Luft von anderem Planeten

Musikfest 2012 Karlheinz Stockhausens Hymnen (Dritte Region), Elektronische Musik mit Orchester (1969)
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Das Musikfest Berlin 2012 kreist um US-amerikanische Musik: Gershwin und Ives, Barber und Bernstein, Copland und Carter, Cage natürlich, der am Mittwoch 100 Jahre alt geworden wäre, und Feldman sind zwischen dem 31. August und 18. September zu hören. Auch ein paar europäische Kompositionen, die sich auf die USA beziehen, kommen vor. Vielleicht hätte man sich noch weitere gewünscht, denn das ist eine einmalige Gelegenheit - so schnell wird ein Festival mit diesem Konzept, das grandios ist, nicht wiederkehren. Die Sinfonie Des canyons aux étoiles, Olivier Messiaens Beitrag zur 200-Jahr-Feier der USA 1976, steht leider nicht auf dem Programm. Dafür wurde ein Hauptwerk Karlheiz Stockhausens, die Hymnen (Dritte Region), Elektronische Musik mit Orchester (1969), am ersten Samstag des Musikfests unter Leitung von Peter Eötvös aufgeführt. Es entstand als Auftragswerk für das New York Philharmonic Orchestra, angeregt von Leonard Bernstein.

Um Sterne (étoiles) geht es auch hier. Heute schon, hat Stockhausen erklärt, erst recht aber, wenn die Menschheit vom Weltraum her auf die Erde zurückblicke, werde ihr die ältere Musik unendlich wertvoll; mit Bewusstsein als vergangene gehört, verändere sie ihren Charakter. Natürlich lagen solche Assoziationen im Mondlandungsjahr nahe, wie auch danach noch für Messiaen. Doch schon Arnold Schönberg hat den Vers "Ich spüre Luft von anderem Planeten" vertont (1908 im Zweiten Streichquartett). Von heute aus gesehen, muss man solche Weltraum-Bezüge nicht mehr wörtlich nehmen. Es ist klar, dass sie jedenfalls für eine Zukunft stehen, welche es auch sei. Man kann sie als Metapher begreifen. Bei Stockhausen wird die Zukunft durch elektronischen Klang metaphorisiert. Das geschah seinerzeit auch in Astronauten-Filmen.

Alle Nationen versöhnt

Die Hymnen befassen sich mit einem anderen Thema: dem Streit der Nationalstaaten. Es sind Nationalhymnen gemeint. Wie im Paradies, laut der Bibel, Löwe und Lamm friedlich zusammen grasen, so versöhnt Stockhausens Zukunft alle Nationen. Die musikalische Umsetzung ist faszinierend: Man hat das Gefühl, Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit simultan zu hören und doch auch auseinanderhalten zu können. Die Hymnen, von denen Teile direkt zitiert werden, sind das bereits Vergangene. Gerade musikalisch, in ihrer puren Tonalität, repräsentieren sie ja das 19. Jahrhundert. Zwischen ihnen und der elektronisch evozierten Zukunft steht Stockhausens serielle Gegenwartsmusik, in die alles eingeschmolzen wird. So werden die elektronischen Klänge von den Instrumentalisten aufgenommen und variiert, und zugleich ragen die Hymnen aus ihrem seriellen Spiel heraus. Dieses aber kann in atemberaubende Nähe zur Tonalität geraten. Weite Teile des zwanzigminütigen Werks klingen so, als sei ein serieller Schleier über Akkordfolgen des 19. Jahrhunderts gelegt, was deren Glanz und Tiefe unglaublich steigert.

Zunächst hört man die Hymne der Sowjetunion, dann Klänge wie von Wagner und Richard Strauss; nachdem eine gewaltige Modulationswoge sie unerwartet ins Licht geführt und dort aufgelöst hat, tritt die US-Hymne auf den Plan. Diese Passage möchte wie so viele Sinfonien des 19. Jahrhunderts in einer Apotheose des Grundtons enden, doch Stockhausen übertreibt sie ironisch und lässt sie kein Ende finden; stattdessen geht sie in lustige spanische Rhythmen über. Auch für Stockhausen waren die USA nicht schon das Ende der Geschichte.

12:55 03.09.2012
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