Keine Fragen offen

Denken Martin Heideggers „Schwarze Hefte“ kann man nicht schön reden. Aus ihnen spricht Antisemitismus, NS-Kitsch und Starrsinn
Michael Jäger | Ausgabe 13/2014 52

Martin Heideggers Schwarze Hefte – sein intellektuelles Tagebuch zwischen 1932 und 1941, das jetzt in drei Bänden veröffentlicht ist –, haben die Frage aufgeworfen, ob es zwischen dem dort zutage tretenden Antisemitismus und Heideggers philosophischer Konzeption einen notwendigen Zusammenhang gibt. Angenommen, es gibt ihn, stellt sich die weitere Frage, ob von seiner Philosophie Weiterführendes übrigbliebe, wenn man den Zusammenhang herausoperieren wollte und könnte. Ich beantworte beide Fragen mit Ja.

Der Zusammenhang liegt nicht darin, dass sich seine Philosophie aus seinem Antisemitismus ableiten ließe. Wohl aber gilt das Umgekehrte: Heideggers Antisemitismus lässt sich aus seinem Nationalsozialismus ableiten und dieser aus seiner Philosophie. Im Gedankenweg der Hefte zeichnet sich deutlich ab, wodurch er zum Nazi wurde. Er hat Nietzsches Diagnose aufgenommen, das Zeitalter sei nihilistisch, und sieht in der NS-Politik eine Suchbewegung aus dem Nihilismus hinaus. Den definiert er wie Nietzsche als das Verschwundensein übergreifender Ziele und die fehlende Kraft, neue zu setzen. Auffällig, aber nicht untypisch fürs deutsche Bürgertum um 1933 ist dabei der Umstand, dass er die von den Nazis proklamierten Ziele gänzlich ignoriert, sie offenbar gar nicht ernst nimmt. So wie man gesagt hat, es hat alles schon in Hitlers Mein Kampf gestanden und wurde nur nicht gelesen.

Der Nihilismus

Von NS-Zielen ist nirgends in den Heften die Rede. Heidegger tut vielmehr so, als gebe es noch gar keine, sodass es erst seines Auftritts bedürfe, sie hervorzulocken. Diese Haltung schlägt sich 1933 in der Antrittsrede seines Universitätsrektorats nieder. Nur macht er damit seine Erfahrung. In den Heften notiert er, wie er bald begreift, dass er nur die Rolle einer Galionsfigur spielt. Heidegger erkennt, dass der NS so nihilistisch ist wie alles andere auch, ja den Nihilismus nur noch kenntlicher macht. Dies veranlasst ihn zu schärfsten Polemiken, führt aber keineswegs zu seiner Abwendung vom NS. Vielmehr glaubt er nun, eine bessere Politik könne auch der authentischsten Bewegung nicht gelingen. Der Nihilismus ist eben noch mächtiger als sogar er es vorher begriffen hat. Da tritt er zwar vom Rektorat nach nur einem Jahr zurück, die „Bejahung“ des NS aber hält er noch 1939 „aus denkerischen Gründen“ für eine „Notwendigkeit“. Die NS-Bewegung bleibe nämlich „unabhängig von der je zeitgenössischen Gestalt“.

Zum Schicksal der Juden notiert er vor 1938 gar nichts. Die Erklärung liegt nahe: Dass die NSDAP antisemitische Ziele hat, ist ihm so gleichgültig wie das ganze Parteiprogramm. Das heißt aber auch: Es ist ihm nicht der Rede wert, ob die NSDAP solche Ziele womöglich realisiert oder es bleiben lässt. Sollten sie realisiert werden, ist daran aus seiner Sicht nur interessant, dass das auch nicht aus dem Nihilismus herausführen kann. Noch nach dem Krieg, als er äußerte, Auschwitz sei genauso eine schlimme Industrialisierung – des Tötens im konkreten Fall – wie irgendeine moderne Agrarfabrik, war das seine Haltung. Diese unmenschliche Dickfelligkeit, die den Philosophen über Leichenberge gehen lässt, ist gewiss schlimmer antisemitisch als alle expliziten antisemitischen Äußerungen.

Sie ist in seiner Philosophie angelegt. Das ist eine Philosophie der Frage, die gleichwohl das Antworten verschmäht und geradezu schlecht macht. Unablässig zieht sich das Grundwort „Fragen“ durch die Hefte. Eine bestimmte Frage stellt er: die nach dem „Sein“. Das „Sein“ als Grundbegriff statuieren heißt als äußersten Denk- und Wirklichkeitsgrund den Ungrund setzen, die Grundlosigkeit, man könnte auch sagen das Konfuse (Heidegger sagt „die Zerklüftung“). Dies ist Ausdruck dessen, dass am Anfang kein Vorhandenes vermutet wird, das nur zu entdecken wäre. Das Suchen selbst, nicht das Haben, steht vielmehr am Anfang. Es charakterisiert den Menschen weder, dass es nihilistische Zeiten gibt, noch dass es Zeiten gibt, wo er wieder Ziele findet: Was ihn charakterisiert, ist die haltlose Kippsituation dazwischen als solche. Heidegger bestimmt das „Sein“ als den Ort, wo neue Ziele („Götter“) erscheinen können, aber nicht müssen. Dem Menschen ist es aufgegeben, nach ihnen zu fragen und sie fragend zu erwarten.

Die Frage ist freilich unbeantwortbar, wie er hinzufügt. Man soll darin treu sein, dass man sie nur stellt. Kann aber eine Frage, die nicht dazu da ist, beantwortet zu werden, noch als Frage gelten? Ich meine, sie ist es so wenig, wie Geld Geld ist, wenn es nicht dazu da ist, ausgegeben zu werden, oder ein Befehl ein Befehl, wenn ihm nicht gehorcht werden soll. Was Heidegger „Frage“ nennt, entpuppt sich als Befehl, denn er bringt das Wort vor, um vom Weiterdenken abzuhalten. Seine Polemik gegen das Antworten ist im Übrigen unplausibel. Eine Antwort sei immer falsch, sagt er. Er berücksichtigt nicht, dass sich das herauszustellen pflegt, dann weitergefragt werden kann und zwar besser als vorher. Wem es ernst ist mit dem „Weg des Fragens“, der muss das Fragen, Antworten und Weiterfragen empfehlen, denn anders bewegt sich kein Gedanke vom Fleck.

Allgemeiner Rassismus

Eine in diesem Sinn fragende Haltung hätte die Antworten der Nazis nicht egal gefunden, sondern geprüft. Heidegger hört sie stattdessen mit halbem Ohr, und wen wundert’s dann, dass er nicht unbeeinflusst bleibt. Nach 1938, dem Jahr der „Reichskristallnacht“, leuchtet ihm die „Judenfrage“ zunehmend ein. Nun notiert er, eine „zähe Geschicklichkeit des Rechnens“ liege der „Weltlosigkeit des Judentums“ zugrunde und gehöre zu den „verstecktesten Gestalten des Riesigen“. In seiner eigenwilligen Sprache steht das Riesige für einen Sog ins Unendliche, den man unserer Kultur allerdings attestieren kann. Heidegger hat schon jahrelang davon gesprochen und hat immer auch das „Rechnen“ in diesem Zusammenhang herabgesetzt, weil er es als eine Methode auffasst, das Denken gegen Unerwartetes blind zu machen. Es wäre ja dann die nihilistische Methode schlechthin. Doch hat er es bis dahin nie mit den Juden verbunden. Vielmehr sei es schon im ersten philosophischen Anfang der Griechen angelegt gewesen. Dass die Juden die Urheber des fatalen „Rechnens“ seien, wird er auch künftig nicht behaupten. Aber er sieht ja inzwischen nur noch Kräfte, die vom Zeitalter nihilistisch gemacht worden sind. Unter denen erscheinen nun, wie die Nazis als kleinstes Übel, so die Juden als besonders gefährlich: Im Kampf zwischen nihilistischen Kräften, „in dem um die Ziellosigkeit schlechthin gekämpft wird“, siege vielleicht „die größere Bodenlosigkeit, die an nichts gebunden, alles sich dienstbar macht (das Judentum)“.

Nach 1938 leuchtet dem Philosophen die "Judenfrage" zunehmend mehr ein

Am Ende der Hefte, 1940 oder 41, verallgemeinert er denselben antisemitischen Gedanken: „Die Frage nach der Rolle des Weltjudentums ist keine rassische, sondern die metaphysische Frage nach der Art von Menschentümlichkeit, die schlechthin ungebunden die Entwurzelung alles Seienden aus dem Sein als weltgeschichtliche ‚Aufgabe‘ übernehmen kann.“ Bis zur Absicht, sie gnadenlos zu „bekämpfen“, kann es von da nicht mehr weit sein. Für Heidegger spricht nur, dass er den Gedanken nicht öffentlich gemacht hat. Man kann ihm auch zugute halten, dass er sich die Juden mehr unfähig als bösartig dachte: Die „Metaphysik des Abendlandes“ habe die „zeitweilige Machtsteigerung des Judentums“ ermöglicht. Die Juden hätten ihr nichts entgegenzusetzen gehabt, da sie „die verborgenen Entscheidungsbezirke von sich aus“ nie „fassen“ konnten. So sei Husserls „Schritt zur phänomenologischen Betrachtung“ von „bleibender Wichtigkeit“, reiche aber nicht in jene Bezirke. Wie auch immer, das sind mordsgefährliche Gedankengänge.

Sie wurzeln in einem allgemeinen Rassismus Heideggers, der allen Völkern Eigenschaften und „Aufgaben“ zuweist. So schreibt er, „die Engländer“ hätten „jeden Wesensumfang aufgegeben“, während im Amerikanismus „der Nihilismus seine Spitze“ erreiche. Das „Russentum“ sei für eine solche Spitzenstellung „zu bodenständig und vernunftfeindlich“. Auch solche Äußerungen finden sich erst nach 1938, doch dass Heidegger zu ihnen lange bereit war, geht aus dem oft wiederholten Glaubenssatz hervor, die Deutschen seien das zur Setzung des zweiten philosophischen Anfangs (nach dem ersten der Griechen) berufene Volk. Dieser Gedanke, dass hierzulande das Altgriechische fortgesponnen werde – während sich die westlichen Nationen an Rom orientierten –, hat Tradition in der deutschen Geistesgeschichte. Er war nicht nur Heidegger präsent. Studenten um 1920, die über die Eigenschaften der europäischen Völker schwadronieren, sind in Thomas Manns Roman Doktor Faustus dargestellt. Dass viele Intellektuelle den sonstigen rassischen Stereotypen das jüdische hinzufügten, schien nahezuliegen. Man denke an Werner Sombart – Heidegger war weniger originell, als er dachte. Unverzeihlich, dass es ihm egal war.

Der Sinn von Sein: Martin Heidegger

 
Dichten und Denken Martin Heidegger (1889 – 1976) brach 1911 sein Theologiestudium ab, um Philosoph zu werden. Sein erstes Hauptwerk Sein und Zeit erschien 1926. Es wurde zur Sensation und versprach eine völlig neue Art, über die Welt nachzudenken: Was heißt es, zu existieren? Geprägt wurde sein philosophisches Denken von der Phänomenologie Edmund Husserls; Heidegger war sein Assistent an der Universität Freiburg im Breisgau. Am liebsten philosophierte Heidegger aber nicht in der Stadt, sondern in seiner „Hütte“ im Schwarzwald. Von seiner rasch steigenden Zahl an Schülern sei Hannah Arendt genannt, die auch seine Geliebte wurde. In seinen Schriften befasste Heidegger sich mit der Geschichte der Philosophie, der Sprache und besonders intensiv mit dem Wesen der Technik, dem „Gestell“, wie es in seiner eigenwilligen Diktion heißt. Im Spätwerk rücken Kunst und Philosophie eng zueinander, Hölderlin wird zu einer Wegmarke. Im Januar 1946 wurde Heidegger die Lehrbefugnis entzogen. Sein Einfluss blieb: Besonders in Frankreich wurde Heidegger ein wichtiger Impulsgeber für die postmoderne Philosophie. TOT

 

Gesamtausgabe, Bd. 94 – 96, Schwarze Hefte Martin Heidegger, Peter Trawny (Hg.) Vittorio Klostermann 2014. Bd. 94, 536 S., 68 €; Bd. 95, 455 S., 48 €; Bd. 96, 285 S., 37 €.

 

06:00 28.03.2014
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