In Not geboren

Kunst Die „Lebenshilfe Tübingen“ bringt Johann Sebastian Bach auf die Leinwand. Die Bilder scheinen sich selbst überwinden zu wollen

Der Bezug des Bildes, das den Titel Lebenshilfe-Bachfamilie trägt, auf Andy Warhol ist überdeutlich und soll es auch sein. Wie Warhol vier quadratische Kopfporträts Marilyn Monroes, die sich nur durch Farbzerlegung unterscheiden, zum Gesamtquadrat vereint, so ergänzen hier elf Männer und eine Frau zu Johann Sebastian Bachs Kopf ihre eigenen Köpfe. Das Bild entstand, als alle wissen wollten, wie es sich wohl anfühlt, eine Perücke zu tragen, man sieht daher lauter Perückengesichter. Es macht ihnen Spaß, nur Bach stellt seinen Arbeitsernst zur Schau. Von den zwölf Malenden sind einige behindert, andere nicht. Die Lebenshilfe ist nämlich ein im Landkreis Tübingen aktiver Verein, der sich für das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung einsetzt. Alter, Herkunft, Geschlecht, Religionszugehörigkeit und sexuelle Orientierung spielen keine Rolle. Der Verein organisiert auch gemeinsame Arbeiten und Ausstellungen behinderter und nicht behinderter Künstlerinnen. Für die 2018 in Tübingen ausgestellten Exponate war Bach der Bezugspunkt. Der Leiter des Eisenacher Bachhauses, Jörg Hansen, hatte sie sich angeschaut und zeigt sie jetzt in der Bachstadt. Er unterstreicht damit ihre Bedeutung.

Der Leiermann wankt

Statt eines Gesamtbilds sind oft zusammengestellte, aufeinander abgestimmte Gemälde entstanden. Eine Serie dieser Art, in die sich auch Peter Krullis, der Gesamtprojektleiter, eingeschrieben hat – außerdem Renate Stephan als Workshopleiterin, Iris Kästner, Heike Schäfer und Christiane Krafft –, heißt Winterbach (5 Rondos) und besteht aus ebenso vielen Kreisen. Man denkt an Franz Schuberts große Liederzyklen Die schöne Müllerin und Die Winterreise, wo es schon im ersten nicht beim „rauschenden Bach“ bleibt, an dem die Mühle lustig klappert. Beim zweiten „wankt“ gar ein Leiermann „barfuß auf dem Eise hin und her“. Man denkt auch an den Vater des Komponisten Adrian Leverkühn, der in Thomas Manns Doktor Faustus Betrachtungen über die Eisblumen am Fenster anstellt. Sie sind tot, sagt er, und wirken doch so lebendig! Das gilt eben auch für Bach. Mehrere Bilder befassen sich mit Bachs Passionen. Barbara Oswald legt zwar Notate zum Weihnachtsoratorium von J. S. Bach vor, wählt aber die drei Tafeln des Triptychons, einer Gemäldeform, die im Mittelalter den Gekreuzigten gezeigt hat.

Von den Notaten war ich besonders beeindruckt. Bachs Weihnachtsoratorium handelt vom Kommen des Heilands und ist demnach ein fröhliches Werk, verschweigt aber dennoch die Kreuzigung nicht. Werden doch immer wieder Chorale freudigen Inhalts nach der Melodie O Haupt voll Blut und Wunden gesungen. Oswald weiß oder fühlt es. Entsprechend malt sie im Mittelstück die ersten Sätze des Eröffnungschors „Jauchzet, frohlocket“ und hebt dabei einige Buchstaben der Wörter „Zagen“, „Klagen“, „verbannet“ („verbannet die Klagen“) durch Verdickung der sonst dünnen Schreibstriche hervor. Wegen der gemalten Schrift war es naheliegend, mit dem ganzen Triptychon auf Cy Twomblys Malweise anzuspielen. Die linke Tafel, „Das Orchester“, zeigt oben annähernd quadratisch eingerahmte Kleckse, weiter unten heftig bewegte Striche, die an Notenhälse erinnern, oder ganze Quasi-Gebüsche: eine überhaupt nicht fröhliche schwarze Landschaft! Die sich aber in Bewegung setzt wie der „wandelnde Wald“ in Shakespeares Macbeth – zur mittleren Tafel hin – und so ihren wilden Überwindungsmut zeigt. An Schrift erinnert nur erst, dass die Gestalten unterhalb der Kleckse in Zeilen angeordnet sind. Der Zeilenabstand ist übergroß.

Während Oswald damit auf die mittlere Tafel schon vorbereitet, wird dort umgekehrt die chaotische Dimension, nun eines veritablen Schreibtextes, durch die Einsparung der Zeilenabstände wachgehalten. Auf der rechten Tafel dann ist das Chaos am größten, es kulminiert aber auch der Überwindungswille; gewaltige schwarze Wogen wälzen sich senkrecht aufwärts oder abwärts und werden bekämpft, indem andere Wogen in kraftvoll schräger Lage bestrebt sind, sie und sich selbst aus dem Bild herauszudrängen. Die Ordnung der Zeilen besteht fort, ist jetzt aber vollends eine Un-Ordnung, denn sie verschwimmen ineinander. Der polyphone und dissonante, man kann auch sagen notgeborene Charakter Bach’scher Musik, die in einer Zeit entstand, als Deutschland sich noch nicht vom Dreißigjährigen Krieg erholt hatte, kann besser nicht expliziert werden.

Man verkennt Kunstwerke, wenn man sie aus der Biografie derer deutet, die sie geschaffen haben. Der biografische Anlass kommt aber immer dazu, er mag hier in der Einschränkung, die vom Behindertsein bewirkt wird, und dem Kampf dagegen liegen. Aber wer erlebt nicht die eigene Einschränkung und lehnt sich gegen sie auf? So können „Behinderte“ allen Menschen zum Vorbild werden, die sich für mehr oder weniger allmächtig halten. „Lebenshilfe“ braucht jede(r). Wie Kunst hilft, kann man bei Rilke lesen. Was sein Gedicht von einem Apollo-Standbild sagt: „Da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern“, zeigen auch Oswalds Notate wie überhaupt alle Exponate dieser beeindruckenden Ausstellung.

Info

„Sieh Bach – Bildnerische Variationen“ Bachhaus Eisenach bis 5. Mai 2019

06:00 20.04.2019
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