Keine Pflicht zur Zurückhaltung

Freies Denken Atheisten müssen sich sicher fühlen – selbst wenn sie ihre Gegner reizen
Michael Jäger | Ausgabe 03/2015 482

Die Morde im Redaktionsraum von Charlie Hebdo sind nicht nur ein Angriff auf die Pressefreiheit, sondern auch auf den Atheismus gewesen – allein so schon war es ein unerträglicher Schlag gegen die Menschenrechte. Die ermordeten Zeichner und Redakteure von Charlie Hebdo verstanden sich als Freidenker, mithin ein Erbe von 68. Es muss so bleiben, dass Atheisten, egal ob sie in der Öffentlichkeit eine Stimme haben oder nicht, sich in Europa unbekümmert äußern können, auch wenn sie die böse Zuspitzung nicht scheuen. Ob das ihre religiösen Gegner zur Wut, ja zum Racheversuch reizen mag, darf kein Kriterium sein.

Gewiss ist die Anregung bedenkenswert, auf solche Zuspitzungen zu verzichten, von denen man vorher weiß, dass Gläubige sie sich in stärkster Form verbeten haben. Dazu gehört die verhöhnend gehässige Mohammed-Abbildung. Der Fall wird nun schon seit Jahren immer wieder akut, und längst hat ganz Europa begriffen, dass dann nicht nur zwei oder drei Mörder aktiv werden könnten, sondern Millionen friedliche Muslime gereizt reagieren. Darüber sollte man schon mal nachdenken, wenn man auch weiß, wie aggressiv der Westen militärisch gegen islamische Staaten vorgeht. Für Muslime kann es so aussehen, als bereiteten westliche Atheisten solche Kreuzzüge faktisch mit vor.

Aber auch wer solche Bedenken hat, wird niemals eine Pflicht zur Zurückhaltung daraus ableiten dürfen und noch weniger darf er mit dem Strafgesetzbuch drohen. Schon 2012, als es wieder einmal hieß, Charlie Hebdo veröffentliche eine Mohammed-Karikatur im politisch inopportunsten Moment – ein US-amerikanisches Anti-Islam-Video war vorausgegangen –, rief die CSU zur Verschärfung des Gotteslästerungsparagraphen auf, der in seiner jetzigen Form Beschimpfungen verbietet, die geeignet sind, „den öffentlichen Frieden zu stören“. Dass er auf jeden Fall bleiben soll, sagen nach den Anschlägen im Januar 2015 Vertreter aller Parteien, von denen die Bundesregierung gebildet wird. Der FDP-Chef Christian Lindner fordert aber auch in dieser Situation seine Abschaffung, und wo er Recht hat, hat er Recht.

Es wird zwar wirklich am ehesten Atheisten einfallen, eine Religion, sei’s die islamische oder christliche, nicht bloß zu kritisieren, sondern zu verspotten. Wenn es aber überhaupt in Ordnung ist, dass es Atheisten gibt, muss ihnen wie in jeder freien Debatte auch der Spott, ja sogar Hohn, gestattet sein. Für Religionen ist genug getan, wenn atheistische Provokationen in Gotteshäusern verboten sind, die ja im Grunde unter Hausfriedensbruch fallen und übrigens nicht nur in Russland bestraft werden, sondern auch hierzulande.

Ansonsten ist Atheismus nicht nur in Ordnung, sondern fürs freie Denken geradezu eine Existenzbedingung. Schon jeder religiöse Mensch müsste sich das sagen – die jüdische Christin Simone Weil hat es sich gesagt –, denn wenn ihm die Möglichkeit, Atheist zu sein, nicht mit aller Konsequenz offen stünde, wie will er dann sicher sein, aus Überzeugung und nicht bloß aus Anpassung an die Sitte religiös zu denken? Aber auch dieser Rechtfertigung bedarf es nicht. Man werfe einen Blick auf die Welt, wie sie ist: Sieht sie denn wie das werdende Reich eines guten Gottes aus, der ihr Regent sei, wie religiöse Menschen behaupten?

Da jeder Augenschein das Gegenteil lehrt, wäre nichts entmutigender, als wenn nicht eben das jederzeit hervorgehoben würde. Wird es denn überhaupt schon drastisch genug hervorgehoben?

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06:00 19.01.2015
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