Loyalität und Ehrenwort

KOMMENTAR Lafontaine bietet der SPD seine Mitarbeit an

Wenn Oskar Lafontaine, in die Politik zurückstrebend, sich für die Folgen seiner Demission entschuldigt und sie nachträglich damit begründet, dass er "nicht ohne Loyalität auf Dauer arbeiten" könne, so möchte man spontan teils mitleidig, teils genervt reagieren. Genervt, weil die Erfahrung von Illoyalität, Undankbarkeit und Mobbing doch eine Massenerscheinung ist. Mit welchem Recht will nun gerade Lafontaine davon ausgenommen sein? Warum ist er nicht eher stolz darauf, von den angepassten Neoliberalen Hombach und Schröder missgünstig behandelt worden zu sein? Wie kann ausgerechnet ein Spitzenpolitiker glauben, er könne seine Sache durchsetzen, ohne dass nicht nur er selbst, sondern auch andere mit schmutzigen Händen fechten? Mitleid ist die andere Reaktion, weil sich bestätigt, was schon die Quintessenz seines Buchs war: Lafontaine leidet unter den Folgen des 1990 auf ihn verübten Attentats. Es gibt im Buch eine Schlüsselszene, die nicht anders gelesen werden kann, als dass dieser Mann tatsächlich aus Gründen seiner erschütterten Psyche Loyalität brauchte wie andere die Luft zum Atmen. Deshalb hatten Hombach und Schröder leichtes Spiel mit ihm.

Aber die psychologische Betrachtung ist nicht alles. Der Satz, dass einer wie Lafontaine nicht ohne Loyalität arbeiten kann, ist auch deshalb wahr, weil er mit seiner Politik das Machtgefüge dieses Landes tangierte. Wenn daraus mehr folgen sollte als sein Seelenheil, brauchte er wenigstens eine Handvoll ernster Mitstreiter. Die Kraft zur Herausforderung der Mächtigen hängt in erster Linie davon ab, dass sie von einer wenigstens kleinen Gruppe von Menschen orientiert wird, die sich jederzeit aufeinander verlassen können, weil sie einen Konsens haben. Wie wahr das ist, sieht man an Helmut Kohl, dessen "Ehrenwort"-Connection wie Pech und Schwefel zusammenhält. Da gibt es offenbar einen Konsens, da ist Loyalität und da ist die Macht. Sicher, sie wird von den materiellen Bedingungen gestützt, aber auch jede Gegenmacht ist ohne den Kitt der Loyalität undenkbar.

Hier erst beginnt die Einsicht in Lafontaines nicht nur psychologisches, sondern politisches Unglück. Dass er glaubte, mit Schröder zusammenarbeiten zu können, ist noch nachvollziehbar, denn so war die Situation, er musste das versuchen. Aber was es bedeutete, dass sein Partner als Exponent einer Machtzentrale wie des Kanzleramts agieren würde, hat er nicht gesehen. Dieses Amt, das nicht vom Grundgesetz, sondern aus der Geschichte Preußens herrührt, ist nun einmal auf gleichberechtigte Loyalität zwischen Kanzler und Minister nicht angelegt. Lafontaine hat nicht mit dem Eigensinn der Macht gerechnet. Das kennt man von der deutschen Sozialdemokratie. Da erwartet man wenigstens jetzt, dass er Vorschläge zum Umgang mit der Machtfrage unterbreitet. Sei's in der SPD oder woanders! In der Rolle, noch mehr Vorträge zur Weltökonomie zu halten, wird er nichts mehr bewegen.

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Geschrieben von

Michael Jäger

Redakteur „Politik“ (Freier Mitarbeiter)

Michael Jäger studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Er war wissenschaftlicher Tutor im Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin, wo er bei Klaus Holzkamp promovierte. In den 1980er Jahren hatte er Lehraufträge u.a. für poststrukturalistische Philosophie an der Universität Innsbruck inne. Freier Mitarbeiter und Redaktionsmitglied beim Freitag ist er seit dessen Gründung 1990. 1992 wurde er erster Redaktionsleiter der Wochenzeitung und von 2001 bis 2004 Betreuer, Mitherausgeber und Lektor der Edition Freitag. Er beschäftigt sich mit Politik, Ökonomie, Ökologie, schreibt aber auch gern über Musik.

Michael Jäger

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