Nachbarareale des Religiösen

Todernst Thomas Heise dokumentiert in „Gegenwart“ die Arbeit in einem Krematorium
Ausgabe 12/2013

Thomas Heise hat früher ganz andere Dokumentarfilme gedreht als heute. Nach der Wende beschäftigten den Ostberliner die verlorenen Söhne engstirniger SED-Genossen: Er zeigt, wie sie, verzweifelt über ihre gesprächsunfähigen Väter, im Nihilismus versinken und einer sich schließlich umbringt (Eisenzeit, 1991). Während sie noch in langhaarige Melancholie und soften Beat flüchten, sind bald ebenso junge, nicht weniger perspektivlose Neonazis zu besichtigen (Stau, 1992).

Mit dem Film Sonnensystem (2011) wird dann ein neues Kapitel aufgeschlagen. In dieser Schilderung des Lebens der Kolla-Indianer, die im Norden Argentiniens eine ländliche Genossenschaft bilden, fallen praktisch keine Worte mehr: Die Dargestellten werden bei der Arbeit gezeigt. Diesem Konzept bleibt Heise seither treu, nur dass er in den folgenden Filmen die Zusammenarbeit westdeutscher Beschäftigter beobachtet. In Die Lage (2012) organisieren sie Szenen des Papstbesuchs in Deutschland, jetzt in Gegenwart halten sie ein Krematorium irgendwo in der nordrheinischen Karnevalsgegend am Laufen.

Heises Thema ist offenbar die Arbeiterklasse. Seit Sonnensystem kommt aber etwas hinzu: Religiöse Bilder drängen sich vor, ohne dass die Filme selbst im mindesten religiös wären. Sie betreten gleichsam Nachbargrundstücke des Religiösen. So wird der Tod, das religiöse Reflexionsobjekt schlechthin, in Gegenwart zwar nicht gezeigt, doch dreht sich alles um ihn. Gut, man sieht manchmal einen behaarten Arm aus dem Sarg hängen. Er könnte aber auch einem Lebenden gehören. Die Arbeit im Krematorium stellt sich als unablässiges Hin- und Herschieben von Särgen dar, vielen Särgen aus frischestem Holz, wobei man zwei Güteklassen unterscheidet. Würde nicht einmal auch vorgeführt, wie ein Sarg in den Ofen wandert, man glaubte sich in einer Holzfabrik zu befinden. Auch etwas von Klinik haben die betont sauberen Räume. Man findet an der Wand neben Schaltplänen die Anweisung, wie die „Hinterlassenschaft“ auslaufender Särge ohne Bodenbeschädigung entfernt werden kann. Die Arbeitenden flitzen hin und her, werfen sich Satzfetzen zu, und selbst das Telefongespräch am Bürotisch kommt mit knappsten Hinweisen aus, die knurrend ausgespuckt werden.

Die Szene, in der ein schmerbäuchiger Doktor und ein schmächtiger Arbeiter mit zusammengebundener Haarmähne gemeinsam prüfen, ob die Leichen in den Särgen auch wirklich Leichen sind, könnte einem Brecht‘schen Lehrstück entnommen sein. Der Arbeiter öffnet jeweils den Sargdeckel, der Doktor schaut rein und macht sich eine Notiz. Der Doktor ist demonstrativ übellaunig, der Arbeiter senkt den erloschenen Blick. Dann schreiten sie zum nächsten Sarg, wo sie sich wieder auf einen Meter Distanz gegenüberstehen. Mit dieser stummen Pantomime verglichen, mutet das Zusammenspiel Mephistos mit den Lemuren bei Fausts Beerdigung geradezu human an.

An einer Glaswand steht „Ruhe, Trauerraum“, eine Trauerfeier wird aber nicht vorgeführt. Stattdessen zwei Trauerlieder: am Anfang eines von Brahms, während die betörende Schönheit einer Winterlandschaft bei Einbruch der Dunkelheit gezeigt wird; am Ende, angemessen kitschig gesungen, das Rheinlied von Engelbert Humperdinck zu Karnevalsszenen. „O du leichter, versöhnender Zechertod/am Rhein, am sonnigen Rhein!“ Ja, die Särge warten auf alle, auch auf die Narren und Närrinnen. Doch das ist nicht das Schlimmste: Man muss mitansehen, wie sie noch im närrischen Treiben die Fesseln der Selbstkontrolle nicht loswerden.

Gegenwart ist ab 21. März in den Berliner Kinos Krokodil und fsk sowie in der Kölner Filmpalette zu sehen; ab 28. März in München

Michael Jäger gehört zu den Autoren des Buchs Über Thomas Heise, hg. von Matthias Dell/ Simon Rothöhler, das im Sommer erscheint

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Geschrieben von

Michael Jäger

Redakteur (FM)

studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Er war wissenschaftlicher Tutor im Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin, wo er bei Klaus Holzkamp promovierte. In den 1980er Jahren hatte er Lehraufträge u.a. an der Universität Innsbruck für poststrukturalistische Philosophie inne. Freier Mitarbeiter und Redaktionsmitglied beim Freitag ist er seit dessen Gründung 1990. 1992 wurde er erster Redaktionsleiter der Wochenzeitung und von 2001 bis 2004 Betreuer, Mitherausgeber und Lektor der Edition Freitag. Er beschäftigt sich mit Politik, Ökonomie, Ökologie, schreibt aber auch gern über Musik.

Michael Jäger

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