Ist Papst Franziskus ein Revolutionär?

Kirchenreform Er unterscheidet zwischen wichtigen und weniger wichtigen Lehren der Kirche - das kann zu Umwertungen in der Moraltheologie führen
Ist Papst Franziskus ein Revolutionär?

Foto: FILIPPO MONTEFORTE/AFP/Getty Images

Nach dem jüngsten sechsstündigen Gespräch, das Papst Franziskus mit einem Mitarbeiter der „Zeitschrift für christliche Kultur“ Stimmen der Zeit geführt hat, ist er in einigen Kommentaren als Revolutionär in seiner Kirche bezeichnet worden. Ob er das Etikett verdient oder nicht, mag weiter dahingestellt bleiben. Eines aber macht der Abdruck ganz deutlich: Er ist ein Intellektueller. Er ist nicht, wie man gesagt hat, der Mann, der sich warmherzig unterhalten könne, hinter das theologische Format seines Vorgängers jedoch zurückfalle. Der Unterschied zwischen Benedikt XVI. und Franziskus liegt vielmehr darin, dass Ersterer vom Buch her und in der Form der Ableitung gedacht und gesprochen hat, während für den Letzteren die Intellektualität eine Funktion eben des Gesprächs ist – wie für Sokrates.

In den Antworten und Fragen des Papstes gibt es eine Grundgeste, von der er selbst weiß: das Unterscheiden. Tatsächlich heißt Antworten oft, die Konfusion einer Frage aufzulösen. Dazu muss man sie erst einmal erfassen, und das braucht Zeit. Den Intellektuellen erkennt man daran, dass er nachdenkt, bevor er antwortet, und so spricht Franziskus gleich zu Beginn des Gesprächs von der „Zeit der Unterscheidung“. Wer sie sich aber nimmt, wird von ihr auch befreit, indem es zu blitzschnellen Asso- ziationen kommt.

Der Papst, indem er von der Zeit spricht, springt unmittelbar zum Reformbedarf seiner Kirche: „Viele meinen zum Beispiel, dass Veränderungen und Reformen kurzfristig erfolgen können. Ich glaube, dass man immer genügend Zeit braucht, um die Grundlagen für eine echte, wirksame Veränderung zu legen. Und das ist die Zeit der Unterscheidung.“ Und wieder überraschend fährt er fort: „Manchmal spornt uns die Unterscheidung jedoch dazu an, etwas sofort zu erledigen, was man eigentlich später tun wollte. Und so ist es auch mir in diesen Monaten ergangen.“ Wenn etwas an ihm ist, woran Hoffnungen geknüpft werden können, ist es diese Haltung. Was er im Moment antwortet, ist weniger wichtig. Gut, er hat Verständnis für Homosexuelle geäußert. Aber was er sagt, ist nur der Standpunkt seiner Kirche, den Benedikt nur nicht so „warmherzig“ ausdrücken konnte. Umgekehrt nimmt Franziskus die in der Kirche etablierte Bewertung von Verhütungsmitteln, Homosexualität oder Abtreibung keineswegs zurück.

Wichtig ist allein, dass er unterscheidet, auch hier: „Die Lehren der Kirche – dogmatische wie moralische – sind nicht alle gleichwertig.“ „Wir können uns nicht nur mit der Frage um die Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit den Verhütungsmethoden. Das geht nicht.“ „Eine missionarische Seelsorge ist nicht davon besessen, ohne Unterscheidung eine Menge von Lehren aufzudrängen.“ Die Einsicht, dass Verhütungs- methoden im Kontext der „Verkündigung“ unwesentlich sind, kann dahin führen, dass sie schließlich auch anders bewertet werden.

Wenn Franziskus über Männer und Frauen in der Kirche spricht, scheint sich eine Veränderung sogar schon anzudeuten. Schon früher einmal hat er gesagt, es fehle „eine gründliche Theologie der Frau“. Jetzt fügt er hinzu, über den Platz der Frau gelte es „gerade auch dort“ zu reflektieren, „wo in den verschiedenen Bereichen der Kirche Autorität ausgeübt wird“. Wo es also um Ordination geht? Man wird sehen. Jetzt schon ist klar: Einfach weil Franziskus denkt, was auch außerhalb der Kirche nicht alle tun, ist er ein Gewinn nicht nur für die Kirche.

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 39/13 vom 26.09.2013

06:00 10.10.2013
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