Nichtreisezeit

MaerzMusik Terre Thaemlitz’ „Deproduction“ faszinierte beim Festival nachhaltig
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„Deproduction“ war ursprünglich ein Multimediaprojekt von Terre Thaemlitz aus Musik, Video und Text

Foto: Bart Nagel

Deproduction, eine Komposition der in Japan lebenden Künstlerin Terre Thaemlitz, aufgeführt unter ihrer Beteiligung vom Ensemble zeitkratzer, war ein Höhepunkt der diesjährigen „MaerzMusik“, das sich seit vier Jahren als „Festival für Zeitfragen“ versteht. Es würden „strukturelle Verbindungen zwischen Heteronormativität, familiärem Missbrauch, häuslicher Gewalt und institutionalisierter Dominanz“ aufgezeigt, hieß es. Deproduction war voriges Jahr als Multimediaprojekt aus Musik, Video und Text herausgekommen, jetzt wurde eine rein musikalische Fassung uraufgeführt.

Wie aus dem im MaerzMusik-Reader veröffentlichten Gespräch der Künstlerin mit Berno Odo Polzer, dem Leiter des Festivals, hervorgeht, kann der ungewöhnlich heterogene und doch hörbar gut organisierte Gesamtklang zum Teil auf die ursprüngliche Multimedialität zurückgeführt werden. (Sie hat in allen Medien gleichzeitig komponiert.) Mehr noch aber darauf, dass sie sich von der Idee „der Zeit, aber nicht der Reise“ leiten lässt.

Damit distanziert sie sich von aller Teleologie. Keineswegs nur von der musikalischen. Sie führt auch den Orgasmus als Beispiel an: Geht es nur darum, auf ihn hinzusteuern und dann einzuschlafen? In der Musik greift diese Distanzierung fast alles an, was männliche Komponisten je niedergeschrieben haben. Auch der südkoreanische Komponist Isang Yun hat das Teleologische in der westlich-männlichen Musik angegriffen, ist ihr aber dennoch hörbar verpflichtet, weil er versucht, sie immanent zu kritisieren. Thaemlitz nicht, sie steht außerhalb. Ihre Musik ist reine Revolte. Der erste Teil der anderthalbstündigen Komposition beginnt mit etwas wie Vogelgezwitscher – als wenn die familiäre Situation Natur wäre –, ist dann beherrscht von einer immerzu wiederholten Figur der Cellistinnen, die an die übliche metaphysische Tragödienstimmung männlicher Musik erinnert. Doch gleichzeitig hört man das familiäre Geschrei, in dem der weibliche Teil niedergemacht und wohl auch geschlagen wird. Auch ein Säugling, als Kitt dieser Beziehung, ist zu hören.

Wie ein Bombengeschwader

Die Tragödienmusik im Vordergrund erscheint nicht als Metaphysik des Unvermeidlichen, sondern als Bild von Gefängnismauern. Im zweiten Teil wiederholt eine Männerstimme immer wieder, eine stolze traditionelle Familie werde von Homosexuellen angegriffen. Sie macht sich lustig und wird jedes Mal von einer in Gelächter ausbrechenden Öffentlichkeit unterstützt. Die Musik dazu ist zuckersüß, doch in Abständen reduziert sie sich unerwartet auf den vereinseitigten Grundton und klingt dann wie ein Bombengeschwader. Diese Stellen sind so schrecklich, dass es schwer fallen dürfte, ein Vorbild zu finden. Man kann danach auf die Idee kommen, dass alle bisherige große Musik „Männermusik“ gewesen ist. Hat sie sich je zum Widersprechen aufgerafft? Ist sie nicht immer metaphysisch geblieben? Es hat doch nur einen einzigen Einschnitt in ihr gegeben, den von der Tragödienmusik Monteverdis, die selbst noch das Freudige in ausweglose Melancholie taucht, zur Musik des Seins zum Tode, die mit Schönberg beginnt. Selbst ein Revolutionär wie Hanns Eisler hat jene Melancholie immer mitkomponiert. Thaemlitz jedoch schreibt so, wie der zweite Teil ihrer Komposition überschrieben ist: „Admit It’s Killing You (And Leave)“.

Info

MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 16. bis 25. März 2018, Berliner Festspiele

06:00 24.03.2018
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