Marsch zum Mars

Kosmos Chinas Raumfahrt überflügelt die NASA – mit dem Fernziel, das ökologisch verheerende Wirtschaftswachstum ins All auszulagern

Eine chinesische Sonde ist auf dem Mars gelandet und führt ihre Forschungsarbeiten aus, prüft die Zusammensetzung des Bodens, die geologische Struktur, das Klima. Ist das etwas Besonderes? Durchaus. Es haben dort zwar schon viele Sonden geforscht, aber sie kamen alle aus den USA. Auch die Sowjetunion hatte einige Sonden geschickt, aber keine hat die Landung unbeschadet überstanden. China hingegen, dessen Marsprogramm erst 2016 startete, ist es gleich beim ersten Versuch gelungen. Zudem genau nach Plan: 2020 sollte die Marsrakete abheben, und so geschah es. Am 14. Mai 2021 landete „Tianwen-1“ auf dem Nachbarplaneten, wo sie nun drei Monate lang Informationen sammelt.

Hat China auf dem Weg, die USA zu überholen, einen weiteren entscheidenden Schritt getan?

Auf dem Mond lockt Titan

Wie auch in Indien war die chinesische Raumfahrt von der Sowjetunion in die Spur gesetzt worden. Während der postsowjetischen Zeit hat die Zusammenarbeit mit Russland eine große Rolle gespielt. Als Gegenleistung für die chinesische Zusage, künftig keine Raketen mehr an Pakistan zu verkaufen, hoben die USA 1994 ihr Exportverbot für Satellitentechnik nach China auf. Die Beteiligung chinesischer Kosmonauten an der „international“ genannten Raumstation ISS, die um die Erde kreist, ließen sie allerdings nicht zu. China hat deshalb eigene Raumlabors gebaut und betrieben. Als erstes Labor kreiste „Tiangong-1“ zwischen 2011 und 2018 um die Erde und war in den ersten beiden Jahren bemannt. „Tiangong-2“ war zwischen 2016 und 2019 in Betrieb, die Bemannung noch im Startjahr war die bis dahin längste. Jetzt, vor anderthalb Monaten, wurde mit dem Bau einer permanenten Station begonnen, im nächsten Jahr soll sie betriebsbereit sein.

Die Entwicklung der chinesischen Raumfahrt hatte anfangs vor allem militärische Zwecke, wie das auch in der Sowjetunion der Fall war. Im Oktober 1956 wurde dafür ein Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums gegründet, die erste Kurzstreckenrakete startete Ende 1960 – im Jahr des politischen Bruchs mit dem sowjetischen „Revisionismus“ –, die erste Mittelstreckenrakete folgte 1964. Die erste eigentliche Weltraumrakete, eine dreistufige Trägerrakete mit dem Revolutionsnamen „Langer Marsch 1“, hielt sich 1969 etwa eine Minute in der Höhe. Der erste Satellit startete 1970, 1975 konnte erstmals eine Nutzlast zur Erde zurückgebracht werden. 2003 begann die Zusammenarbeit mit der EU hinsichtlich wissenschaftlicher Satelliten, wurde der Ausbau eines rein chinesischen Satellitennavigationssystems in Angriff genommen und fand der erste bemannte Raumflug statt, nachdem entsprechende Pläne schon seit 1966 geschmiedet worden waren. In Form eines Programms gab es sie seit 1992.

Die erste Umkreisung des Mondes mit einer Sonde gelang 2007. 2013 landete eine andere Sonde auf der Mondoberfläche und konnte von dort experimentelle Daten zur Erde zurücksenden. Die Landung eines solchen Geräts auf der Mondrückseite gelang im Januar 2019, dies war vorher überhaupt noch niemals geschehen. 2020 wurden Gesteinsproben vom Mond eingesammelt und zur Erde zurückgebracht, darunter Uran. Die Aussicht auf Gewinnung wichtiger Rohstoffe, nicht zuletzt auch Seltener Erden, und das auch im Asteroidengürtel, ist zurzeit wohl überhaupt, nicht nur in China, die stärkste Triebkraft der Raumfahrtentwicklung. So sollen allein auf dem Mond etwa 150 Billiarden Tonnen Titan lagern. Seit Ende 2020 werden indes auch die Pläne zur Errichtung einer Internationalen Mondforschungsstation vorangetrieben, in Kooperation mit Russland und dem Weltraumbüro der Vereinten Nationen. Die Technologien für den Bau einer solchen Station sollen ab 2024 erprobt werden. Die bemannte wissenschaftlich-ökonomische Erkundung des Mondes soll 2030 beginnen. Bemannte Stationen müssen auch eine Antwort auf die Frage liefern, ob Teile der Menschheit ihr Leben auf anderen Himmelskörpern, besonders dem Mars, zubringen könnten.

In den Weltraum auswandern

Im kommunistischen China, das so lange gegen die Überbevölkerung mit dem sehr radikalen Mittel der Ein-Kind-Politik vorgegangen war – trotz aller Verwerfungen, die der Nobelpreisträger Mo Yan in seinem Roman Frösche (2009) schildert –, mögen diese Erkundungen besonders nahegelegen haben. Jedenfalls berichtet Robert Jungk, der bekannte Zukunftsforscher, in seinen Memoiren von einer Weltkonferenz der World Future Studies Federation 1988 in Peking, dass die Gastgeber, „chinesische Institutsleiter, Professoren und Funktionäre“, sich bereits im Vorfeld „gewaltiger hochtechnologischer Entwürfe“ sahen: „Der einzige Ausweg gegen eine durch Überbevölkerung ausgelöste große Hungersnot, globale Umweltverschmutzung und weltweite Arbeitslosigkeit sei die möglichst schnelle und energische Vorbereitung der Auswanderung von Milliarden in die Weiten des Weltraums, behauptete zum Beispiel der Professor Boa Zhong-Hang.“

Vielleicht denkt man heute anders, es sind ja Wege bekannt, die Erdbevölkerung auf einem bestimmten Niveau zu stabilisieren. Das chinesische Marsprogramm, hören wir jetzt, habe primär wissenschaftliche statt wie das Mondprogramm ökonomische Ziele. Das kann der Grund sein, weshalb es recht spät Fahrt aufnahm – die Finanzierung erschien nicht vordringlich. Aber es wäre auch sinnlos gewesen, das Marsprogramm zu einem Zeitpunkt zu forcieren, in dem die Möglichkeit extraterrestrischen Lebens noch nicht einmal auf dem Mond geprüft war, den die US-Astronauten 1969 in 76 Stunden erreicht hatten, während man zum Mars-Hinflug mit heute verfügbarer Technik etwa neun Monate bräuchte.

China musste aufholen, aber es versucht auch heute keine schnellen Siege in der Konkurrenz mit den USA. Das ist selbst schon ein Zeichen von Stärke. Die USA hatten sie in den 1960er Jahren nicht, da sie ihren bemannten Mondflug als Sieg über die Sowjetunion inszenierten. Denn allen Beobachtern war damals klar, dass es einer immanent gedachten Logik des schrittweisen Aufbaus von Weltraumkapazitäten krass widersprach, auf ein solches Ziel zu einem so frühen Zeitpunkt so viel Wert zu legen. Es war im Grunde eine Verschleuderung von Finanzmitteln. China hat das nicht nötig. Aus den USA hört man auch heute die schrillen Töne der Übereilung – diesmal von Kapitalisten wie Elon Musk, der die Erwartung bemannter Marsflüge in allernächster Zeit weckt –, nicht so aus China. Obwohl es eine privatkapitalistische Beteiligung an den Raumfahrtprogrammen auch dort gibt. Und obwohl Xi Jinping, der chinesische Staatspräsident, seit 2013 vom „Raumfahrttraum“ spricht, „den wir unermüdlich verfolgen“, um „die unendlichen Weiten des Weltalls zu erkunden“. Als US-Präsident John F. Kennedy 1961 seine Landsleute auf die Mondmission einstimmte, hatte er sehr ähnlich gesprochen.

Chinas Programme sind in der Bevölkerung populär; die hohen Kosten, die Kennedy nur mit dem Kampf gegen die Sowjetunion rechtfertigen konnte, werden im heutigen China um der Sache selbst willen gebilligt. Darum hat sich die kommunistische Führung bemüht, mit großem Erfolg deshalb, weil sie die in der Bevölkerung verbreiteten Mythen in Rechnung stellte. Mit dem maoistischen Revolutionsnamen „Langer Marsch“ schmückt sich zwar noch heute eine Trägerrakete, aber zunehmend sind die Raketen, Sonden oder Labors im Rückgriff auf alte Traditionen benannt worden. So wurde das erste bemannte Raumschiff „Shenzou“ genannt, das „Götterschiff“, die Mondsonden hießen „Chang’e“ nach der chinesischen Mondgöttin, die zusammen mit dem Jadehasen in einem Palast auf dem Erdtrabanten wohnt, und der Name der zurzeit auf dem Mars arbeitenden Sonde, „Tianwen“, heißt übersetzt „Himmelsfrage“ in Anspielung auf ein Gedicht Qu Yuans, der um 340 vor Christus geboren wurde; es gilt manchen als das älteste chinesische Kunstdokument überhaupt. Wer nun aber meint, solche Benennungen spiegelten einen reaktionären Kurs der Partei, die sich längst auch auf Konfuzius beruft, ist daran zu erinnern, dass schon Mao Zedong 1965 Li Bai, der im achten Jahrhundert nach Christus lebte, mit den Worten „Wir können zum Himmel hinaufsteigen und den Mond herunterholen“ zitiert hatte. Aber bedarf es dieser Erinnerung überhaupt? Wer einmal die „Mao-Bibel“ in der Hand hatte, jenes kleine rote Buch, der weiß, wie gern der Revolutionsführer alte Volksmythen zitierte.

Der kulturelle Unterschied zwischen China und dem Westen spielt bei all dem eine große Rolle. So enthält der christliche Begriff vom „Himmel“ eine stark erdfeindliche Note, obwohl er sich darin nicht erschöpft. Wir lesen im 2. Petrusbrief, die „jetzigen Himmel“ und die Erde seien „für das Feuer gehortet“, „aufbewahrt für den Tag des Gerichts“, woraus der Kirchenvater Augustinus machte, es werde Gerettete geben, die zum Zeitpunkt, wo die Erde brennt, schon von ihr wegflögen. Diese Tendenz wurde in der Epoche der Säkularisierung tradiert und sorgte dafür, dass sich mit der Raumfahrt Vorstellungen von Erdflucht verbanden. Kehrseite war eine eher antiökologische Haltung – wer die Erde sowieso verlässt, braucht sie nicht zu retten. Die heutigen Kirchen sprechen zwar von der „Bewahrung der Schöpfung“, aber das ist ein Rückgriff aufs Alte Testament, der zu spät kommt und uns säkularisierte Menschen nicht mehr erreichen kann. Ganz anders die chinesische Überlieferung, in der sich Himmel und Erde wie Yin und Yang, auch Mann und Frau zueinander verhalten, ein Gegensatz zwar, aber bestimmt zum Zusammenwirken.

So fragt man sich, ob Raumfahrt und Ökologie in China harmonieren könnten. Sie dient freilich auch dort dem unendlichen Wirtschaftswachstum, das ökologisch so verheerend ist. Soll es auf Mond und Mars ausgelagert werden?

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06:00 19.06.2021
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Ausgabe 30/2021

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