Meditation

Ultraschall 2021 Das Festival „Ultraschall“ findet statt, aber wegen des Lockdowns nur im Radio. Der Wechsel der Gefühle konnte am ersten Abend nicht größer sein
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Meditation
Das Notos Quartett. Als traditionelles Klavierquartett ist es auch für Komponisten von Gegenwartsmusik eine immer noch mögliche Besetzung

Foto: Deutschlandfunk/Simon Detel

„Ultraschall“, das traditionell im Januar veranstaltete Festival für neue Musik der Rundfunksender Deutschlandfunk Kultur und rbbKultur, ist in diesem Jahr eine reine Folge von Radio-Abenden, denn Konzerte mit Live-Publikum kann es derzeit nicht geben. Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass die traditionellen zwei bis drei Orchesterkonzerte abgesagt werden mussten. Das Festival konzentriert sich auf Kammer- und Ensemble-Musik. Es dauert wie üblich von einem Mittwoch, dem gestrigen, bis zum darauf folgenden Sonntag. Immerhin sind meistens Live-Mitschnitte zu hören, gestern zur Eröffnung allerdings handelte es sich um eine Studioproduktion von rbbKultur.

In der ersten Hälfte des Abends spielte das Notos Quartett. Das traditionelle Klavierquartett ist tatsächlich auch für Komponisten von Gegenwartsmusik eine immer noch mögliche Besetzung. Zwei Uraufführungen wurden geboten, zuerst Schwarze Perlen des Österreichers Bernhard Gander. Der Heavy Metal-Einfluss ist stark zu hören, es war eine wahre Beatmusik. Man konnte nicht körperlich unbewegt zuhören. Von Atonalität keine Spur, nur die Bewegungsmodi waren „modern“, zum Beispiel wenn einmal alles, wie von einer Hand am elektronischen Regler gesteuert, oder wie bei einer Achterbahn-Fahrt, die Akkordik stufenlos gleichgültig nach unten glitt. Dass das Piano in neuerer Musik gern als Schlagzeug eingesetzt wird, ist bekannt, hier aber traten meist noch zwei oder alle drei Streicher zum Schlagen im gleichen Rhythmus hinzu. Die andere Uraufführung, Spirals von Bryce Dessner, war nicht unähnlich, die Faktur noch einfacher. Dessner gehört als Gitarrist der weltbekannten Rockband the National an, schreibt im übrigen auch Filmmusik. Seine Orientierung an Minimal Music, besonders der von Steve Reich, war seinem Stück anzuhören.

Das dritte vom Notos Quartett gespielte Stück sollte der Programmankündigung nach zwischen den beiden anderen stehen. Das wäre ein mehr optimistischer Ablauf gewesen, ein lebenslustiges Stück, ein trauriges bis verzweifeltes und zuletzt wieder ein frohes wären aufeinander gefolgt. Still Movement with Hymn von Aaron Jay Kernys, komponiert 1993, ist nämlich ein etwa halbstündiger musikalischer Kommentar zum Krieg in Bosnien und den dort geschehenen ethnischen Säuberungen. Als Komposition, die es seit einem Vierteljahrhundert gibt, ist es auch ein Beispiel für das bewährte Festival-Verfahren, neueste mit älterer moderner Musik zusammenzustellen. In diesem Fall konnte sich ein Eindruck des Älteren schon daraus ergeben, dass das Stück – nicht nur in seiner vollen Tonalität, sondern auch im ganzen Gestus – der Art und Weise, wie vor sehr langer Zeit Klavierquartette geschrieben wurden, recht nahe kam. Aber das täuscht natürlich, weil man stattdessen sagen muss, dass die Stücke von Ganzer und Dessner hinter dem Avantgardismus dessen, was in den Jahrzehnten direkt vor 1993 komponiert wurde, weit zurückfallen, während Kernys sich in ein solches Raster, neuer oder älter, gar nicht einordnen lässt. Denn was soll neu oder alt daran sein, dass ein Krieg alle Kultur, die über Jahrhunderte aufgebaut war, mit einem Schlag zunichte macht?

Bei dieser meist langsamen, elegischen, am Ende sich aufbäumenden, dann mit einer Art Choralgebet ohne Hoffnung aufhörenden Musik denke ich auch dann, wenn ich nur die Musik als solche fokussiere, über ganz andere Dinge nach. Schon vom ersten Ton an ist klar, es ist zu Ende, und das geht eine halbe Stunde so weiter, und man kann nicht einmal sagen, über das Ende werde irgendwie nachgedacht, oder es zeigten sich verschiedene Seiten desselben; nein, nur dieser furchtbare Punkt ist der einzige Inhalt – und doch steht er, dank dieser Kunstform, als ausgebreiteter Gegenstand vor Augen, das heißt „vor Ohren“. Die Leistung der Musik liegt darin, dass überhaupt ein Gegenstand daraus wird, den man, so schrecklich er ist, in Ruhe „apperzipieren“ kann. Ich habe schon manchmal mit buddhistisch oder ähnlich orientierten Menschen debattiert, die mir sagten, jeder Mensch und so auch ich brauchten es, zu meditieren; ich habe dann immer geantwortet, Musik hören ist auch eine Art Meditation. Die Komposition von Kernys spricht mehr als andere dafür, weil man sie nicht nur mit jener Aufnahmebereitschaft anhört, die idealiter leer ist, sondern sie auch selbst außer dem Punkt des Endes überhaupt keinen Inhalt hat.

Dass sie die Programmfolge des Notos Quartetts abschloss, daher die beiden noch folgenden Solostücke, die der Bratscher Nils Mönkemeyer darbot, einleitete, erwies seinen guten Sinn. Ich glaube nicht, dass er geplant war: Auch diese Stücke hatten jeweils nur einen Punkt zum Inhalt und konnten ihn doch zum Gegenstand ausweiten – obwohl das ein ganz anderer, ja direkt entgegengesetzter Sinn war. messages between the trees von Konstantin Gourzy war die dritte Uraufführung des Abends, Mönkemeyer spielte zuvor O ecclesia, eine Komposition der 1098 geborenen, 1179 gestorbenen Äbtissin, Dichterin und Komponistin Hildegard von Bingen und ließ beide Kompositionen nahtlos ineinander übergehen. Sie waren einander so ähnlich, dass ich den genauen Beginn der zweiten beim Hören nicht bemerkte; nur mit etwas Verzögerung begriff man, dass es nun etwas dissonanter zuging, aber eigentlich ohne dass sich am Charakter der Musik etwas änderte. Übrigens haben auch andere moderne Komponisten derart hommage-artig, also huldigend, an mittelalterliche Musik erinnert, Giuseppe Sinopoli zum Beispiel. Hildegard von Bingens Stück ist einfach ein durchgehaltener tiefer Grundton, den andere Töne umspielen. Man könnte sagen, hier höre man die Idee der tonalen Musik in ihrer Reinheit. Und daran will Gourzy überhaupt nicht rütteln. Die Vorstellungen haben sich im Lauf der Jahrhunderte etwas gewandelt, denn während Bingen sich in die „Musik des Universums“ zu vertiefen glaubte, bleibt Gourzy auf der Erde, spricht davon, dass alle Bäume miteinander im Zusammenhang stünden; aber was soll’s. Jedenfalls geht es hier um den Punkt des Anfangs, dem, wie man gesagt hat, ein Zauber innewohne, wie es bei Kernys um den Punkt des furchtbaren Endes geht. Der Grundton – in atonaler Musik ist er aufgegeben, das bedeutet aber nicht unbedingt, dass atonale Musik illusionsloser als tonale geworden sei.

Von heute Abend bis zum Sonntag Abend kann man sich die folgenden Konzerte im Radio anhören. Programm und Sendeort finden Sie hier.

Und hier gelangen sie zum nächsten Bericht von Ultraschall

18:43 21.01.2021
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