James Dean und die Junta

Chile Orlando Mardones wuchs in Armut auf, wurde Arbeiter, litt unter Pinochet. Seine Erinnerungen zeigen anschaulich, was geschah
James Dean und die Junta
So idyllisch hatte es Orlando Mardones in seiner Kindheit nicht

Foto: Carl Mydans/The Life Picture Collection/Getty Images

Orlando Mardones ist ein chilenischer Arbeiter, der in mehreren unter dem Militärdiktator Augusto Pinochet eingerichteten Konzentrationslagern gesessen hat, bevor er nach drei Jahren entlassen wurde und 1978 nach Deutschland ausreisen konnte. Pünktlich zum 50. Jahrestag der Präsidentschaftswahl vom 4. September 1970, die Salvador Allende gewann (der Freitag 36/2020), erscheint nun sein Lebensbericht, den er auf Band sprach; der Journalist Winfried Roth hat ihn verschriftlicht. In seiner Einleitung ist Roth bescheiden genug, die „klare, markante Sprache“ allein Mardones zuzuschreiben, doch wird er schon auch selbst seinen Anteil daran haben. Es sind nur 60 Seiten, aber was für ein inhaltsreiches Leben! Der chilenische Schriftsteller Antonio Skármeta hat ein Vorwort beigesteuert, in dem er Mardones „für die Ironie“ dankt, „mit der er auf sich selbst schaut“.

Seine Mutter hat Mardones zuletzt mit zwei oder drei Jahren gesehen, dann verließ sie seinen Vater. Seine Stiefmutter hasste ihn, wie sie sich selbst hasste, und jagte ihn schließlich fort. Zwischendurch lebte er ein paar Jahre bei seiner Großmutter, die einen kleinen Obstladen hatte. Obwohl auch sie sehr arm war, war es die glücklichste Zeit seiner Kindheit. Mal eine Coca-Cola konnten sich die Kinder leisten. Als er sieben oder acht ist, hütet er mit Fieber das Bett, und seine 15-jährige Cousine legt sich zu ihm: „‚Schau, mach mal das.‘ Was wusste ich davon – ich hab geschaut und das gemacht, was sie mir zeigte.“ Als er neun ist, stirbt die Großmutter. Den Elfjährigen nimmt die Schwester seines Vaters auf, deren Mann im staatlichen Elektrizitätsunternehmen ENDESA arbeitet, doch hier wird er wieder schlecht behandelt.

Soldat, dann Kommunist

In die Schule geht er eigentlich gern, ohne Schuhe, eine Stunde auf Feldwegen im Regen, ist im zweiten Schuljahr sogar Klassenbester. Doch mit der Zeit wird es unerträglich. Die Lehrer, für die es eine Strafe ist, „in die Berge zu armen Leuten geschickt zu werden“, schlagen die Kinder blutig und erzählen patriotisch die chilenische Geschichte. 1961 zieht die Familie in die Nähe der Hauptstadt Santiago, wo der Onkel immer noch bei der ENDESA arbeitet. Die Tante sagt ihm, er müsse ausziehen. Der 14-Jährige schlägt sich zunächst als Handlanger in einem Kaufladen durch und ist von James Dean fasziniert, dem „jungen Mann, den keiner versteht“. Er fängt an zu lesen, „zuerst wahllos“, und beginnt, Mädchen zu „erobern“. Auf ihn und seine Freunde machen die Revolution in Kuba und die Proteste gegen den Vietnamkrieg Eindruck.

Dennoch wird er mit 18 freiwillig Soldat, das ist „interessanter als meine Arbeit im Kaufladen“. Die meist kleinbürgerlichen Offiziere „waren keine Ungeheuer“, nur eine Minderheit zeigt sich „offen reaktionär“. Er freundet sich mit einer jungen Prostituierten an, „ein außergewöhnlich sympathisches Mädchen“. Sie kocht für ihn, sie gehen zusammen aus. Doch seine Freunde tun so, „als ob ich ihr Zuhälter geworden wäre“, da trennt er sich von ihr. 1965 nimmt er seinen Abschied vom Militär. Er ist desillusioniert: „Die ganze Ausbildung ist eine Gewöhnung an das Töten – ohne dass man es vorerst wirklich tut.“

Aber nun bekommt er Arbeit bei der ENDESA, wovon er schon lange geträumt hat. Die Löhne und Arbeitsbedingungen sind besser als in anderen chilenischen Unternehmen, auch können die Beschäftigten an Weiterbildungskursen teilnehmen. Mardones ist an mehreren Staudamm-Projekten beteiligt, lernt schweißen und mit Bauzeichnungen umgehen. 1966 gründet er seine Familie, das geht aber nicht gut, weil er „noch nicht erwachsen“ ist. Zu seiner Frau ist er „grob“ und „ungerecht“. „Mir gefiel das Familienleben nicht.“ Die Christdemokraten bieten ihm die Parteimitgliedschaft an und wollen ihn zu einem ideologischen Kurs in die USA schicken. Doch er unterstützt schon bei den Präsidentschaftswahlen 1964 den Sozialisten Salvador Allende, klebt Plakate, verkauft Gedichtbände von Neruda.

1968 wird er bei der ENDESA in den Gewerkschaftsvorstand gewählt. Vorsitzender ab 1973, arbeitet er weiter als Monteur. Einmal, als er in Santiago mit der Unternehmensleitung verhandelt, sagt ihm ein Manager, er sehe müde aus, und bietet ihm vier Wochen bezahlten Urlaub am Meer an. „Das war sicher nicht als Bestechung gemeint – aber ich wäre ihnen doch verpflichtet gewesen.“ Er lehnt ab. Mitglied in der Kommunistischen Partei ist er schon 1966 geworden. Selbst von den Ingenieuren und Managern werden die Kommunisten „wegen ihrer persönlichen Integrität respektiert“. Einmal nimmt er an einer Sitzung teil, in der gegen einen Genossen aus der Parteiführung Vorwürfe erhoben werden. Nach seiner Meinung gefragt, sagt er, er habe keine. Da kritisiert ihn ein älterer Genosse: Wozu sei er denn hier? „Das war eine wichtige Erfahrung, so bitter der Augenblick für mich war.“

Ein andermal fängt er den umgekehrten Vorwurf, er solle mehr lernen und erst dann reden. Auch das sieht er ein.

Die christdemokratische Regierung wurde 1970 abgewählt. Hätte sie „wirklich Reformen in Chile gewollt, dann wäre Eduardo Frei weiterhin Präsident geblieben. Aber sie wollte niemandem auf die Füße treten.“ So gewann Salvador Allende die Wahl, wenn auch nur mit 37 Prozent. Doch die Gewerkschaften waren auf die politische Macht nicht vorbereitet. Viele Arbeiter setzten den Kampf gegen die Regierung auch unter Allendes Präsidentschaft fort. Die Gewerkschaften mussten die Arbeiter dazu bringen, auf einen Teil ihrer Lohnforderungen zu verzichten, und es gelang nicht immer, in der großen Kupfermine El Teniente zum Beispiel nicht. Dann begannen die Unruhen. „1973 haben wir den Versicherungen der Regierung nicht mehr geglaubt, die Streitkräfte seien loyal.“ Doch es gab keine Möglichkeit, sich auf den Putsch vorzubereiten. „Die Bedingungen in Chile waren, glaube ich, nie geeignet für eine militärische Konfrontation.“ Am Tag des Putsches „saßen wir da und haben darauf gewartet, dass wir verhaftet wurden“.

Asyl in Deutschland

Mardones kommt zunächst in eine Kaserne, wo er mehrfach verhört wird. Er wird geschlagen und an einen Elektrogenerator angeschlossen, weil er nicht auf die Frage antworten kann, „wo wir die Waffen aufbewahrten, mit denen wir sie umbringen wollten“. Dabei kann er noch von Glück sagen – „wer weiß, wie ich reagiert hätte, wenn sie meine Tochter geholt und mir gedroht hätten, sie vor meinen Augen zu vergewaltigen“. Ab Anfang 1974 lernt er die Konzentrationslager kennen. Er und seine Mitgefangenen stehen nachts stundenlang in der Kälte auf dem Appellplatz. Manche werden herausgegriffen, müssen singen und Erde essen. Doch sie geben sich nicht auf. „Einige haben sogar erst im Lager lesen und schreiben gelernt.“ Sie organisieren „heimlich regelrechte Diskussionsveranstaltungen“, freuen sich über die Revolution in Portugal, das Ende der Diktaturen in Spanien und Griechenland. Mardones gehört in einem der Lager zur illegalen politischen Leitung der Gefangenen. Nun verhandelt er wieder, wie einst bei der ENDESA. Die Militärs haben einen Ältestenrat eingesetzt, er und andere setzen durch, „dass wir unsere Vertreter selbst wählen konnten. Tatsächlich: Im Lager gab es Wahlen, draußen, in der ‚Freiheit‘, gab es keine – es war eine paradoxe Situation!“

Seine Frau wird derweil von Arbeitskollegen und der Partei unterstützt. Mit schlechtem Gewissen erinnert er sich, wie er sie einmal während einer lebensgefährlichen Operation im Stich ließ, weil er unbedingt zu einer Gewerkschaftssitzung in Santiago fahren wollte. Das hält sie aber nicht ab, ihn jetzt im KZ zu besuchen, und er ist sehr dankbar. Die Militärs bieten ihm die Freilassung unter der Bedingung seiner Emigration an, er lehnt aber ab, weil er Chilene sei. Ende Juli 1976 wird er trotzdem entlassen, zieht zu seiner Frau zurück, doch „wir waren uns endgültig fremd geworden“. Nach einem halben Jahr trennen sie sich. Eine feste Anstellung bekommt er nicht mehr. Oft isst er in den Volksküchen, die die Kirche unterhält. Über die Kirche bekommt er Kontakt zu Amnesty International, wo man ihm den Flugschein nach Deutschland verschafft. Die Genossen von der Partei bestärken ihn: In Chile könne er nicht wieder politisch aktiv werden. „Und ich musste endlich meine Frau und die Kinder unterstützen.“ Man hat Émile Zola gelesen, wie er sich in Arbeiterschicksale hineinversetzt. Doch wenn ein klassenbewusster Arbeiter selbst spricht, das ist noch besser.

Info

„Mensch, du lebst noch?“ Ein chilenischer Arbeiter erzählt von der Zeit Allendes und Pinochets Orlando Mardones, Roth Winfried (Hg.) Verlag Edition AV 2020, 113 S., 14 €

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06:00 06.10.2020
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Ausgabe 48/2020

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