Ideale

Preis Hugo Chávez ehrt den Befreiungstheologen Franz J. Hinkelammert

Wie eine fortschrittliche Regierung die Dinge auf vielerlei Art voranbringen kann, zeigt Venezuela. Dort wird jetzt zum ersten Mal der neu gestiftete Premio Libertador ("Befreierpreis") verliehen, eine mit 150.000 Dollar dotierte Auszeichnung kritischen Denkens. Erster Preisträger ist der 1931 im Münsterland geborene Ökonom und Befreiungstheologe Franz J. Hinkelammert. Dieser Mann und sein Werk verdienen es wahrlich, bekannter zu werden. Seine wissenschaftliche Karriere begann in Münster, wurde in Berlin fortgesetzt und führte nach Santiago de Chile, wo er mit seinen Arbeiten die sozialistische Regierung Allende unterstützte. Nach dem Putsch 1973 verließ er das Land, um in San José (Costa Rica) ein ökumenisches Forschungs- und Studienzentrum aufzubauen; dort arbeitet er noch heute. Auch in Deutschland sind einige seiner Bücher zugänglich. Kritik der utopischen Vernunft. Eine Auseinandersetzung mit den Hauptströmungen der modernen Gesellschaftstheorie (1994) darf vielleicht als sein Hauptwerk gelten, das endlich auch unseren Ökonomen bekannter werden sollte.

Hinkelammert kritisiert die utopische Vernunft nicht etwa deshalb, weil er gegen revolutionäre Veränderung wäre. Es ist aber auch kein Zufall, dass man bei der Wortwahl des Titels sogleich an Ernst Bloch denken muss. Bloch erhält die Rüge, dass er nur das Mögliche, nicht aber auch das Unmögliche gebührend untersucht habe. Die utopische Vernunft kritisieren, heißt ihre Grenzen entdecken und ihr ein Prinzip der empirischen Unmöglichkeit zur Seite stellen. Umgekehrt bedeutet das: Die unkritisierte utopische Vernunft ist eine, die nur Katastrophisches auslöst. Dies zeigt Hinkelammert zuerst am Neoliberalismus. Der geriert sich zwar antiutopisch, tut es aber nur deshalb, weil er seinen eigenen "utopischen Extremismus" konkurrenzlos machen will. Hinkelammert zeigt, dass schon bei Hayek, einem Hauptvater dieser Lehre, der "ideale Wettbewerb" als unendlicher Grenzwert konstruiert ist, auf den sich alle Gleichungen zur Berechnung des ökonomischen Gleichgewichts beziehen; man müsste aber, wie Hayek selbst eingesteht, über unendliche Reaktionsgeschwindigkeit und ein perfektes Wissen verfügen, um das Gleichgewicht vom Ideal aus auch tatsächlich erreichen zu können. Da dieses Wissen niemand hat, wird ersatzweise die empirisch so falsche wie theoretisch phantastische Behauptung aufgestellt, der Markt könne sich dem Gleichgewicht irgendwie automatisch "annähern".

Ein anderer Ahnherr des Neoliberalismus ist Karl R. Popper, der sich in seinem Buch Die offene Gesellschaft und ihre Feinde darin gefällt, lieber den Utopismus der Anderen zu kritisieren. Es ist gerade Popper, der ein Prinzip der empirischen Unmöglichkeit aufstellen will, es aber nur der frühen sowjetischen Planwirtschaft entgegenhält: Um die Ökonomie der ganzen Gesellschaft zu planen, müsse man sie ganz kennen, was aber unmöglich sei. Popper behauptet nun einfach, dass Planökonomie weiter nichts als der Versuch sei, das Ideal der Planung des "Ganzen" Eins zu Eins umzusetzen. Sein Prinzip der empirischen Unmöglichkeit läuft darauf hinaus, mit dem Ideal zugleich jede auf das Ideal Bezug nehmende Realität für unmöglich zu erklären und dabei so zu tun, als folge nicht auch die "Wettbewerbswirtschaft" einem Ideal. Hinkelammert hingegen zeigt: Nicht über die "ganze" Gesellschaft informiert zu sein, schließt doch nicht aus, eine bestimmte Vielzahl realer Prozesse zu kennen. Diese zu planen und eben damit einen realistischen Begriff von "Planwirtschaft" zu verbinden, ist sinnvoll - und vor allem auch gerecht. Eine reine "Wettbewerbswirtschaft" ist aber ebenso verrückt, wie es die Chimäre der absoluten unendlichen Planung wäre. Beides sind nur Modelle, deren empirische Generalgrenze man herausfinden muss.

Die sowjetische Wirtschaft hat das auf ihrem Weg faktisch schrittweise versucht, wenn auch sicher nicht mit der nötigen Radikalität. Denn auch im Entdecken der Grenzen des Machbaren muss man radikal sein. Die Lösung, so Hinkelammert, kann nur sein: So viel Planung wie real möglich und im Planungsrahmen so viel Wettbewerb wie real möglich.

Eine international zusammengesetzte Jury wählte ihn aus einem Kreis von 134 Bewerbern aus 14 Ländern zum Preisträger. Der Preis wird Anfang Juni von Staatspräsident Hugo Chávez überreicht werden.


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Geschrieben von

Michael Jäger

Redakteur „Politik“ (Freier Mitarbeiter)

Michael Jäger studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Er war wissenschaftlicher Tutor im Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin, wo er bei Klaus Holzkamp promovierte. In den 1980er Jahren hatte er Lehraufträge u.a. für poststrukturalistische Philosophie an der Universität Innsbruck inne. Freier Mitarbeiter und Redaktionsmitglied beim Freitag ist er seit dessen Gründung 1990. 1992 wurde er erster Redaktionsleiter der Wochenzeitung und von 2001 bis 2004 Betreuer, Mitherausgeber und Lektor der Edition Freitag. Er beschäftigt sich mit Politik, Ökonomie, Ökologie, schreibt aber auch gern über Musik.

Michael Jäger

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