Kapseln gegen den Klimawandel

Zukunft Wie werden wir wohnen, wenn die Erde wüst und leer ist? Egoistisch – das zeigen derzeit zwei Ausstellungen, die in Hamburg zu sehen sind

Etwas vom Optimismus der sechziger Jahre scheint heute zurückzukehren: die Futurologie und der Geist der James-Bond-Filme mit ihren Wunderautos und -waffen. Eine Ausstellung im Hamburger Kunstgewerbemuseum zeigt, wie die Fantasie von Technikern und Künstlern die Klimakatastrophe zu bewältigen unternimmt. Der neue Optimismus liegt nicht darin, dass man sie noch abwenden zu können glaubt. Vielmehr dreht man ihr eine Nase und lässt sie leer laufen wie einst Bond seine bösen Gegner. Es scheint geradezu, als habe es der ökologische Pessimismus nur zu einer Unterbrechung des futurologischen Traums gebracht. Denn was heute in die Zukunft projiziert wird, sieht den Projekten der sechziger Jahre verblüffend ähnlich. Vor allem das zentrale Phantasma, die Wohnung im menschenfeindlichen Weltall, kehrt wieder. Es stellt sich heraus, dass es gar keiner Reise zu fernen Planeten bedarf, um sie zu bauen, da die Erde selbst in Kürze zum fernen, feindlichen Planeten wird. Wir werden sie bewohnen, als wäre sie der Mars. Wer weiß, ob die Politik sich nicht eher davon orientieren lassen wird, als dass sie noch lange Geduld hat, den Ökologen zuzuhören, die seit 1980, dem Erscheinungsjahr des Berichts Global 2000, vor der Katastrophe warnten. Sie sind im Rechthaben ergraut und scheinen durch ihre Erfolglosigkeit widerlegt zu sein.

Klimakapseln heißt eine Hamburger Ausstellung. Sie macht deutlich, was in den alten Fantasien der Marsbesiedlung ausgeblendet wurde: die soziale Kehrseite der technischen Machbarkeit. Solange man Städte in Schutzhüllen auf dem Mars entwarf, hatte man sich nur der anonymen Menschenfeindlichkeit „der Natur“ zu erwehren. Außerhalb dieser Städte würde der Mars ja so leer sein wie sonst nur die irdischen Kontinente in der verlogenen Fantasie imperialistischer Kolonisatoren. Und noch als man begann, das Marsleben auf der Erde zu veranschaulichen, schien es eine Kehrseite nicht zu haben. Die luftdicht abgeschlossene Kolonie Biosphere-2, die den ganzen ökologischen Kreislauf der Erde nachbildete, wurde natürlich nicht in den Slums von Mexiko-City gebaut, sondern in der Wüste von Arizona. Auf andere Art präsentierte sich auch der Architekt John Buckminster Fuller gesellschaftsneutral. Seinen Vorschlag, einen Teil Manhattans mit einer gläsernen Kuppel zu umspannen, begründete er vor allem ökologisch: Da die Außenfläche der Kuppel nur 1/85 der Außenfläche der überdeckten Wolkenkratzer betragen würde, würde auch der Energieverbrauch auf 1/85 sinken. So sehr man das bewunderte, waren viele in Unkenntnis, dass er seinen „Dom“ als mögliche Kapselstadt im Weltall verstand. Die Hamburger Ausstellung erinnert an Biosphere-2 wie an Fuller, um die Differenz dieser Entwürfe zu den Kapseln, die heute geplant werden, zu markieren. Man sieht jetzt, dass sie nicht nur ein Innenleben haben. Es handelt sich im Grunde um Wagenburgen.

Sandmänner

Wie schon heute eine Minderheit von Menschen sich privilegiert, wird sie es auch auf der abgestorbenen Erde tun. Und wie es ihr heute gelingt, mit gutem Gewissen egoistisch zu sein, wird es ihr auch künftig gelingen. Ein mögliches Modell sind Kapselstädte, die miteinander eine offizielle und gesetzlich geregelte Welt bilden. Globale Verträge sehen vor, dass jede Kapselstadt klimaneutral zu sein hat. Sie darf die Schadstoffmenge nicht erhöhen und muss deshalb allein von erneuerbaren Energien leben. Ist somit der ökologische Anspruch erfüllt, wird dem sozialen dadurch Rechnung getragen, dass man sich vornimmt, möglichst bald die ganze Menschheit in die Kapselstädte aufzunehmen. Leider lässt es sich zur Zeit noch nicht realisieren. Leider sind erst einmal Eindringlinge mit Härte zu bekämpfen. Sie müssen unter verseuchtem freiem Himmel dahinvegetieren. Perspektivisch jedoch hat man die Kapseln auch für sie gebaut. Und man freut sich schon einmal des Lebens, wie es einst auch ihnen vergönnt sein wird. Reisen in andere Kapselstädte, Safaris in die Wildnis der schadstoffbelasten, verwüsteten und überschwemmten Erde sind viel weniger langweilig als der Tourismus von heute.

Die Vertragsvorschrift der Klimaneutralität kann allerdings nicht erfüllt werden. Oder vielleicht wäre sie zwar erfüllbar, würde aber zu enge Wachstumsfesseln anlegen – warum sollten das die Kapselstädter nicht ebenso empfinden wie wir Alleskönner von heute! Daher missachten sie heimlich den Vertrag. Im Buch zur Ausstellung wird das ausgesponnen. Man hat etwa eine stillgelegte unterirdische Rinderzuchtanlage reaktiviert, die man nun heimlich mit Erdgas statt mit Methan speist. Dafür, dass die Vertragspartner es nicht erfahren, ist ja längst die unterirdische CO2-Speicherung erfunden. Da die Anlage in der Wüste außerhalb der Kapselstadt liegt, macht diese sich dadurch angreifbar. Die Verbindungsleitungen von der Anlage zur Stadt müssen gegen mögliche Terroranschläge militärisch geschützt werden. Dafür werden „Sandmänner“ eingesetzt, die ein wenig über die außerstädtischen Verdammten erhoben wurden, aber zu ihnen gehören. Vielleicht hoffen sie, einst in die Städte aufgenommen zu werden. Oder es sind letzte Nomaden, die nicht in der Schachtel leben wollen, sondern lieber krank werden, wenn es nur unter freiem Himmel geschieht. Das Problem ist, dass die Städter sich ihrer Treue nicht sicher sein können; vielleicht schließen sie sich auch dem Aufstand an.


Die Ausstellung zeigt zudem, dass man nicht viel Fantasie braucht, um sich den Übergang zwischen unserer und dieser zukünftigen Welt vorzustellen. Zunächst wird nicht überall Katastrophe sein, sondern erst einmal überfallen uns in Abständen einzelne Katastrophen-Ereignisse. In ärmeren Ländern treten sie ja schon heute ein. Wenn sie auch uns erreichen, werden wir Gelegenheit haben, uns allmählich in die Kapselmentalität einzuüben. Es handelt sich zunächst nur darum, einem zeitlich begrenzten Ereignis standzuhalten und es in jedem Wortsinn wegzustecken. Die dafür benötigten Kapseln für einzelne oder kleine Gruppen, etwa Familien, ähneln den Raumfahreranzügen oder sind weiterentwickte Zelte; mit überlegener Technik ausgestattet, zeichnen sie sich nicht zuletzt dadurch aus, dass man sie nach dem Zwischenfall eng zusammenschnüren und aus dem Blickfeld verbannen kann. Das heißt, während wir bereits lernen, wie es sich in der Schachtel lebt, können wir noch lange glauben, die Katastrophe sei die Ausnahme, nicht die Regel.

Böser Blick

Sehr viel mehr Aufmerksamkeit als die „Klimakapseln“ zieht die Internationale Bauausstellung (IBA) an, auf die sich Hamburg seit 2006 vorbereitet. Bisher ist noch kein Gebäude fertig gestellt, das meiste nicht einmal übers Planungsstadium hinaus; mit einer Ausnahme indes: dem Sitz der IBA-Geschäftsstelle, einem buntbemalten Haus auf einem Dock mitten im Wasser. Dieser Standort wurde wahrscheinlich nicht deshalb gewählt, weil eins der drei Leitthemen der IBA „Stadt im Klimawandel“ heißt. Denn darunter versteht man noch nicht die Stadt, die in unbewohnbarer Welt durchhält, sei‘s in der Wüste, in der Luft oder auf dem Wasser – für all diese Situationen liegen bereits, wie die Ausstellung Klimakapseln zeigt, Vorschläge von Künstler- oder Ingenieurshand vor, und es sind schon welche auf der Architekturbiennale in Venedig präsentiert worden –, sondern einfach das klimaschonende Bauen, die Erschließung lokaler Energiequellen und die Nutzung der Photovoltaik. Doch ein böser Blick fände schon alle Elemente der Kapselwelt vor, die nur noch nicht zusammengeschlossen sind – die Kapsel selber nicht ausgenommen, denn ideell leben wir längst abgekapselt, es fehlt nur die technische Materialisierung. Und auch die soziale Kehrseite ist zwar ausgespart, aber dennoch vorhanden; obwohl kein Besucher sich zu der Frage gedrängt sehen wird, warum es undenkbar ist, die IBA an den Ufern von Bangladesch stattfinden zu lassen, ist es dennoch wahr, dass man dort vom „Klimawandel“ bedrohter lebt als in Hamburg.

Dass wir, die Öffentlichkeit, uns in schönfärberischen Träumen ergehen, macht nicht zum wenigsten die ökologische Tatenlosigkeit unserer Regierungen möglich. Da ist es gut, wenn das, was auf uns zukommen könnte, in handgreiflichen Bildern dargestellt wird. Das erhöht unsere Chance, uns als Wesen zu begreifen, die wählen können. Denn die ökologische Katastrophe kommt nicht von allein, selbst heute noch nicht. Wenn sie kommt, dann weil wir sie gewählt haben. Dass dies verdrängt wird, müssten wir nicht hinnehmen. Täten wir es nicht, würden sich zwei Hauptaspekte herausschälen. Erstens der, dass die ökologische Frage von der sozialen aus aufgerollt werden muss. Zweitens der, dass es der Wachstumsfetisch ist, der eigentlich zur (Ab-)Wahl steht. Wenn man das Wachstum nicht begrenzt, werden auch Kapselstädte nichts nützen. Wenn man es aber begrenzt, brauchen wir sie gar nicht. Dann hätten wir nur noch Umweltgerechtigkeit durchzusetzen, eine weltweit gerechte Lastenverteilung.

Die Ausstellung Klimakapseln läuft noch bis zum 12. September. Das Taschenbuch zur Ausstellung: Friedrich von Borries Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe, Suhrkamp 2010

10:10 29.08.2010
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