Orientierung im Niemandsland

Musik Mit Witold Lutosławski wird endlich einer der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts neu entdeckt
Michael Jäger | Ausgabe 39/2013

Vor hundert Jahren, genau genommen am 25. Januar 1913, wurde der polnische Komponist Witold Lutosławski geboren. Er starb 1994. Beim diesjährigen Berliner Musikfest, das wie immer in der ersten und zweiten Septemberwoche stattfand, wurde er durch die Aufführung vieler seiner Werke geehrt. Obwohl hierzulande immer noch wenig bekannt, kann Witold Lutosławski zu den größten Komponisten des 20. Jahrhunderts gezählt werden. Originell und beeindruckend ist, wie er Arnold Schönbergs „Methode des Komponierens mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen“ aufgriff und fortentwickelte. Das war in Polen im politisch-kulturellen „Tauwetter“ nach 1954 möglich geworden.

Lutosławski reagierte anders auf Schönbergs Vermächtnis als die Protagonisten der „seriellen Musik“, die das Feld der Avantgardemusik beherrschten, als er es 1958 mit der Musique funèbre für Streichorchester seinerseits betrat. Im Rahmen des Musikfests wurde Lutosławskis Trauermusik nun vom Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter Daniele Gatti aufgeführt.

Schönbergs Vermächtnis

Während Pierre Boulez oder Karlheinz Stockhausen in Schönbergs Methode eine „Serie“ – eine vorausgeplante Reihenfolge also – von Tonhöhen sahen, die sie durch ebensolche „Serien“ des rhythmischen und dynamischen Verlaufs und überhaupt aller „Parameter“ einer Komposition ergänzten und dadurch erst zu vervollständigen glaubten, hielt Lutosławski den Tonhöhenverlauf als einzige „Serie“ für hinreichend. Er reformierte ihn aber in sich selber. Wenn er eine Tonreihenfolge vorausplante, wollte er vor allem bestimmte Tonintervalle akzentuieren mit dem Ziel, ihnen die hör- oder wenigstens (halbbewusst) erlebbare Dominanz in den Kompositionen zu übertragen. Er meinte, bei Schönbergs Tonhöhenreihen sei es mehr um die bloße Struktur von Kompositionen als um deren erlebbaren Klang gegangen. Dieses Verhältnis wollte er umkehren.

Mit Schönberg verband Lutosławski, dass er die Idee aufrechterhielt, in einer Komposition solle etwas wie Entwicklung hörbar werden. Er ging also nicht den Weg der „seriellen“ Komponisten, aus deren Vorauskonstruktion aller „Parameter“ eine Musik entstand, die gleichsam von Bauwerken handelte, über deren Statik der Blick oder vielmehr das Ohr glitt. Stattdessen erfand er neue Entwicklungsschemata, die der Philosophie der Schönberg’schen atonalen Musik entsprachen. Das war eine Philosophie, die den zeitgenössischen Nihilismus nicht verleugnete: Wie es nicht möglich war, einen letzten „Grund“ metaphysisch vorauszusetzen, sollte Musik nicht mehr so tun, als könne sie von einem „Grundton“ ausgehen und zu ihm zurückkehren. Daraus musste aber nicht folgen, dass sie Orientierungslosigkeit (wie bei Alban Berg) oder den Absturz in die Katastrophe darstellt (wie häufig bei Schönberg).

Auch Lutosławskis Musik beginnt zwar desorientiert in formlosen Kraftfeldern und zusammenhanglos scheinenden Episoden. Dann aber macht sie Möglichkeiten hörbar. Das kann der Gang zur Katastrophe sein wie im kurzen Orchesterstück Mi-Parti, das beim Musikfest die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim aufführte. Es kann aber auch der Weg des Sehnens und der entschiedenen Hoffnung sein, wie in der Zweiten Sinfonie, die von den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle intoniert wurde.

Es bleibt ja wahr, dass auch Hoffnungen in Erfüllung gehen können.

 

06:00 09.10.2013
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