Möllemann Eulenspiegel

KOMMENTAR Mit dem Wahlerfolg der FDP beginnt ein neues Zeitalter

"Einer wie Möllemann scheint dem Aufbruchsgefühl der jungen Generation noch am ehesten zu entsprechen, jedenfalls im Vergleich zu den rot-grünen Bedenkenträgern." So bildet der Spiegel den Aufwind eines Fallschirmspringers ab. Er stehe für "Spaß". Das Hamburger Blatt will sich in ein Spaßmagazin verwandeln: "Programme sind von gestern", "die Deutschen" wollen "massenhaft" Big Brother sehen. Eine gelungene Kurzdefinition der Mediendemokratie, vorgeführt vom Flagschiff der Schröder-Presse: weg mit dem politischen, vorwärts zum Fernsehprogramm, zu Zlatko.

Der kennt bestimmt bessere Witze. Dem Gefühl "der" jungen Generation entsprechen doch SPD und CDU immer noch am besten. Sie haben zusammen 73 Prozent der NRW-Jungwähler erhalten, FDP und Grüne je 10 Prozent. Junge Wechselwähler sind nicht alle zu Möllemann übergelaufen, sondern systematisch von den Regierungs- zu den Oppositionsparteien. Dabei fällt der Stimmenzuwachs um fünf Prozent für die CDU fast mehr auf als der um sechs Prozent für die FDP. Aber der Spiegel interessiert sich nun mal für den Teil der Jugend am meisten, von dem er verkünden kann: "Sie lassen sich nicht mehr ausbeuten, das besorgen sie lieber selbst." Denen traut er die Stimme für Möllemann zu und erklärt sie zu Repräsentanten "der" Jugend. Dabei läßt sich nicht einmal von Zlatko behaupten, sein jäher Reichtum gründe auf der Befolgung der Spiegel-Strategie, alle Jugendlichen sollten Unternehmer werden oder sich von Jungunternehmern einstellen lassen oder sich sagen, sie hätten eben Pech gehabt.

Im Spiegel und anderswo wird ein momentanes Zwischenhoch der FDP zum Geschichtszeichen aufgeblasen: nicht aus Dummheit allein, sondern im Interesse der neoliberalen Strategie. Deren Fortschritt soll wie ein Naturprozess aussehen. Wie könnte das besser belegt werden, als wenn sich sagen lässt, "die Jugend" stünde dahinter? Es lässt sich aber nicht sagen. Es ist erst anderthalb Jahre her, dass die Kohl-Regierung gerade wegen ihrer neoliberalen Politik, deren Speerspitze die FDP war, glanzlos abgewählt wurde. Was inzwischen passiert ist, haben Jugendliche vielleicht noch kritischer registriert als Ältere: dass die neue Regierung nur fortsetzt, was die alte begann, obwohl sie den Politikwechsel versprochen hatte.

Ein Jugendlicher, ob Unternehmer oder nicht, möchte von einer Partei auch Rückgrat sehen. Sonst glaubt er nicht an die politische Linie. Er wird nicht wie der Spiegel beklagen, dass die Grünen "Kompromisse für Verrat halten", als wären sie solche nicht pausenlos eingegangen. Wären sie bei Garzweiler hart geblieben, stünden sie heute bei allen Jungwählern besser da. Was sind das für Zeiten, in denen man in Ermangelung eines Rückgrats die Stelle wählen muss, wo der Fallschirm befestigt wird.

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Geschrieben von

Michael Jäger

Redakteur (FM)

studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Er war wissenschaftlicher Tutor im Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin, wo er bei Klaus Holzkamp promovierte. In den 1980er Jahren hatte er Lehraufträge u.a. an der Universität Innsbruck für poststrukturalistische Philosophie inne. Freier Mitarbeiter und Redaktionsmitglied beim Freitag ist er seit dessen Gründung 1990. 1992 wurde er erster Redaktionsleiter der Wochenzeitung und von 2001 bis 2004 Betreuer, Mitherausgeber und Lektor der Edition Freitag. Er beschäftigt sich mit Politik, Ökonomie, Ökologie, schreibt aber auch gern über Musik.

Michael Jäger

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