Kritische Fragen zum Ansatz von Clark (1)

Christopher Clark Verstehen wir den Ersten Weltkrieg, wenn wir seinen Anlass nicht von seinen Ursachen unterscheiden?
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Das Folgende ist keine Buchbesprechung im gewöhnlichen Sinn, weil ein Text von mir zu Christopher Clarks Buch - Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, München 2013 - schon erschienen ist, auch eine Debatte schon stattgefunden hat und es jetzt nur noch um deren Vervollständigung gehen kann. Mein Text war ein kleiner "Kulturkommentar" gewesen, in dem ich die Diagnose gewagt hatte, in Clarks Vorgehen mache sich eine Verschiebung des Historiker-Diskurses bemerkbar: Mit der Unterscheidung von "Anlass und Ursache", wie wir sie seit Thukydides kennen, werde an die Frage der Entstehung des Ersten Weltkriegs nicht mehr herangegangen, vielmehr eine Ereignis-Vernetzung auf nur einer Ebene geboten. Das hatte keine Kritik sein sollen, da natürlich auch ich von Clarks Aufarbeitung einer ungeheuren Menge von Quellen profitiere, die er in fünf Sprachen hat lesen können; nur die Frage nach den Grenzen seines Ansatzes wollte ich aufwerfen.

Ich schließe mich also der allgemeinen Bewunderung für Clarks Leistung, wie sie schon auf dem Buchcover vorgegeben ist, vollkommen an: dafür, dass er uns den Krieg bzw. dessen "Vorgeschichte" als "Ergebnis einer dichten Folge von Ereignissen und Entscheidungen in einer durch vielfältige Beziehungen und Konflikte verflochtenen Welt" nahe gebracht hat. Er selbst betont unablässig die nahezu unbeherrschbare gewordene "Komplexität" der Welt der Diplomatie im Jahr 1914. Mich überzeugt diese Akzentuierung. Die Julikrise, lesen wir, sei "das komplexeste Ereignis der heutigen Zeit, womöglich bislang aller Zeiten" (S. 17). Zudem hat mich befriedigt, wie er die vielfältigen Aktionen und Absichten der Akteure immer auch auf deren Weltsicht zurückführt, die in verschiedenen Knotenpunkten des Geschehens nur verschieden sein konnte. "Alle Hauptakteure in unserer Geschichte", schreibt er,

"filterten das Weltgeschehen durch Narrative, die sich aus einzelnen Erfahrungen zusammensetzten und von Ängsten, Projektionen und Interessen zusammengehalten wurden, die man als Maximen ausgab. In Österreich stand das gängige Bild [von Serbien als] einer Nation jugendlicher Banditen und Königsmörder, die einen geduldigen älteren Nachbarn unablässig provozierten und an der Nase herumgeführten, einer nüchternen Einschätzung im Wege, wie man die Beziehungen zu Serbien regeln sollte. In Serbien bewirkten überhöhte Vorstellungen von der eigenen Opferrolle und der Unterdrückung durch ein räuberisches, übermächtiges Habsburger Reich umgekehrt genau das Gleiche. In Deutschland belastete eine düstere Vision künftiger Invasionen und Teilungen im Sommer 1914 den Entscheidungsprozess. Und die russische Legende wiederholter Demütigungen durch die Mittelmächte hatte eine ähnliche Wirkung, indem sie gleichzeitig die Vergangenheit verzerrte und die Gegenwart verklärte. Das wohl wichtigste Narrativ war die weithin verbreitete Legende vom historisch notwendigen Niedergang Österreich-Ungarns. Nachdem diese Legende das ältere Bild von Österreichs Rolle als Garant der Stabilität in Mittel- und Osteuropa verdrängt hatte, nahm sie den Gegnern Wiens auch die letzten Skrupel und untergrub die Vorstellung, dass Österreich-Ungarn wie jede andere Großmacht auch Interessen hatte, die es mit gutem Recht energisch verteidigte." (S. 713)

Der letzte Satz enthält eine Schlussfolgerung, über die noch zu reden sein wird. Was aber Clarks Methode angeht, war mein Punkt die von ihm hervorgehobene Überkomplexität. Ich fragte mich, ob das nicht ein Sachverhalt eigener Art ist, der nicht nur hier auftritt, sondern etwa auch beim Niedergang einer wissenschaftlichen Rahmentheorie, wenn diese durch, wie man sagt, "wuchernde" Hilfshypothesen gestützt wird. Clark selbst schreibt ja, die "ineinander verflochtenen Verpflichtungen, die letztlich das katastrophale Resultat von 1914 hervorbrachten, waren keine langfristigen Merkmale des europäischen Systems, sondern die Konsequenz zahlreicher kurzfristiger Verbesserungen" (S. 471). Hat so ein Prozess nicht immer Ursachen, bestimmte, besondere Ursachen, die man herauszufinden versuchen muss? Dass Clark die Frage nicht stellt, schien mir auf ein Netzdenken zu verweisen, über dessen Karriere im Internet-Zeitalter ich mich gewiss nicht wundere, das ich aber, wenn gar nichts hinzutritt, was seine Zweidimensionalität aufbricht, für unzureichend halte. Wie Clark tatsächlich vorgegangen ist, wollen wir uns jetzt noch anschauen. Er sagt selbst, er wolle "untersuchen, [...] wie das lose Netzwerk kontinentaler Bündnisse mit den Konflikten auf der Balkanhalbinsel verflochten wurde" (S. 227).

Der serbische Osama Bin Laden

Er beginnt mit dem Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand, den österreichischen Kronerben, in Sarajevo. Für ihn ist das kein Anlass des Weltkriegs in dem Sinn, dass daneben und gleichsam "darunter" noch Gründe wären, die ihn "eigentlich" verursacht hätten. Daher kann er mit einer breiten Darstellung der Situation in Serbien einsetzen, wo es in Offizierskreisen, ja bis in den Generalstab hinein eine Verschwörung gab, die unter Kontrolle zu halten der Zivilregierung nicht gelang und die ihrerseits der Zivilregierung feindlich gegenüberstand. Ein Mann, der sich Apis nennen ließ, nach dem Stiergott Ägyptens, war schon bei ihrer Entstehung 1903 die zentrale Figur gewesen, als es darum ging, das damals herrschende serbische Königspaar zu ermorden, und noch beim Attentat 1914, zu welchem Zeitpunkt Apis den Geheimdienst leitete, hielt er die Fäden in der Hand.

Nachdem wir in diesem Ersten Teil auch über Österreich-Ungarn und seine Beziehungen zu Serbien unterrichtet worden sind, kommt Clark im Zweiten auf die Entwicklung der europäischen Bündnisse zwischen 1890 (Nichterneuerung des deutsch-russischen Rückversicherungsvertrags) und 1914 zu sprechen. Wenn man selbst eine Vorstellung von Ursachen des Weltkriegs hat, die vielleicht noch bedeutsamer sind als der Anlass Sarajevo, wird man hier durchaus fündig. Dass Frankreich in die von Deutschland eröffnete Lücke stieß und es zum französisch-russischen Militärbündnis kam, auf die in Deutschland mit dem Schlieffen-Plan reagiert wurde, ist bekannt genug, dennoch hätte Clark mehr tun sollen, als es nur zu streifen. Doch das Crescendo, das mit der britisch-französischen "Faschoda-Krise" wegen der britischen Besetzung Ägyptens beginnt, zeichnet er stringent nach. Zur Bereinigung dieser Krise wurde nämlich Frankreich, sehr zum Ärger Deutschlands, Marokko überlassen; das ermutigte Italien, Libyen zu besetzen; damit war die generelle Schwäche des Osmanischen Reichs offenbar geworden; infolgedessen wurde dieses bis nach Konstantinopel zurückgedrängt durch eine lose Koalition europäischer Balkanstaaten (Erster Balkankrieg), die sich anschließend um die Beute stritten (Zweiter Balkankrieg); dabei steigerte sich der serbische Nationalismus und verankerte sich jene Verschwörung tiefer im serbischen Staat.

Wenn man jetzt noch hinzufügen würde, dass die britische Besetzung Ägyptens eine Folge der Zahlungsunfähigkeit dieses Landes, also eine Aktion zum Schutz britischer Kredite war, so begriffe man ja, dass der wirkliche Ausgangspunkt allen Blutvergießens die große Wirtschaftskrise seit 1873 gewesen sein könnte. Nicht nur aber, dass Clark das nicht tut, er spielt noch die Bedeutung des Teils der Kette von Gewaltakten, die er präsentiert, nachgerade herunter. Bis vor dem italienischen Zugriff auf Libyen, der den Ersten Balkankrieg unmittelbar auslöst, hat sich in seinen Augen noch gar nichts ereignet, was als Vorgeschichte des Weltkriegs gelten kann. Allenfalls "Strukturen" sind entstanden, die es 1914 immer noch gibt, doch "[d]ie Zukunft war alles andere als vorherbestimmt". (S. 226 f.) Somit läuft auch dieser Zweite Teil des Buchs nur wieder darauf hinaus, dass alles mit Serbien begonnen habe. Das Buch im Ganzen liest sich dann so: Der Attentäter von Sarajevo gehört zu einer Verschwörung, die in Serbien über beträchtlichen Einfluss verfügt (Erster Teil). Sie fügt sich in einen serbischen Nationalismus ein, der im Ersten und Zweiten Balkankrieg auch militärisch triumphiert (Zweiter Teil). Der bald folgende Weltkrieg zeigt durch seinen Beginn, dass er weiter nichts als der Dritte Balkankrieg ist, der sich zum europäischen ausweitet (Dritter Teil).

Es dreht sich alles um "Sarajevo"! Im Ersten Teil erfahren wir wie in einer Kriminalstory, welcher eigentliche Täter hinter dem Attentat stand. Apis, der Stiergott, ist gewissermaßen der serbische Osama bin Laden, und schon hier deutet sich an, dass die serbische Regierung, auch wenn sie nicht selbst an der Verschwörung teilhat, doch schon dafür, dass sie dieselbe nicht ungeschehen machen kann, genauso viel Schuld auf sich lädt wie vor kürzerer Zeit die Taliban-Regierung an der Existenz von Al Qaida. Im Zweiten Teil wird das vom Knotenpunkt Sarajevo her geknüpfte Ereignis-Netz zeitlich zurückverlängert. Im Dritten auf die Julikrise vorausgeworfen.

Ein Korsett aus weißer Seide

Bei der Darstellung des Knotenpunkts als solchem entwickelt Clark Fähigkeiten, die man eher bei einem Romanautor vermuten würde. Die Schilderung des Attentats, mit welcher der Dritte Teil beginnt, erstreckt sich über elf Seiten. "Mehmedbasic gelang es, die Bombe freizubekommen, aber in diesem letzten Moment glaubte er zu spüren, wie jemand - womöglich ein Polizist - hinter ihn trat. Vor Schreck war er gelähmt, genau wie im Januar 1914, als er den Auftrag, Oskar Potiorek im Zug zu töten, verpatzt hatte. Die Autos fuhren vorbei. Der nächste Attentäter in der Reihe, zugleich der erste, der in Aktion trat, war der bosnische Serbe Nedeljko Cabrinovic, der sich an der Flussseite des Kais aufgestellt hatte. Er holte seine Bombe hervor und zerschlug das Zündhütchen an einem Laternenpfahl. Als der Leibwächter des Erzherzogs, Graf Harrach, den Knall hörte, glaubte er, ein Reifen sei geplatzt, aber der Fahrer sah die Bombe heranfliegen und trat auf das Gaspedal. Ob der Erzherzog selbst die Bombe sah und es ihm gelang, sie mit der Hand wegzuschlagen, oder ob sie einfach an dem zusammengefalteten Dach hinter dem Fahrgastraum abprallte, ist nicht ganz klar. Auf jeden Fall verfehlte sie ihr Ziel" (S. 479) und so geht es noch fünfeinhalb Seiten fort.

Man könnte das so hinnehmen, denn warum sollen nicht auch wissenschaftliche Bücher angenehm lesbar sein, fragt sich aber dann doch, warum Clark nicht andere Akzente setzt, wenn er schon so ausführlich sein will. Dass nämlich Mehmedbasic, ein linker Muslim aus der Herzegowina, in der vorbereiteten Reihe der Attentäter der erste ist, irritiert uns sehr, haben wir doch S. 88 gelesen, er sei als "völlig unerfahrene[r] Schuljunge" den Attentätern, auf die man eigentlich zählte, nur zu dem Zweck, die nach Serbien führenden "Spuren der Verschwörung zu verwischen", hinzurekrutiert worden. Warum stellte man dann ausgerechnet ihn als ersten in der Reihe auf und riskierte so das Scheitern der ganzen Unternehmung? Das ist ungereimt und hätte untersucht werden müssen, was Clark nicht tut.

Spiegelbildlich stellt er auf den ersten Seiten des Buchs die Ermordung des serbischen Königspaars, für die sich die hinter "Sarajevo" stehende Verschwörung 1903 zusammengefunden hatte, mit derselben Detailverliebtheit dar. "Während die Offiziere von Zimmer zu Zimmer zogen und auf Schränke, Wandteppiche und andere potenzielle Verstecke schossen, kauerten König Alexander und Königin Draga im ersten Stock in einem winzigen Anbau zur Schlafkammer, wo die Dienstmädchen der Königin in der Regel ihre Kleider bügelten und stopften. Fast zwei Stunden dauerte die Suche. Der König nutzte diese Pause, um sich so leise wie möglich eine Hose und ein rotes Seidenhemd anzuziehen; er wollte nicht, dass seine Feinde ihn nackt fanden. Der Königin gelang es derweil, sich mit einem Unterrock, einem Korsett aus weißer Seide und einem einzigen gelben Strumpf notdürftig zu bekleiden." (S. 24)

Am Ende wird der Film grausam: "Die Leichen wurden [...] mit Säbeln zerstochen, mit einem Bajonett aufgerissen, teilweise ausgenommen und mit einer Axt zerhackt, bis sie zur Unkenntlichkeit verstümmelt waren. Der Leichnam der Königin wurde zum Geländer des Schlafzimmerfensters geschleppt und, so gut wie nackt und völlig blutverschmiert, in den Garten geworfen. Als die Mörder versuchten, mit Alexander ebenso zu verfahren, schloss sich dem Vernehmen nach eine Hand des Königs für einen Moment um das Geländer. Ein Offizier hackte die Faust mit einem Säbel durch. Die einzelnen Finger und der Körper des Monarchen fielen zu Boden. Als sich die Attentäter im Garten versammelt hatten, um eine Zigarette zu rauchen und ihr Zerstörungswerk zu inspizieren, fing es an zu regnen." (S. 25)

Hat man schon jemals gelesen, General Pinochet habe auf Präsident Allende ein "Attentat" verübt? Indem Clark diese palaststürmenden Offiziere als "Attentäter" bezeichnet, überträgt er unsere von ihrer Bestialität geschürte Erregung auf die Attentäter von Sarajevo. Doch selbst davon absehen: Sind nur serbische Militärs grausam? Mit Bajonetten waren damals alle europäischen Armeen ausgerüstet. Wir erfahren im weiteren Verlauf des Buches auch von serbischen Massakern in neuen Gebieten, die Serbien durch die Balkankriege hinzugewonnen hatte, nicht aber etwa von deutschen Gräueln in Südwestafrika.

"Eine Reise durch die Ereignisse"

Alle mir bekannten historiografischen Darstellungen fragen nach Gründen für historische Ereignisse. Auch wo es sich um Ereignis-Gesamtheiten handelt, etwa dass ein Weltreich über Jahrhunderte besteht oder dass sich über einen langen Zeitraum sein Untergang vorbereitet, wird nach Gründen gefragt, etwa für den langen Bestand beziehungsweise die unumkehrbar werdenden Schwächen. Auch ein Weltkrieg ist eine Ereignis-Gesamtheit. Was den Ersten angeht, hat die Frage nach dem Staat, der seinen Ausbruch hauptsächlich herbeigeführt hat, lange im Vordergrund gestanden. Clark indessen betont schon in der Einleitung, dass er "Fragen nach der Schuld und Verantwortung" nicht für zielführend hält. Er will sie zwar nicht ausklammern, doch die "Vorgehensweise" sollen sie nicht bestimmen. Von der sagt er, sie werde "eine Reise durch die Ereignisse" sein, die "sich zum Ziel setzt, die Entscheidungen zu erkennen, die den Krieg herbeiführten, und die Gründe und Emotionen zu verstehen, die dahintersteckten". (S. 18)

Der Krieg wäre also durch Entscheidungen herbeigeführt worden. Und da es eine Menge Akteure gab: durch eine Unzahl sich durchkreuzender Entscheidungen. Tatsächlich wird sich Clarks "Reise" an den Kreuz- und Quergängen orientieren, die sich zwischen möglichst allen Entscheidungen aller beteiligten Politiker ausspannten. Wenn wir weiterlesen, stellt er aber nicht nur die Schuldfrage zurück, sondern "die Warum-Frage" überhaupt: "nach Möglichkeit sollen die Antworten auf die Warum-Frage [...] aus den Antworten auf Fragen nach dem Wie erwachsen, statt umgekehrt". (S. 18)

Das ist ein bemerkenswerter Satz. Nur auf den ersten Blick sieht er aus, als hätten wir ihn schon tausendmal gehört, etwa in der Form, es sei das Wesen der Wissenschaft, nicht nach dem Warum, sondern nach dem Wie zu fragen. In dieser Form war der Satz aber nie bloß umgangssprachlich verstanden worden. Er richtete sich vielmehr speziell gegen Philosophen, die, ich sage es mit Rudolf Carnap (der nur ausspricht, was allgemein bekannt ist), "nach einem tieferen Verständnis [der Welt suchten], zu dem man - so glaubten sie - nur gelangen könnte, indem man die metaphysischen Gründe hinter den Phänomenen, die der wissenschaftlichen Methode nicht zugänglich sind, auffand. Die Physiker reagierten darauf so: 'Lasst uns mit euren Warum-Fragen in Ruhe. Es gibt keine Antworten außer denen, die man mit Hilfe von empirischen Gesetzen geben kann.' Man war gegen Warum-Fragen, weil sie gewöhnlich metaphysische Fragen waren" (Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft, 2. Aufl. München 1974, S. 20) oder anders gesagt wenn sie das waren.

Selbstverständlich antwortet auch jedes empirische Gesetz auf eine Warum-Frage und ist dazu da, eben das zu tun. Galileis Fallgesetz zum Beispiel antwortet auf die Frage der Geschwindigkeits-Entwicklung im freien Fall. Warum die Beschleunigung des fallenden Steins? Weil es nicht anders möglich ist: Jeder Fall muss sich nach dem Gesetz richten. Dort das fallende Herbstblatt aber, warum beschleunigt es sich nicht auch? Weil das Gesetz streng genommen nur im Vakuum gilt. Man kann dann weiterfragen, warum das Gesetz so ist, wie es ist, und gelangt zu Antworten, indem man es in allgemeinere Gesetzeszusammenhänge einbettet. Immer muss das Vorhandensein solcher Gesetze bewiesen werden und zwar empirisch.

Von einer Wie-Frage, die nicht in diesem Sinn zugleich auch eine Warum-Frage ist, ist keine Rede, hier jedenfalls nicht. Wohl aber tatsächlich bei Clark. Wie wurde entschieden? Wie wurde auf die Entscheidung reagiert? Es hätte aber auch anders reagiert werden können. Dasselbe gilt für die Entscheidung selber. Clark begründet zwar, warum diese statt jener getroffen wurde, doch hätte anders entschieden werden können. Seine Warum-Frage zielt nur auf Nachvollziehbarkeit. Sie ist tatsächlich nur "aus den Antworten auf Fragen nach dem Wie erwachsen". Dies Verfahren hat in der Naturwissenschaft kein Vorbild. Die pure Frage, "wie es läuft", etwa wenn ich durch die Straße laufe und mir Passanten begegnen, kann gar nicht im Ernst eine Frage genannt werden.

Hier gibt es ja keine Trennung von Frage und Frage-Gegenstand mehr, sondern nur der letztere wird bewusst. Der Gegenstand nimmt als Netzwerk von Ereignissen das ganze Bewusstsein ein. Man kann ihn nicht mehr Gegen-Stand nennen, vielmehr ist, wer so "fragt", selbst Netzteil geworden, und um mit Benjamin zu sprechen: "Wir können das Netz in dem wir stehen nicht zuziehn." Tritt aber dem Gegenstand keine Frage mehr von außen entgegen, kann es auch nicht gelingen, in ihm etwas wie "Tiefe" und "Oberfläche" auseinanderzuhalten, das heißt zu sehen, dass zur Erklärung eines Geschehens der pure Beginn desselben vielleicht kaum etwas beiträgt. Anders gesagt wird dann die Unterscheidung von Anlass und Ursache(n) hinfällig.

Manche mögen das sogar für einen Fortschritt halten. Die Sache verdient aber eine Prüfung. Wir wollen uns wenigstens nicht bewusstlos in die Bejahung der Frage, ob das pure Netzdenken ein Fortschritt sei, hineintreiben lassen. Sie wenigstens wollen wir, bis wir die Antwort haben, von ihrem Gegenstand - dem Netzdenken - getrennt halten. Womit die Antwort freilich schon vorentschieden ist. Denn wenn ich diese Frage getrennt halte, und das muss ich, weil Fragen nun einmal etwas anderes ist als Netzdenken, warum soll ich es nicht mit jeder tun? Ich halte tatsächlich dafür: Nicht zu fragen ist kein Fortschritt und eine Frage fällt nun einmal nicht mit ihrem Gegenstand zusammen.

Weiterlesen in (2): hier.

22:37 07.11.2013
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