Woher kam die Furin-Spaltstelle?

Sars-CoV-2 Vom Tier auf den Menschen übergegangen oder doch aus dem Labor entwichen? Zum Stand der Debatte über den Ursprung des Virus
Mutmaßlich sprang Corona von der Fledermaus per unbekanntem Zwischenwirt auf den Menschen über. Oder doch nicht?
Mutmaßlich sprang Corona von der Fledermaus per unbekanntem Zwischenwirt auf den Menschen über. Oder doch nicht?

Foto: Getty Images

Am 3. Februar veröffentlichte die NZZ ein langes Interview mit Roland Wiesendanger, dem in Hamburg forschenden Nanophysiker, der es für wahrscheinlich hält, dass Sars-CoV-2 dem Wuhan Institute of Virology entwichen sein könnte. Der Virologe Christian Drosten antwortete am 9. Februar in einem SZ-Interview. Wir erinnern uns: Der erste Fall von Ansteckung mit Sars-CoV-2 soll sich Anfang Dezember 2019 in der chinesischen Stadt Wuhan ereignet haben. Dort wurden auf einem Fleischmarkt lebendige Tiere verkauft und dort, so lasen wir immer wieder, müsse das Virus vom Tier auf den Menschen übergesprungen sein. In derselben Stadt befindet sich aber auch das Institut. Von ihm ist heute bekannt, dass es zu Forschungszwecken natürliche Viren künstlich verändert, sprich für Menschen gefährlicher macht. Diese Art Forschung wird damit gerechtfertigt, dass man sagt, man wolle mögliche Wege der Evolution herausfinden, um der Natur zuvorzukommen.

Flugs antwortet der „Spiegel“

Nun stellt sich eine Frage: Solange die Virenübertragung im Fleischmarkt nicht bewiesen ist – und das ist sie bis heute nicht –, muss man es da nicht für ebenso möglich halten, dass sie von jenem Institut versehentlich freigesetzt wurden? Im Frühjahr 2021 wurde in der Hamburger Exzellenzuniversität Wiesendangers Studie veröffentlicht, die aufgrund von Indizien die Frage bejahte. Unipräsident Dieter Lenzen unterstützte sie, indem er sagte, man wolle eine Diskussion über derartige Laborunfälle anstoßen. In Deutschland indessen sind Journalisten klüger als Professoren, weshalb man flugs im Spiegel lesen konnte, „dass es sich um wissenschaftlichen Unfug handelt“. „Man könnte gar behaupten, hier möchte jemand Verschwörungserzählern eine pseudowissenschaftliche Grundlage liefern.“ Die Frage werde zwar auch in der WHO kontrovers diskutiert, aber dort von Fachleuten, während Wiesendanger „keinerlei Expertise auf dem Gebiet aufweist“.

Nun, er ist Nanophysiker. In diesem Fach befasst man sich mit kleinsten Teilchen, auch biologischen. Wiesendanger weist im NZZ-Interview darauf hin. Welche Art von Expertise stellt sich der Spiegel denn vor, wenn es gilt, das mögliche Entweichen eines Virus aus dem Wuhan-Institut plausibel zu machen oder auszuschließen? Hat er geglaubt, zur Beantwortung dürften nur Viren untersucht werden, keinesfalls aber, bildlich gesprochen, die Eingangs- und Ausgangstüren des Instituts? Oder dürfen auch Türen nur von Virologen untersucht werden?

Der SZ-Interviewer schreibt vorab, Wiesendanger habe in der NZZ „Spekulationen ausgebreitet“. Er habe Drosten „bewusste Irreführung und Vertuschung vorgeworfen“. Dagegen wehrt sich Drosten am Anfang des Interviews: Das seien „haltlose Anschuldigungen“. Er wird dann über eine Telefonkonferenz am 1. Februar 2020 befragt, an der Anthony Fauci, der Leiter der Infektionsabteilung in der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde, und andere Experten teilgenommen hatten. Hier sei, „so behaupten Anhänger von Verschwörungsideen, die Labor-Hypothese politisch gewollt ausgeschlossen worden“. Gegen diese vom Interviewer behauptete Behauptung wehrt sich Drosten völlig zu Recht. Nur hatte Wiesendanger sie gar nicht erhoben. Er hatte wie Drosten selbst von einer offenen Diskussion führender Virologen, darunter Drosten, gesprochen: Die meisten nahmen eine natürliche Übertragung des Virus an, einige favorisierten die Laborthese. Erst in den Tagen nach der Konferenz, so Wiesendanger, gab es Meinungsumschwünge, hinter denen er die Ausübung politischen Drucks vermutet.

Vor allem folgte jenes von Drosten und anderen Virologen unterzeichnete Statement, das Mitte Februar in der Fachzeitschrift Lancet veröffentlich wurde: Die Laborthese sei eine Verschwörungstheorie! Das war sie nun eindeutig nicht. Drosten sagt: Aus seiner heutigen Sicht hätte er sich dem Statement nicht ohne Weiteres angeschlossen. Damals habe er seine Solidarität mit den Wissenschaftlerkollegen in Wuhan zum Ausdruck bringen wollen. Heute wisse er aber, dass in Wuhan „an solchen Viren gearbeitet“ wurde. Und: „Vor allem wussten ja einige Leute in den USA von diesen Versuchen.“ Man hätte schon damals, sagt er jetzt, „offensiv und proaktiv kommunizieren müssen, was dort im Labor gemacht wurde“. Er und auch andere Wissenschaftler, die das Lancet-Statement mittrugen, „wurden aber über diese Projekte nicht informiert“.

Also doch keine „haltlosen Anschuldigungen“. Wiesendanger hat im NZZ-Interview gesagt, Drosten habe das Statement wider besseres Wissen unterschrieben, und Drosten bestätigt es. Er unterscheidet nur: Während er selbst sehr gut wusste, dass die Laborthese von den Wissenschaftlern ernst genommen wurde, gab es auch welche, die noch viel mehr wussten, es aber Drosten und anderen verschwiegen, nämlich die „Arbeit an solchen Viren“ in Wuhan. Ihn hätten auch inzwischen veröffentlichte Berichte „überrascht“, so Drosten, aus denen hervorgeht, dass in Wuhan virenverändernde Experimente im Rahmen eines Projekts der US-amerikanischen NGO Ecohealth Alliance gemacht wurden. Es wurden nämlich in Fledermausviren neue Spikeproteine eingebaut, woraufhin sie sich besser vermehren konnten. Drosten weiß inzwischen auch von dem Plan, eine sogenannte Furin-Spaltstelle einzubauen: Das hätte die Viren noch gefährlicher gemacht. Diese „Spaltstelle“, die für Coronaviren ganz ungewöhnlich ist, findet sich in Sars-CoV-2. Wie ist sie da hineingekommen? Drosten sucht immer noch nach einer natürlichen Erklärung. Doch er weiß: „Das sollte in einem amerikanischen Labor gemacht werden und wurde dann nicht finanziert.“

All das hatte Wiesendanger vorher im NZZ-Interview ausgeführt. Um einiges genauer allerdings. Der den Plan hatte, war ein gewisser Peter Daszak. Daszak ist der Präsident von Ecohealth. Das Pentagon hat dieser Organisation „in den letzten Jahren fast 40 Millionen Dollar zugesprochen – für die Erforschung von Biowaffen“. 2018 beantragte Daszak im Pentagon die Finanzierung des Versuchs, jene Furin-Spaltstelle in Coronaviren einzubauen. Der Antrag wurde abgelehnt. Sollte Daszak ihn anschließend in Wuhan eingereicht haben? Man weiß nur, dass er an anderen dort unternommenen Projekten beteiligt war. Und, so Wiesendanger: Während der Obama-Administration wurde für diese Art Forschung „in den USA zeitweise ein Moratorium verhängt, weil sie als zu gefährlich gilt. Das Moratorium wurde aber zum Teil umgangen, insbesondere durch die Auslagerung nach Wuhan“. Daszak war derjenige, der das Statement in Lancet organisierte.

Man findet diese genaueren Angaben wohl nur deshalb nicht im SZ-Interview, weil sie den Interviewer nicht so sehr interessierten. Dem ging es wohl nur darum, Wiesendanger zum Covidioten zu stempeln. Sind wir Journalisten solche Dummköpfe? Es sollte uns doch, wie Dieter Lenzen, dem Hamburger Unipräsidenten, darum gehen, eine Diskussion über mögliche Laborunfälle anzustoßen. So wie wir seit Jahrzehnten über mögliche Unfälle in Atomkraftwerken diskutieren. Wem nützt es, Wiesendanger und Drosten gegeneinander aufzuhetzen? Es wäre besser, beide gemeinsam stellten unserer politischen Klasse ein paar unangenehme Fragen.

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