Im Wiederholungsfall

Vorgriff ­Thomas Seibert glaubt, dass eine neue Revolte bevorsteht – und argumentiert mit Heidegger

An dem kleinen Buch fällt zuerst auf, dass sein Autor von der gegenwärtigen Krise sagt, sie sei nicht nur eine der Ökonomie, sondern „auch eine solche des Nihilismus“. Das ist radikaler als zu sagen, neben den ökonomischen Mechanismen sei auch die Legimitation der Ökonomie in Gefahr. Denn wenn das eine Nihilismuskrise ist, kann die Legitimation nicht gefährdet sein, weil es dann gar keine gibt. Und doch erwartet der Philosoph, Attac-Aktivist und, wie er sich selbst nennt, Kommunist Thomas Seibert, dass in naher Zukunft wieder eine Revolte in der Art des „Mai 68“ ausbrechen wird. Auf diesen Fluchtpunkt hin ist sein Buch Krise und Ereignis geschrieben. Ist das Wunschdenken? Der Autor bringt keine soziologischen Daten bei, die seine Erwartung stützen könnten. Andererseits ließe sich durchaus empirisch argumentieren: Wenn man die jüngere Geschichte betrachtet, stellt man fest, dass es alle 20 bis 30 Jahre entweder zum Krieg oder zur Revolte gekommen ist, legitimiert oder nicht und sogar im saturierten Westen.

Seibert geht nicht soziologisch oder historiografisch, sondern philosophisch an die Frage heran. Ist die Verbindung anspruchsvoller Philosophie mit radikalem politischem Engagement an sich schon ungewöhnlich, so exponiert er sich dadurch noch mehr, dass er weithin heideggerianisch argumentiert. Das führt aber zu produktiven Ergebnissen. Mindestens drei Hauptgedanken sind interessant: Erstens, die kommende Revolte wird unter der Frage erörtert, ob und wie sie ein „Wahrheitsereignis“ ist. Dieselbe Frage stellt Seibert beiläufig an die Wahl Obamas zum US-Präsidenten, da wird schnell klar, was gemeint ist. Ist das ein „historisches“ Datum in dem Sinn, dass man in späterer Zeit wird sagen können, hier habe sich gleichsam wieder einmal der Weltgeist zu Pferde geschwungen? Ist es also ein „Ereignis“ oder, wie Seibert terminologisch unterscheidet, nur eine „Begebenheit“? Man kann es als Akteur ja nicht wissen, weil es sich erst im Futur II entscheidet. Seibert hält es aber für möglich, „ereignisoffen“ zu sein.

Der subjektive Faktor

Zweitens: Die Frage, ob und wie der Mai 68 wiederkehrt, wandelt er in die heideggerianische Frage um, ob und wie sie sich „wiederholt“. Dabei wird jenes frühere Ereignis als Versuch eines Gründungsakts gedacht, der großenteils oder ganz gescheitert ist. Eben deshalb kehrt er wieder, und nun ginge es darum, den Akt besser gelingen zu lassen.

Drittens, im Medium des subjektiven Faktors stellen sich das Wahrheitsereignis und seine Wiederholung als Tat einer „Generation“ heraus. So hat Heidegger geschrieben, und Seibert setzt sich natürlich als Kommunist mit der Frage auseinander, was davon zu halten ist, dass es die SA war, die vom NS-nahen Philosophen als „Generation“ apostrophiert und gar zum Stellvertreter „des Volkes“ umgefälscht wurde. Wenn heute von manchen behauptet wird, „1968“ sei die Wiederkehr des Impulses von 1933 gewesen, so lässt sich auf Seiberts Linie dagegen halten, dass die 68er gerade angetreten waren, es in der „Wiederholung“ radikal anders zu machen. Denn ihnen schien ja, es sei noch viel zu viel aus der Hitlerzeit übrig geblieben.

Seiberts Überlegungen gelten ganz überwiegend dem subjektiven Faktor. Er spricht von der Militanz, die er ausdrücklich nicht als Gewalttätigkeit bestimmt, sondern als „Treue“ zur überlieferten Widerstandstradition. Sein Hauptergebnis liegt daher auf dieser Ebene: Er meint, es sei an der Zeit, das Projekt einer kommunistischen Partei wieder aufzugreifen. Auch sie stellt er sich als eine in der Wiederholung veränderte Neugründung vor: keine Organisation, eher ein Netzwerk, und zwar von Militanten, die mit anderen Oppositionszentren wie Attac oder der Linkspartei zusammenarbeiten. Es ist die Beschreibung seiner eigenen Praxis. Ob das nun weiterführt oder nicht, für die Gründung einer wie immer vorgestellten Partei der Revolte ist es ohnehin zu spät, wenn diese unmittelbar bevorsteht. Da wird eine andere Frage viel dringlicher: Was sind denn, ob mit oder ohne Parteiform, die Inhalte, die zur „Wiederholung“ anstehen?

Seiberts Antwort ist vordergründig gesehen nicht originell. Er weist darauf hin, dass es 1968 nicht nur objektive Widerstands­ziele gab und einen subjektiven Faktor, der sich ihrer annahm, sondern dass dieser Faktor sich selbst zum Ziel machte mit der Losung, das Private sei politisch. In dieser Antwort steckt aber bei ihm eine Brisanz, die sich nicht dem ersten Blick erschließt. Wir müssen uns ihr auf Umwegen nähern.

Der anthropologische Exodus

Er versucht von einer kleinen Gruppe militanter Philosophen zu lernen: Hardt und Negri, Badiou und Zizek. Besonders ist er dem ersten Paar verbunden, also den Autoren von Empire und Common Wealth. Oder vielleicht muss man sagen, er sei ihm bisher noch verbunden, denn gerade seine Nähe zu Heidegger veranlasst ihn, die Kritik des zweiten Paars am ersten plausibel zu finden. So zeigt er, wie Heideg­ger und ihm folgend Zizek mit Kant argumentiert, während Hardt/Negri das nicht tun; und nimmt wahr, dass Zizek der Moralphilosophie Kants viel näher steht als Heidegger. Seibert ringt um eine Position zwischen den Paaren – nicht zuletzt in einer Frage, deren Bedeutung von anderen übersehen wird: der Frage des „anthropologischen Exodus“, wie Hardt/Negri formulieren. Damit ist die Entwicklung zum Cyborg gemeint, die Überführung des menschlichen in einen maschinellen Körper, den diese Autoren für ein antikapitalistisches Projekt halten. Seibert erteilt der Idee keine Absage, doch immer wieder kommt er auf sie zu sprechen, zumal auch Zizek darüber geschrieben hatte, und scheint doch an ihr zu zweifeln.

Konsequent ist es schon, dass in seiner Perspektive, die den subjektiven Faktor der 68er Revolte herausstreicht, ein Mensch-Maschine-Projekt auffällig wird. Denn was kann uns subjektiv mehr betreffen als der Umbau des eigenen Körpers? Man fragt sich nur, an welchem Ziel gemessen dies Projekt ein antikapitalistisches sein soll. Wenn wir freilich in einer „nihilistischen“ Zeit leben, sind uns Ziele ohnehin abhanden gekommen, das war ja gerade Nietzsches Analyse. Aber die Annahme, gerade so werde sich „1968“ wiederholen, ist nicht absurd. Denn das war nicht zuletzt eine sexuelle Revolution gewesen. Schon Hannah Arendt hatte geschrieben, in ihr beharre der junge Mensch auf seinem eigenen „Leben“ und protestiere so gegen die Technikentwicklung. Heutzutage gibt es Houellebecqs Roman Elementarteilchen, auf dessen vielleicht „ereignisnahe“ Bedeutung Seibert hinweist: Ein Roman über sexuelle Frustration und Libertinage, zugleich aber über einen Biologen, der am Umbau des Menschenkörpers arbeitet. Man sieht also, wenn Hardt/Negri den „anthropologischen Exodus“ befürworten, ist das nicht bloß ein fragwürdiger Traum, es ist auch eine Pro­gnose.

Als solche wird sie von Seibert weitergegeben. Für diese Dimension von Wirklichkeit überhaupt ein Sensorium zu haben und sie dann auch noch zur Sprache bringen zu können, ist eine Leistung, die man vorerst wohl nur von Philosoph(inn)en wie Arendt, Günther Anders, Lyotard oder jetzt Seibert erwarten kann. Man muss ihm dankbar sein, dass er das philosophisch Fassbare politisiert. Denn so viel ist wahr: Wenn sich 1968 wiederholen und es „unsere“ Revolte sein soll, müssen wir vorher beginnen, uns über das Ziel zu verständigen.

Krise und Ereignis. Siebenundzwanzig Thesen zum Kommunismus Thomas Seibert, VSA, Hamburg 2009, 211 S., 16,80

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16:00 26.05.2010
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Ausgabe 32/2020

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