Mein Kopf gehört mir

Standpunkt Ein halbes Jahrhundert gegen den Strom geschwommen: Das "Argument" feiert Geburtstag. Und Wolfgang Fritz Haug hat seine "Kritik der Warenästhetik" überarbeitet

Bald nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erklärte der Medientheoretiker Friedrich Kittler in einem Freitag-Gespräch, er habe „keinen ordentlichen Punkt“, von dem aus er die Maschinen oder auch die Götter „kritisieren könnte“. Vor dem Hintergrund der antikritischen Haltung, die in den beiden letzten Jahrzehnten für viele Intellektuelle charakteristisch war, wird das Besondere der Zeitschrift Das Argument und ihrer Herausgeber Frigga und Wolfgang Fritz Haug sehr deutlich. Noch in den düstersten Jahren der neoliberalen Hegemonie hielten sie die Erinnerung an 1968 wach, als fast eine ganze Jugendgeneration überzeugt war, jenen „ordentlichen Punkt“ zu kennen.

Es scheint leicht, die kritische Haltung als metaphysisch zu entlarven. Kritikern wird unterstellt, sie glaubten, über die Wahrheit als Maßstab zu verfügen, mit der sich alles abkanzeln lasse. Tatsächlich lege der Kritiker sich nur selbst als Maßstab an. In all seiner Zufälligkeit halte er sich für den Nabel der Welt. Das klingt antielitär, ja demokratisch! Aber die Rechnung ist ohne die Revolution gemacht. In der 68er-Bewegung hatte man Marx gelesen und bei ihm den Satz gefunden, eine revolutionäre Klasse finde „unmittelbar in ihrer eigenen Lage den Inhalt und das Material ihrer revolutionären Tätigkeit“; „die Konsequenzen ihrer eigenen Taten treiben sie weiter“. Es gab damals Menschen, und die Haugs gehörten zu ihnen, die sich nicht als Zufälligkeit abtun ließen. Mein Kopf gehört mir – das wurde 1968 wiederentdeckt.

Die Suche war echt

Das Argument hält seit einem halben Jahrhundert die Tradition der intellektuellen Kritik wach. Die Namen derer aufzuzählen, die hier veröffentlicht haben, wäre ein Stück Zeitgeschichte: Alexander Mitscherlich und Margerita von Brentano, Peter Weiss und Elfriede Jelinek, Günther Anders und Judith Butler. Die Breite der Beteiligung von Sozialwissenschaftlern anzudeuten, ist ganz unmöglich. Auch manche spätere Freitag-Autoren waren schon in den achtziger Jahren dabei: Bollenbeck, Krätke, Fülberth, Elfferding.

Die Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, wie sie sich seit 1969 nennt, entstand 1959 in der Bewegung gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr. In den ersten Jahren war sie nicht mehr als eine anspruchsvolle studentische Flugblattsammlung. Seit 1961 erschien sie in gebundener Form unter dem Motto „Waffe und nicht Ware“. Konsumismuskritik war damals kein Thema speziell von Marxisten, sondern antwortete auf neue Verkaufsstrategien, die aus den USA herübergeschwappt waren. Haug, von Anfang an die treibende Kraft der Zeitschrift, litt zunächst eher existenzialistisch als marxistisch darunter. Bezeichnend seine Erinnerung, wie ihm im selben Jahr als Mitglied des Berliner SDS die Aufgabe zufiel, den Nouveau-Roman-Autor Alain Robbe-Grillet durchs Berliner Nachtleben zu führen. Die Atmosphäre sei „falsch“, hob er gleich beim ersten Lokal entschuldigend hervor, und die beiden hatten ihr Gesprächsthema gefunden: das „Unechte“.

Da war er, der „ordentliche Punkt“: Haug auf der Suche nach Echtheit, die Suche selber jedenfalls war echt. In diesen Jahren bahnte sich sein erfolgreichstes Buch an, die Kritik der Warenästhetik. Zunächst hatte er nur kritisches Material gesammelt. Als er dann Marx las, fand er, dass es sich mit dessen Kategorien hervorragend ordnen ließ. Marx zeigte den ausgeblendeten Hintergrund: die Arbeit der Arbeiter. Waren­ästhetik war nicht Information über ein Arbeitsprodukt, sondern der Versuch, einen Rausch zu erzeugen, der zum wehr­losen Kauf treiben sollte. Dafür gaben die Kapitalisten dem Produkt ein Aussehen und priesen es mit Werbebildern an, die mit seinen Gebrauchswerteigenschaften kaum etwas zu tun hatten. Ihnen ging es ja vielmehr um den Tauschwert.

Als Haug seit 1971 Vorlesungen über Das Kapital hielt und ein ganzes Netz von Lesegruppen organisierte, kam als weiterer Gegenstand nur noch der Arbeitslohn hinzu, dem man die Ausbeutung nicht ansah – eine weitere Kategorie des Scheinbaren. Und wo war der Standpunkt der Kritik? Haug formulierte ihn 1972 in seinem Habilitationsvortrag: „Andere für sich arbeiten lassen, ist nicht verallgemeinerbar.“ Damit hatte er den Kapitalismus als Verletzung des kategorischen Imperativs gebrandmarkt. Nicht mit einer Wahrheit argumentierte er, sondern mit dem Unerträglichen.

1979, Haug war gerade Philosophieprofessor geworden, initiierte er das „Projekt Ideologiekritik“, um seinen Ansatz theoretisch zu verallgemeinern. In dieser Zeit bildete sich endgültig heraus, was die Herausgeber heute den „Argument-Marxismus“ nennen. Dabei spielte Frigga Haug eine ebenso wichtige Rolle wie ihr Mann. Sie gab der Zeitung eine eigene Frauenredaktion, die jedes dritte Argument-Heft autonom gestaltete, und überschritt mit dem „Projekt Automation und Qualifikation“, einer frühen Beachtung der Computerisierung und ihrer Folgen, die Grenzen der Ideologiekritik. Aus diesen und anderen Ansätzen entstanden Buchreihen und wurde seit 1980 die Westberliner „Volksuni“ bestritten, an der sich auch Intellektuelle wie Robert Jungk und Rudolf Bahro beteiligten. Als Treffpunkt der neuen sozialen Bewegungen war sie ein Vorläufer der heutigen Sommeruniversitäten von Attac.

Strategie des Quergangs

Honorare konnten längst nicht mehr bezahlt werden – die Auflage des Argument war in den späten siebziger Jahren zurückgegangen –, doch inzwischen hatte Haug in den studentischen Leitern der Kapital-­Lesegruppen hoch motivierte Helfer gefunden, die zu freiwilliger und kostenloser ­Arbeit bereit waren.

Es war eine Blütezeit kritischen Engagements. Mit der Arbeit des Projekts Ideologietheorie war endgültig klargestellt, dass Wolfgang Fritz Haugs Ansatz ohne Metaphysik auskam. Zwar warf seine Definition von Ideologie, sie sei „Vergesellschaftung von oben“, die Frage auf, ob dem eine Vergesellschaftung „von unten“ entspreche, die unideologisch wahr sei. Doch so meinte er es nicht. Die Arbeit des Projekts bestand darin, Geschehnisse und Texte als quasi psychoanalytische „Kompromissbildungen“ staatlicher und gesellschaftlicher Tendenzen zu entziffern. Es lag jeweils eine bestimmte Verknüpfung heterogener Sinnelemente vor. Wenn das Projekt eine politische Absicht befördern wollte, so war es die, den Kräften „von unten“ eine Strategie des Quergangs, der alternativen Verknüpfung zu empfehlen. Der Einfluss der neuen französischen Diskursphilosophie, vermittelt über Louis Althusser und Ernesto Laclau, war unübersehbar.

Zu den Projektergebnissen gehörte Haugs Buch Faschisierung des Subjekts (1986), in dem man zum Beispiel erfuhr, wie der Nationalsozialismus „das umakzentuierte Funktionsbündel des Arztes im Begriff des Volksführers zur Gesundheit zusammenfasste“. Im Nachhinein las sich nun auch die Kritik der Warenästhetik anders. Auch dort hatte Haug betont, dass der „Schein“ der Werbung nicht einfach „von oben“ dem Kaufobjekt aufgeherrscht werden konnte; vielmehr war der Kapitalist gezwungen, sich in der Sprache der Käuferwünsche auszudrücken, nur deren Verknüpfung konnte er ändern. Auch hier fragte man sich nun, ob statt ästhetischer Askese, wie man sie Haug oft vorgeworfen hatte, nicht eine subversive Gegenwerbungsstrategie möglich war.

In diesen Wochen erscheint bei Suhrkamp die „überarbeitete Neuausgabe“ der Kritik der Warenästhetik. Sie enthält einen neuen zweiten Teil, der die Thesen von damals auf die Gegenwart des „Hightech-­Kapitalismus“ bezieht. Haug kritisiert Theoretiker wie Bazon Brock, der den Begriff der Werbung „schlicht ‚als Form der Kommunikation über Gegenstände des Alltagslebens‘ fasst“.

Es ist zwar wahr, Werbung ist Kommunikation, an der man sich kritisch beteiligen sollte. Aber mit wem kommuniziert man denn? „Der Kern“, lesen wir, „ist der Antagonismus“ von Gebrauchswert und Wert, „dem diese Form dient, indem sie ihn verbirgt.“ Haug braucht die Haltung der Kritik nicht mehr zu verteidigen. Sie ist zurückgekehrt, man denke nur an die Globalisierungskritiker. Und dass mit der Wirtschaftskrise „die Absage an die Kritik an Überzeugungskraft zu verlieren begann“, wer wollte es bestreiten? 50 Jahre gegen den Strom geschwommen: Das Argument feiert Geburtstag.

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13:00 29.04.2009

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