Mein einziges Land

Nachruf Hans Werner Henze schrieb Symphonien, die in ihrer Schönheit und Qual kaum zu ertragen waren. Am Samstag starb der Komponist mit 86 Jahren

Hans Werner Henze, der am vorigen Samstag im Alter von 86 Jahren verstarb, war ein sehr deutscher Komponist. Seine Werke stehen wenn nicht im Klang, dann im aufgewühlten Gestus mit Gustav Mahler und Alban Berg in einer Linie. Ganz auffällig ist die Individuiertheit und zur Schau gestellte Psychologie seiner Musik in einem zeitgenössischen Umfeld, für das sonst eher – heute nicht mehr, aber in den 1950er und 60er Jahren, als sich Henzes Stil entschied – ingenieurhafte Konstruktion und Subjektlosigkeit charakteristisch waren. Auch dass er, vor diesem Zeitgeist fliehend, in der Traumlandschaft Italiens seine neue Heimat suchte und fand, mutet sehr deutsch an. Menschsein und Natur, schrieb damals der Dreißigjährige, gingen in der nun erlebten „antikischen Welt“ ineinander über. „Faszinierend und lähmend“ schlage sich das in Klang und Gesang nieder. Für die Komponisten der seriellen Konstruktion wie Pierre Boulez war Henze ein Romantiker, der in obsolet gewordenen, durch die Katastrophen des Jahrhunderts widerlegten musikalischen Welten verweilte. Einmal verließ Boulez gar wütend ein Henze-Konzert.

Die Flucht nach Italien war nur eine räumliche, keine geistige. Während Henze dort Mitglied der KP wurde, ein Festival für neue Musik gründete und diese zusammen mit Luigi Nono auch der Arbeiterklasse zugänglich zu machen versuchte, sympathisierte er in Deutschland mit der 68er Bewegung und lernte Rudi Dutschke kennen, den er später, nach dem Attentat, in sein italienisches Haus aufnahm. In diesen Jahren schrieb er politisch engagierte Musik wie die dem kubanischen Volk und Fidel Castro gewidmete Sechste Symphonie, die er selbst 1969 in Havanna uraufführte. Als sich die Niederlagen häuften – der Militärputsch in Chile gegen die Allende-Regierung, privat der Tod Ingeborg Bachmanns, mit der er befreundet war und zusammengearbeitet hatte –, setzte er sich mit der deutschen Musiktradition auseinander. Tristan, Preludes für Klavier, Tonband und Orchester (1973): Es beginnt mit der Erinnerung ans Vorspiel der Wagner-Oper Tristan und Isolde. Später wird als „Feind“, wie Henze sagt, Johannes Brahms zitiert. Mit Wagner, der kein Feind ist, macht die Musik gleichwohl ein Ende, indem sie nackt und deutlich den Grundton a ausspricht, den Wagners Tristan-Vorspiel umkreist, ja den sie verschweigt, als wäre er heißes Weihwasser.

Wie Adrian Leverkühn, der Komponist in Thomas Manns Roman Doktor Faustus, nimmt Henze auch Beethovens Neunte Symphonie zurück. „Statt die Freude, schönen Götterfunken zu besingen“, schreibt er, „sind in meiner Neunten den ganzen Abend Menschen damit beschäftigt, die immer noch nicht vergangene Welt des Grauens und der Verfolgung zu evozieren, die weiterhin ihre Schatten wirft.“ Diese Neunte, die 1997 in Westberlin uraufgeführt wurde, ist „den Helden und Märtyrern des deutschen Antifaschismus gewidmet“. Das von Hans-Ulrich Treichel geschriebene Libretto nimmt auf den Roman Das siebte Kreuz von Anna Seghers Bezug. Im fünften Satz hören wir den KZ-Häftling Belloni, einen früheren Artisten, wie er sich, fliehend vor Nazi-Schergen, von einem Dach stürzt und dabei an seinen Beruf denkt: „Den Himmel habe ich ausgemessen“ – „und fliege noch einmal über mein einziges Land“. Die Musik darunter, ein vielfältig polyphoner Streichersatz, ist in ihrer Schönheit und Qual kaum zu ertragen. Kann sie romantisch heißen? Sie ist faszinierend und lähmend.

16:06 29.10.2012
Geschrieben von

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 3

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community