Philosophie

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Person und Sache

Wenn es keine Unsterblichkeit der Seele mehr gibt, muss umso mehr der Leichnam zum Problem werden. Was kann man ihm gegenüber für moralische Pflichten haben? Das hängt von seinem "ontologischen Status" ab, davon, was wir in ihm sehen. Eine Reihe von Philosophen argumentiert, der Tod mache aus dem Menschen, der gelebt hat, das schlechthin Andere. Er höre auf, Person zu sein, und werde zur Sache. Eine bloße Sache aber, warnt Héctor Wittwer, würde uns keine Pflichten auferlegen. Sein Aufsatz heißt Der Leichnam aus der Sicht der Philosophie; im Hintergrund steht die Praxis der Organtransplantation.

Wittwer fragt zurück, ob die "Sache" denn keine Herkunft habe. Da der Leichnam auf den Menschen zu schließen erlaube, der gelebt hat, könnten beide nicht ganz verschieden sein. Im Gegenteil, bis zur Verwesung unterscheide sich der tote Organismus vom lebendigen nur in der einen Hinsicht, dass er eben nicht lebe. Dieser Organismus sei immer noch menschlich. Dem Menschen aber sei man moralisch verpflichtet.

Die Sache als Zeichen

Andere Autoren des Schwerpunkthefts Der Status des menschlichen Leichnams widersprechen. Die Rede vom Leben sei mehr als der biowissenschaftliche Diskurs vom "Organismus", zeigt Mathias Gutmann in einer Sprachanalyse (Tote Körper und tote Leiber). Ein Organismus ist nur ein belebtes Ding, das heißt, es gibt eine Kriterienliste aus Adjektiven, die dem Ding dies und jenes Merkmal der Lebendigkeit zuschreiben. Je nach Medizinerinteresse wird die Liste länger oder kürzer ausfallen. Wittwers Versuch, mit dem Organismus zu argumentieren, geht so gesehen in eine szientistische Falle.

Andrea Essers Einspruch ist noch grundsätzlicher (Respekt vor dem toten Körper): Aus einer Reflexion "auf den ontologischen Status" lassen sich, da sie die Dinge nur nimmt, wie sie sind, "niemals unmittelbar Rechte und/oder moralische Pflichten gewinnen". Aber hier geht es um die Sache, die ein Zeichen ist für die Person, die leibhaft gelebt hat. Dieses Zeichen hat man zu respektieren.

Ein Rätsel

Esser meint, sie ginge im Unterschied zu Wittwer davon aus, dass der Wechsel zum Tod das ganz Andere herbeiführe, nämlich die Zeichen-Sache statt der Person. Überzeugend ist das nicht. Was sie beschreibt, ist der Wechsel vom Leib zum Leichnam. Sie mag gedacht haben, der Stoff eines Zeichens sei an den Stoff des Bezeichneten nicht gebunden, also sei er anders. Es stimmt ja, die Buchstaben B, a, u, m müssen nicht hölzern sein. Aber gerade auf den Leichnam trifft das nicht zu. Dessen Stoff ist immer der des Leibes.

Der Wechsel zum ganz Anderen ist trotzdem Realität. Er findet dort statt, wo das Bewusstsein sein Ende sichtet und doch gezwungen bleibt, nach der ihm eigenen Logik sich vorzustellen, dass es immer weiter gehen wird. Viele bestreiten diesen Zwang, Bernard Schumacher nicht (Der tote menschliche Körper). Er hätte noch mehr überzeugt, wäre er von der Untrennbarkeit des Bewusstseins von der Sprache ausgegangen. Denn das verstehe ich sofort, dass der Satz "Mein Körper wird tot sein" eigentlich nicht funktioniert. Das "Ich", mit dem ich jetzt manche Sätze einleite, wird den Tod nicht überdauern. Wie kann dann der Körper, der bleiben wird, "mein" Körper sein? Nur, wie soll ich ihn denn sonst nennen? Vielleicht könnte ich sagen, im Tod begegne mir mein Selbst als das Andere, von dem ich nichts Entschiedenes weiß, weil ich es nicht als abgeschlossenes überblicke.

Das ist freilich nicht Schumachers Argument. Ihm zufolge stirbt der Mensch "immer zu früh": Er "vermag nur wenige der projizierten Möglichkeiten, die es in unendlicher Zahl gibt, tatsächlich zu realisieren". Aber dann müßte auch mein Selbst unendlich sein, und es wäre ein nicht nur subjektives, sondern objektives Rätsel, wie es denn nur kommt, dass der Tod es abschalten kann.

Der Status des menschlichen Leichnams. Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 56. Jg., Berlin 2008, Heft 1

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