Konsum schafft CO₂

Klimawandel Auch ökologisch rettet uns kein höh’res Wesen, das können wir nur selber tun. Damit dies gelingt, braucht es die Befreiung der Arbeit
Konsum schafft CO₂
Kauft, was ihr wollt? Die Änderung unseres Konsumverhaltens hat nur mittelbar einen positiven Einfluss auf den Klimawandel

Foto: Dan Kitwood/Getty Images

Ein Prozent der Haushalte in der EU ist so reich, dass es sich einen Konsum leistet, der für 43,1 Tonnen CO₂-Ausstoß verantwortlich ist. Davon entfallen allein 22,6 Tonnen aufs Fliegen. Es folgen die reichsten zehn Prozent mit 19,4 Tonnen, vierzig Prozent mittleren Reichtums mit 8,5 und dann die gesamte untere Hälfte mit nur vier Tonnen. Die Reichsten sind also das Hauptproblem. Aber: Die ökologischen Gleichgewichte vertragen nur 2,5 Tonnen. Auch die untere Hälfte konsumiert also bei Weitem nicht klimaneutral. Das tun nur die untersten fünf Prozent – man möchte nicht wissen, wie. Und noch etwas: Zu den obersten zehn Prozent gehören nicht wenige aus der Arbeiterinnenklasse. Ein Facharbeiter bei VW etwa, drei Jahre ausgebildet, erhält einen Einstiegsbruttolohn von monatlich knapp viertausend Euro, dazu noch monatlich einhundert Euro an Leistungszulage sowie einen Jahresbonus, der zwischen fünf- und zehntausend Euro liegt.

Wir haben es also mit zwei Problemen zu tun: Zum einen geht es darum, das reichste eine Prozent zu disziplinieren. Am besten dadurch, dass das skandalöse Reichtumsgefälle überhaupt verschwindet, indem wir dessen Ursachen beseitigen. Aber das Ergebnis kann keine bloße Umverteilung sein, denn die hätte zur Folge, dass nun jede(r) von uns fast zehnmal mehr konsumiert, als die Erde verträgt. Deshalb das andere Problem: Wir alle müssen uns fragen, wie wir unsere Lebensweise so anpassen, dass nur noch maximal 2,5 Tonnen CO₂-Ausstoß dabei herauskommen.

Wie kann das erreicht werden? Man pflegt bestimmte Güter herauszugreifen, deren Produktion und/oder Konsum besonders CO₂-lastig sind: Auf die sollen wir verzichten. Das führt aber nicht weiter, weil wir solche Güter nicht einfach aus unserer Lebensweise, in die sie integriert sind, herausbrechen können. Sehen wir einmal näher hin: Ökonomen behaupten, diese Güter seien unser „Bedarf“. Darunter verstehen sie den Teil unserer Bedürfnisse, den wir befriedigen können, indem wir das Geld ausgeben, das wir haben. Sie unterstellen also, dass wir mit unserem Konsum wenigstens teilweise unsere Bedürfnisse befriedigen. Das stimmt aber gar nicht.

Unsere Bedürfnisse, das sind Liebe, Freundschaft, Hilfe, Anerkanntsein, auch Wissen und Entdecken, Abenteuer, Schaffensfreude, Kunstgenuss, Ekstasen, „ewige“ Augenblicke, Selbstbestimmung, eine Aufgabe haben, „Ohne Angst Leben“, wie die von dem Philosophen Theodor W. Adorno geprägte Formel lautet. In dem Maß, wie diese Bedürfnisse befriedigt werden, kommt „Zufriedenheit“ heraus. Aufgabe, Kommunikation, Sicherheit sind die Hauptelemente der Bedürfnisstruktur. Sicherheit und die „sinnvolle“ Aufgabe, die jedermann in der Arbeitswelt zu finden hofft, aber nicht nur dort – auch Kinder gehören für viele dazu –, sind besonders wichtig.

Doch auch jene Bedürfnisse, die Kommunikationsfähigkeit voraussetzen, fördern und belohnen, gehören zu dem, was ein Leben erst lebenswert macht: Liebe und Ästhetik zum Beispiel, wo die Fähigkeit gefragt ist, sich in den, die oder das Andere, auch wenn es fremd ist – und das ist es immer –, hineinzuversetzen. Wie zentral diese Bedürfnisse sind, hat die Autorin Bini Adamczak unterstrichen, indem sie betonte, dass sich unser Traum von einer besseren Gesellschaft nicht nur auf eine andere materielle Infrastruktur bezieht, sondern mehr noch auf andere „Beziehungsweisen“. Wenn der bekannte Soziologe Hartmut Rosa von „Resonanz“ spricht, geht es um diese kommunikativen Bedürfnisse.

Bedürfnisse sind immateriell

Die leiblichen Bedürfnisse, essen, trinken, schlafen, Bewegung, Wahrnehmung, sexuelle Befriedigung, keine Schmerzen haben, sind teils der Sicherheit, im Ganzen aber mehr noch der Kommunikation zuzurechnen. So ist die sexuelle Befriedigung in Erotik aufgehoben, wenn nicht in Liebe. Prostituierte, für die sie Beruf ist, wünschen sich „menschliche“ Kunden statt solche wie am Ende der Oper Lulu. Zum Essen hat der Ethnologe Claude Lévi-Strauss gezeigt, dass es ein Kommunikationsvorgang ist und sich gerade dadurch vom tierischen Fraß unterscheidet – keineswegs nur deshalb, weil man in Gemeinschaft isst, sondern schon in der Zubereitung des Essens: Die Grade und Arten der Erhitzung, Braten, Garen, Kochen und so weiter, symbolisieren Stufen der Kulturalisierung. Bekannter ist, dass die Nationen sich durch ihre Küche voneinander unterscheiden, wie auch, dass heute eine globalisierte Küche die nationale überformt. Hier muss man freilich ergänzen, dass der Kapitalismus die kulturelle Dimension besonders des Essens und Trinkens zu vernichten bestrebt sein musste, weil die Androhung von Hungersnot sein Mittel ist, sich die Arbeiterinnen zu unterwerfen. Zu den Folgen gehört der blinde Fraß, der zum Übergewicht führt; es sterben heute weltweit doppelt so viele Menschen an Übergewicht wie an Hunger.

Übergewicht verschüttet aber nicht nur die Angst vorm Verhungern, indem gleichsam Nahrung im eigenen Körper gehamstert wird; es enthüllt auch einen verzweifelten Kampf gegen den Lebensfrust. Der hat eine Stimme in mir, und ich bringe sie zum Schweigen, indem ich sie anderen zeige. So aber haben wir ein Modell des Verhältnisses von Bedürfnis und Bedarf überhaupt. Das Übergewicht, das als Pars pro Toto für allen Überkonsum stehen kann, dokumentiert keine teilweise Sättigung eines Bedürfnisses. Stattdessen setzt es an deren Stelle eine Ersatzbefriedigung. Das wird verkannt, wenn man glaubt, das Bedürfnis verhalte sich zum Bedarf wie der Wille zur größeren materiellen Menge zur kaufkraftbedingten Realität der kleineren Menge mit minderer Qualität.

Die Wahrheit ist, dass unsere Bedürfnisse, wie auch deren Befriedigung, immateriell sind und überhaupt gar nichts kosten, kein Geld jedenfalls. Allerdings müssen auch Güter mitspielen, die einen Preis haben, doch hätten sie nur den Status von Stützpunkten. Daraus folgt: Je besser wir unsere Bedürfnisse befriedigen, desto weniger brauchen wir den Überkonsum. Braucht Erotik ein fantastisches Bett? Man kann es haben und bekommt sie doch nicht mitgeliefert, auch wenn das durch die Werbung suggeriert wird. Je weniger wir aber konsumieren, desto geringer ist der CO₂-Ausstoß. Und nun: Wenn wir infolge des Umstands, dass wir unsere Bedürfnisse besser befriedigen, auf einen Teil unseres Konsums verzichten, gewinnen wir eine insgesamt bessere Lebensweise.

Die setzt nun freilich eine andere Produktionsweise voraus. Denn wie wir nicht einfach auf einzelne ökologisch schädliche Güter verzichten können, weil sie ja nicht zufällig in unsere Lebensweise geraten sind, sondern dort eine Funktion haben, so können wir uns auch nicht einfach entschließen, unsere eigentlichen Bedürfnisse wieder ernst zu nehmen und deren immaterielle Befriedigung herbeizuführen. Das geht deshalb nicht, weil die Lebensweise, die wir haben, es uns unmöglich macht. Eine Lebensweise besteht fast vollständig aus einer Summe von Lebenszyklen, das sind wiederkehrende Handlungsabläufe: Wir stehen auf und waschen uns, frühstücken, fahren zur Arbeit, arbeiten, kehren zurück, kaufen ein, verbringen auch den „Feierabend“ in wiederkehrenden Abläufen und haben in all der Zeit noch mehrere Mahlzeiten; wir sind mit Freunden zusammen, gehen ins Kino oder Konzert oder zum „Event“; gehen spazieren (Naherholung) und in den Urlaub. Zu jedem dieser Zyklen gehören typische Warengruppen. Wenn es nun von unserem Entschluss abhinge, dass wir unsere immateriellen Bedürfnisse besser befriedigen, dann würden wir einfach die Zyklen durchgehen und entrümpeln. Zum Beispiel das Bett: Man hat es seit Langem, sodass es schon Schrammen zeigt, braucht aber, gemessen am Stand der erotischen Beziehung(en), „trotzdem“ kein neues.

Arbeitszeit radikal verkürzen

Es hängt nicht von unserem Entschluss ab. Denn die Zyklen, statt gleichgültig nebeneinander zu stehen, erweisen sich als von einem Hauptzyklus beherrscht, der das vereitelt. Das ist der Zyklus des Arbeitens unter kapitalistischem Kommando. Abgesehen davon, dass dieses Kommando als solches schon frustriert, können viele nicht das Gefühl haben, an der Bewältigung sinnvoller Aufgaben beteiligt zu sein. Noch weniger das Gefühl der Sicherheit vor Erwerbslosigkeit.

Selbst wenn sie es haben und sich die sinnvolle Aufgabe mindestens einreden können, zwingt ihnen die Konsumismus-Strategie des Kapitals so viel Arbeitszeit auf, dass sie nach der Arbeit erschöpft sind. Gar nicht wenige werden dann depressiv oder „brennen aus“. Wie sollen sie da die Freiheit haben, in den Zyklen außerhalb der Arbeit eigene Bedürfnisse zu definieren und auszuleben? Es bleibt nur die Kraft übrig, nach den Ersatzbefriedigungen zu greifen. So unterliegen wir dem Konsumismus, den wir selbst produzieren müssen. Wir unterliegen ihm nicht einmal deshalb, weil wir ihn nicht durchschauten. Sondern weil wir nicht anders können.

Damit ist der Lösungsweg klar. Die Nichtarbeitszyklen müssen der Arbeitswelt ihren Willen aufzwingen, nicht aber umgekehrt. Das geht nur, wenn Gelassenheit in sie einzieht, und das Mittel dazu ist die Befreiung der Arbeit, die vor allem auch eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit einschließt. Mit diesen Worten ist die Zukunftsvision von Karl Marx (1818 – 1883) in Erinnerung gerufen. Von einer gewissen Stufe der Entwicklung der Produktivkräfte an, meint er, braucht nur noch wenig gearbeitet zu werden. Wir haben diese Stufe spätestens mit der Digitalisierung erreicht! „Die freie Entwicklung der Individualitäten“, so Marx, „und daher (...) die Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft“, führe „zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der Individuen durch die für sie alle freigewordene Zeit und geschaffenen Mittel entspricht.“ Es geht Marx somit um die „Fähigkeiten“ und „Mittel des Genusses“, um Bedürfnisse also und deren Befriedigung: Damit jene freigelegt und diese erlangt werden können, entwirft der politische Ökonom genau den Weg, von dem wir gesehen haben, dass er nicht zuletzt auch aus dem antiökologischen Überkonsum herausführt.

Also: Rettung der Erde durch Befreiung der Arbeit. Ist die Verkürzung der Arbeitszeit nicht ohnehin eine gewerkschaftliche Forderung? Sie liegt im Interesse der Arbeiterinnen, das ist ihnen auch bewusst, und also kann man da anknüpfen, um den Sinn dafür zu wecken, dass zum Klassenbewusstsein heute auch ökologisches Bewusstsein gehört. Wie unsere Analyse gezeigt hat, bedeutet das eben nicht, dass irgendwer hier und jetzt private ökologische Großtaten vollbringen können soll. Auch die klassische Arbeiterbewegung hat ja nicht gefordert, dass der einzelne Arbeiter seinen Arbeitsplatz aufgeben solle, um der kapitalistischen Lohnarbeit die Beine wegzuhauen. Es ging vielmehr darum, eine Partei gegen diese Arbeit zu bilden. Derselbe Umweg ist heute in ökologischer Hinsicht notwendig. Wenn aber klar ist, dass es ein Umweg wird, fällt es uns leichter, die ökologischen Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, und das allein schon wird die Lebensweise verändern.

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06:00 23.07.2020
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Ausgabe 33/2020

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