serien zusammen. Das muss nicht einmal absichtlich geschehen sein, Symphonien verschiedener Komponisten enthält jedes Festival. Aber wie spannend ist es, eine traditionelle Symphonie wie Antonín Dvořáks Vierte mit heterodoxeren Varianten wie der Vierten von Dmitri Schostakowitsch oder der Sinfonia domestica von Richard Strauss zu vergleichen, und zuletzt gar mit der Turangalîla-Sinfonie von Olivier Messiaen?

Von Dvořák sagt man, mit seiner Vierten (1874) beginne er sich von deutsch-österreichischen Einflüssen zu emanzipieren, und tatsächlich ist das eine Musik der tschechischen Selbstbesinnung, die besonders im Scherzo entzückende Fantasien über die imaginierte nationale Vergangenheit mitteilt. Einflüsse von Gustav Mahler und Johannes Brahms sind auch in Schostakowitschs Vierter zu hören (komponiert 1935/36), so umgewandelt jedoch in revolutionärer Manier, dass man die klassische Symphonieform kaum noch wiedererkennt. Die Aufführung der Münchner Philharmoniker unter Waleri Gergijew war ein Erlebnis, das CD-Hörern nicht zuteilwerden dürfte: Ein Riesenorchester, zu groß fast fürs Podium der Philhamonie, arbeitet komplexe polyphone Linien und subtilste Klangeinzelheiten heraus.

Zu viel Stalin versteckt

Auch Strauss hielt sich für revolutionär, weil er aufhörte, Symphonien mit metaphysischem Gehalt zu schreiben. Von „Freude, schöner Götterfunken“ weit entfernt, schildert seine Sinfonia domestica (1902/03) nur typische Eheszenen: Spiel mit dem Kleinen und Wiegenlied, Streit der Eltern am nächsten Morgen (eine Fuge) mit anschließender Versöhnung, dazwischen in der Nacht – besagt ein Strauss-Handbuch – die „sexuellen Aktivitäten im bürgerlichen Schlafzimmer mit einem beeindruckenden Höhepunkt in Takt 748“. Dies Werk ist ein interessanter Zwitter nicht nur von Tondichtung und Symphonie, sondern auch von Symphonie und Oper: Als wollte sich Strauss auf Bühnenwerke vorbereiten, deren Handlung musikalisch so streng zusammenhängt, als wäre sie aus „absoluter“ Musik geboren.

Mit ganz anderer Absicht verändert Messiaen die Symphonieform. Turangalîla (1945 – 1948) ist seine Adaption des Tristan-Mythos, den er jedoch katholisch umdeutet zur Begegnung mit der Liebe Gottes. Diese fast still, aber rhythmisch komplex sich äußernde Liebe tritt dem Eros der Menschen von außen gegenüber, was sich tumultuarisch entlädt, bevor es zu so viel Ruhe findet, wie menschenmöglich ist. Hochinteressant ist die daraus sich ergebende symphonische Form: Sätze, die vom Transzendenten handeln, stehen für sich und unterbrechen die anderen Sätze, in denen sich das Drama der Menschen entfaltet. Ob Gott es beeinflusst, bleibt offen.

Schostakowitschs Vierte steht zugleich in einem anderen Kontext: Sergej Eisensteins Iwan der Schreckliche (1942 – 1945), begleitet von Sergei Prokofjews dazu komponierter Musik. Symphonie wie Film gehörten zu den Werken, die bei Stalins Kunstwächtern auf Widerstand stießen. Die Vierte äußert sich solidarisch zur Partei, die aber will gar keine eigenständigen Statements mehr hören; in Eisensteins Iwan ist zu viel Stalin versteckt, als dass es die Wächter nicht bemerkt hätten. Doch sie sind Schnee von gestern. Film und Symphonie ruft ein großartiges Musikfest in Erinnerung.

Info

Musikfest Berlin Noch bis 20. September

06:00 28.09.2016
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