Passten Politik und Liebe 68 eher zusammen?

Männersache Zumindest schlossen sich politischer Streit und Sex damals nicht gegenseitig aus. Man schrie sich an – und schlief anschließend miteinander. Eine nostalgische Erinnerung
Passten Politik und Liebe 68 eher zusammen?

Illustration: Otto

Haben sich Männer und Frauen besser verstanden, als ich jung war? Das sind zwei Fragen: Ob sich junge und ob sich ältere Leute beiderlei Geschlechts damals besser verstanden? Ältere schwerlich. Die Erziehung des männlichen Geschlechts durch den Feminismus hat Spuren hinterlassen. Harmonischer ist das Verhältnis der Geschlechter wohl nicht geworden, aber dafür ehrlicher. Das reicht schon, es besser zu nennen. Und wenn man die jungen Leute damals und heute vergleicht? Vorsicht, hier kommt meine Nostalgie ins Spiel: Denn wie sollte ich meine Jugend gegen eine von heute vertauschen wollen?

Was damals so aufregend war, ist mit dem Stichwort „Feminismus“ schon angedeutet. Der entstand ja in der 68er Zeit. Er entstand zwischen jungen Männern und Frauen, die darin einig waren, dass revoltiert werden müsse. Aber dann kam noch diese unerwartete Sonderrevolte der Frauen gegen die Männer dazu. Es reichte auf einmal nicht mehr, gegen den Imperialismus zu kämpfen, wenn die Männer ihr autoritäres Gehabe nicht ablegten.

Anschreien und Vögeln

An einen „Penisneid“ der Frauen zu glauben, fiel nach ihrem erfolgreichen Feldzug gegen das Pinkeln im Stehen immer schwerer. Aber wie in alten Zeiten, von denen berichtet wird, dass ein Grabenkampf zwischen Männern und Frauen ausbrach, hat er auch damals meistens nicht zum „Gebärstreik“ geführt. Das war das Aufregende. Man war mit einer Frau zusammen, die einen politisch angriff – und wollte trotzdem mit ihr vögeln, und sie wollte es auch.

Dabei musste es nicht immer um den Feminismus gehen. Die Frauen, die ich damals kannte, waren nur selbstbewusst. Meine Jugendliebe war Maoistin und Italienerin, ich war weder das eine noch das andere. Nostalgie lass nach! Einmal besuchte ich mit ihr ihre maoistischen Freunde. Da war einer von einer anderen Fraktion anwesend. Als er zur Bekräftigung seines Standpunkts auf ein Mao-Zitat in der mitgebrachten Zeitung zeigte, wurde ihm entgegengehalten, das Zitat sei zwar von Mao, gelte aber nicht, denn die Zeitung sei konterrevolutionär. Das war so ungefähr unser Diskurs.

Die Worte meiner Italienerin, oft gehört, klingen mir noch im Ohr: „You are idiotic, it is very clear for me.“ Wir waren wütend, wir schrieen uns an, und danach ... Wenn wir uns mal gerade vertrugen, war das ein geflügeltes Wort zwischen uns: „E poi? E poi?“ – „Und dann?“ Es war nicht gerade langweilig. Nein, es war schön, in der Revolte zu leben.

Der digitale Freitag

Mit Lust am guten Argument

Geschrieben von

Michael Jäger

Redakteur (FM)

studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Er war wissenschaftlicher Tutor im Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin, wo er bei Klaus Holzkamp promovierte. In den 1980er Jahren hatte er Lehraufträge u.a. an der Universität Innsbruck für poststrukturalistische Philosophie inne. Freier Mitarbeiter und Redaktionsmitglied beim Freitag ist er seit dessen Gründung 1990. 1992 wurde er erster Redaktionsleiter der Wochenzeitung und von 2001 bis 2004 Betreuer, Mitherausgeber und Lektor der Edition Freitag. Er beschäftigt sich mit Politik, Ökonomie, Ökologie, schreibt aber auch gern über Musik.

Michael Jäger

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