Ratzingers Rollback

1962 Vor 50 Jahren eröffnet Papst Johannes XXIII. in Rom das II. Vatikanische Konzil, mit dem die Katholische Kirche Anschluss an die Gegenwart gewinnt und Dogmen verliert

Ist das am 11. Oktober 1962 begonnene Konzil ein wichtiger Gedenktag? Einige Spitzenpolitiker haben bereits daran erinnert, um zu fordern, die Ökumene der Kirchen müsse endlich verwirklicht werden. Das war angebracht genug, denn das Rollback der Ergebnisse dieses Konzils nicht zuletzt durch den jetzigen Papst und vormaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Josef Ratzinger, ist gerade auf diesem Feld unübersehbar: Während das Konzil den Protestantismus ausdrücklich als Kirche anerkannt hat, sieht er nur eine „kirchliche Gemeinschaft“, der wesentliche Züge einer vollgültigen Kirche angeblich fehlen. Der Ökumene dient das Manöver gewiss nicht – die Protestanten sind verärgert.

Weil das aber nur ein Aspekt des Rollbacks ist, gibt es Menschen, die umfassender ans Konzil erinnern. Organisiert vom Münsteraner Institut für Theologie und Politik, wird eine „Konziliare Versammlung“ zwischen dem 18. und 21. Oktober in Frankfurt tagen. Die feministische Theologin Elisabeth Schüssler Fiorenza, der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach, der Religionswissenschaftler Alberto Moreira, der Begründer der „neuen“ Politischen Theologie Johann Baptist Metz (im Unterschied zur alten von Carl Schmitt) gehören zu den Teilnehmern. Die Eröffnung in der Paulskirche, bei der Hans Küng mitwirkt, nimmt auf Paulus als Namensgeber und den Ort, wo 1848 die Verfassunggebende Versammlung tagte, gleichermaßen Bezug.

"Verheutigung" der Kirche

Tatsächlich liegt ein Vergleich des Konzils mit jener Revolution nahe. Ungeachtet dessen, dass sich 1848 schon ein proletarischer Flügel bemerkbar machte, war es doch im Ganzen eine Auseinandersetzung des Bürgertums mit dem Feudaladel. Und ungeachtet der vom Bürgertum ausgearbeiteten Verfassung ging die Herrschaft des Adels erst einmal weiter. Was die Kirche angeht, kann man zwar nicht von einem proletarischen Flügel, aber doch von einem Flügel der Armutsgegner sprechen, der schon in den Jahrzehnten vor dem Konzil in vielen Initiativen den Skandal der Weltarmut angeprangert hatte. Auch hier aber fand – mit einem Jahrhundert Verspätung – die entscheidende Debatte zwischen dem bürgerlich-demokratisch gesonnenen Teil des Episkopats und solchen Kräften statt, die quasi noch in der Feudalzeit beheimatet waren. Zur Minderheit geworden, hielten diese immer noch das Heilige Officium besetzt. Was die bürgerliche Mehrheit vorrangig anstrebte, war eine Modernisierung, die endlich von der kirchlichen Wissenschafts- und Demokratiefeindschaft wegführen sollte.

Einig waren alle Reformwilligen, dass „die Zeichen der Zeit“ eine Neujustierung des Verhältnisses der Kirche zur „Welt“ nötig machten – eine „Verheutigung“ (Aggiornamento), wie Papst Johannes XXIII. formulierte, der das Konzil einberief. Doch was waren die Zeichen der Zeit im Jahr 1962? Für die einen war es die unerträgliche Weltarmut, die nicht sein musste, weil es Mittel zur weltweiten Aufbauhilfe überreichlich gab. Die anderen, die in der Mehrheit waren, sahen mehr die „Siege“ der Technik im Jahrzehnt der Mondlandung. „Schon geht die Technik so weit, dass sie das Antlitz der Erde selbst umformt, ja sie geht schon an die Bewältigung des planetarischen Raumes“, heißt es im zentralen Konzilsdokument, der Konstitution Die Kirche in der Welt von heute. Waren deren Verfasser auch in der Mehrheit, hielt es der Papst doch mehr mit der Minderheit.

Technikoptimismus vor Nächstenliebe

Selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammend, sagte Johannes XXIII. einen Monat vor der Eröffnung des Konzils in einer Rundfunkansprache, das soziale Elend schreie „um Rache vor dem Angesicht des Herrn“. Deshalb müsse sich die Kirche gegenüber den „unterentwickelten Ländern“ – er nannte sie nicht euphemistisch „Entwicklungsländer“ – als das erweisen müsse, „was sie ist und sein will, die Kirche aller, vornehmlich aber die Kirche der Armen“.

In jener Konstitution blieben davon nur Spuren. Es hieß, dass der Kirche „nichts wahrhaft Menschliches“ fremd sei, „besonders“ nicht die Hoffnung und Angst „der Armen und Bedrängten aller Art“. Es gelang im Grunde nicht, die Weltarmut zum Konzils-Thema zu machen. Die technischen „Siege“ aber wurden mit derselben naiven Einseitigkeit gewürdigt, die schon immer charakteristisch war, wenn die Kirche versucht hat, sich als unabhängiges Gegenüber der „Welt“ zu positionieren. Meistens wurde dann deren ökonomische und politische Verfasstheit anstandslos affirmiert, damit die kirchliche „Seelsorge“ von außen noch hinzu gefügt werden konnte. Nur wenn die „Welt“ ihre Gottlosigkeit ausdrücklich bekannte, raffte man sich zum Widerstand auf und bedachte nicht, dass gerade im derart offenen Bekenntnis – etwa der Liberalen des 19. Jahrhunderts – vielleicht immer noch weniger Gottlosigkeit lag als in der Lüge von Diktatoren, die sich als Verteidiger der Frommen aufspielten. Mit diesem Irrtum immerhin räumte die bürgerliche Konzilsmehrheit auf. Aber die naive Methode der Rezeption der „Welt“ blieb unverändert, und so verstieg man sich zu einem Technikoptimismus, der schon zehn Jahre nach Ende des Konzils obsolet werden sollte. Denn da begann die Epoche der ökologischen Kritik.

Revolutionäre Wende

Die Leistung der Konzilsmehrheit ist dennoch beeindruckend. Dem Versuch des Officiums, die Agenda des Konzils zu bestimmen, wurde frühzeitig eine Abfuhr erteilt. Jene Konstitution über das Verhältnis der Kirche zur „Welt“ nahm eine Gestalt an, die niemand vorher geplant hatte. Immerhin wird von der Notwendigkeit „weitreichender Änderungen in der Gesellschaft“ gesprochen, und obwohl die Überlegungen zur Wirtschaftsordnung über Unternehmertum und Sozialhilfe nicht hinausreichen, lesen wir den Satz, dass „wer sich in äußerster Notlage befindet, das Recht hat, vom Reichtum anderer das Benötigte an sich zu bringen“. Die wohl wichtigsten Ergebnisse sind die Liturgiereform (Volkssprache statt Latein) und der Verzicht auf den kirchlichen Anspruch, die Öffentlichkeit und alle staatlichen Gliederungen hätten nach katholischen Grundsätzen zu handeln.

In dieser innerkirchlich revolutionären Wende gehörte Josef Ratzinger zu denen, die als Konzilsberater an vorderster Front standen. Wenn man ihm in vielerlei Hinsicht – keineswegs nur in der Ökumenefrage – vorwerfen kann, er habe das Rollback der Konzils maßgeblich vorangetrieben, dann war und ist das doch keine Rückkehr zur „feudalen“ Kirche. Im Gegenteil zeugt sein ständiges Insistieren auf der Zusammengehörigkeit von „Glauben und Vernunft“ genau von der Zielsetzung der konziliaren Mehrheit.

Doch gemessen am Gebot einer „Kirche der Armen“ blieb Ratzinger ein Reaktionär und hat sich seit Jahren als solcher verhalten. Am deutlichsten wurde das in seiner Haltung zur lateinamerikanischen Theologie der Befreiung, deren angeblich „trügerische Prinzipien“ er als Präfekt der Glaubenskongregation wie als Papst immer wieder angriff. Kurz vor Ende des Konzils hatte sich eine Reihe teilnehmender Bischöfe verpflichtet, für Strukturen einzutreten, „die der verarmten Mehrheit der Menschen einen Ausweg aus dem Elend ermöglichen“. Weil sie sich in römischen Katakomben versammelten, war vom „Katakomben-Pakt“ die Rede. Daraus entstand die Theologie der Befreiung.

An ihr orientieren sich all jene, die heute das Erbe des Konzils beschwören, um das einst Begonnene fortzuführen. Schon der Konzilsmehrheit hätte ja aufgehen müssen, dass die Beschlüsse der Konzilszeit von 1962 bis 1965 nicht hinreichten, weil die Welt schon ein Jahrzehnt später nicht mehr so war, wie man sie eingeschätzt hatte. Statt weiterer Mondlandungen spielte sich da die Klimakatastrophe in den Vordergrund. Und was soll man erst heute sagen, da die Welt wieder von Hungerrevolten heimgesucht wird? Indem sie an der Kirche der Armen festhalten und überhaupt dadurch, dass sie sich mit dem Zustand der Kirche nicht zufrieden geben, halten die Kritiker eines Rollbacks der Konzilsergebnisse die Kontinuität der Kirche aufrecht, wie sie biblisch begründet ist.

09:00 14.10.2012
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