Niemand wendet sich ab

Denkmal Die Verdrängung des Holocausts darf nicht gelingen: über deutsche Erinnerungskultur

Björn Höcke, der Fraktionsvorsitzende der AfD im Thüringer Landtag, ist nicht der Erste, der das Berliner Holocaust-Denkmal als „Denkmal der Schande“ sieht. Der Schriftsteller Martin Walser hat sich 1998 derselben Worte bedient. Dennoch haben sich beide ganz verschieden geäußert. Zubilligen könnte man Höcke noch, dass er nicht sagen wollte, das Denkmal selbst sei eine Schande, vielmehr es erinnere an den Holocaust, der eine Schande gewesen sei. Dass darauf ein Gesinnungsgenosse von Höcke hingewiesen hat, ändert nichts an der Richtigkeit der Deutung. Denn sowohl der offenkundige Rekurs auf Walser als auch der Kontext der Rede, in der das Wort fiel, sprechen für sie. Aber gerade wer sich diesen Kontext ansieht, wird verstehen, dass Höcke für einen Teil der AfD-Führung zur Belastung der Partei geworden ist.

Er hält es für unzumutbar, Deutschland mit der Schande des Holocaust zu identifizieren. Für ihn reduziert sich die deutsche Geschichte auf „große Wohltäter“, Philosophen, Musiker, „geniale Entdecker und Erfinder“. Auf sie habe sich die Erinnerungspolitik zu fokussieren. Wer stattdessen Auschwitz bewältigen wolle, zeige den Gemütszustand eines „brutal besiegten Volkes“. Verräterisch ist besonders die letzte Wendung. Wer ist 1945 „brutal besiegt“ worden? Waren es nicht eher die Nazis? Das Volk wurde befreit. Große Teile des Volks auch davon, dass sie den Nazis verfallen waren. Aber will Höcke das rückgängig machen?

Walser hatte gerade das Gegenteil gesagt: Die „Schande“ belaste sein Gewissen und er halte es für unerträglich, dass mit Gewissensfragen Symbolpolitik getrieben werde. Solche Fragen in einem Denkmal zu spiegeln, könne ihrer Bewältigung nur hinderlich sein. Genauso denkt heute wohl der Satiriker Shahak Shapira, dessen Aktion „Yolocaust“ sich gegen, wie er meint, respektlose Besucher des Denkmals wendet. Für respektlos hält er es, auf den Stelen zu essen, von einer zur nächsten zu springen, Selfies zu machen, kurz mit dem Denkmal zu spielen. Shapira würde Walser Recht geben: Die Veräußerlichung zum Symbol habe dem Gedenken an die Judenvernichtung geschadet.

Peter Eisenman, der Architekt des Stelenfelds, sieht es nicht so, und er hat recht. Die Judenvernichtung ist ein Vorgang, den man als Deutscher gern verdrängen würde. Die Verdrängung darf aber nicht gelingen. Sonst wird die Wiederholung des Verbrechens wahrscheinlicher. Das Denkmal steht dem entgegen. Es hat im wörtlichen wie im übertragenen Sinn eine Oberfläche und eine Tiefe. Wer nur erst auf der Oberfläche spielt, ist doch schon in der Logik der Architektur gefangen. Darin, mit Rilke zu sprechen, dass „das Schöne nichts als des Schrecklichen Anfang“ ist. Was das Ende ist, hat Daniel Libeskind ausgesprochen, der Architekt eines kleineren Stelenfelds im Garten des Berliner Jüdischen Museums, das wahrscheinlich Eisenmans Vorbild war: Der Garten stehe „für einen Schiffbruch der Geschichte“. Er soll den Besucher desorientieren wie ein Labyrinth. Das ist noch nicht Erkennen, aber schon mehr als Spielen. „Ich glaube, Architektur beginnt gleichzeitig mit dem Kopf und mit den Füßen“, sagt Libeskind.

Die nach 1945 Geborenen wuchsen in den Trümmerfeldern des Weltkriegs auf. Ihnen war das Erkennen leicht gemacht, weil sie dann auch den Wiederbau sahen. Die Judenvernichtung lässt sich nicht rückgängig machen. Eisenman hat aber dafür gesorgt, dass sie ins Auge fällt. Manchen ist sie ein Dorn im Auge, andere wissen noch nicht, was sie sehen, wieder andere beginnen zu denken. Niemand wendet sich ab – das ist Erinnerungskultur.

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18:01 27.01.2017
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Ausgabe 31/2020

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