Sirenenklänge aus Afrika

Bischofssynode Papst Franziskus ist mit seinen Reformvorhaben nicht gescheitert, weil er stets die Gefahr einer Kirchenspaltung zu bannen wusste
Michael Jäger | Ausgabe 44/2015 13
Sirenenklänge aus Afrika
Von Algerien bis Südafrika fehlt es Franziskus an Rückhalt
Foto: Andreas Solaro/AFP/Getty Images

Recht mager auf den ersten Blick erscheint das Resultat der Familiensynode der katholischen Kirche, die vom 4. bis 25. Oktober in Rom abgehalten wurde. Das Abschlussdokument lässt nur in einer Frage etwas Bewegung erkennen: Die Zulassung von Wiederverheirateten zur Kommunion bleibt zwar im Einklang mit dem Kirchenrecht ausgeschlossen, doch müssten, heißt es, die Einzelfälle und Umstände beurteilt werden. „Im Gespräch mit dem Priester kann ein Urteil über das gefällt werden, was einer volleren Teilhabe am Leben der Kirche entgegensteht.“

In allen anderen Fragen kommt gar nichts voran. Die Homosexuellen zum Beispiel hören wieder nur, dass die Kirche ihnen Respekt entgegenbringe; die homosexuelle Ehe wird weiter abgelehnt. Dabei hatte ein homosexueller Priester, der in der vatikanischen Glaubenskongregation arbeitete, noch kurz vor Beginn der Synode ein Zeichen zu setzen versucht, indem er sich outete. Er erreichte nur, dass er kurzerhand rausgeworfen wurde.

Wutschrei der Konservativen

Papst Franziskus äußerte sich verhalten unzufrieden über das Abschlussdokument, dessen rechtlicher Status darin besteht, dass es ihm Vorschläge unterbreitet. Viele Fragen seien unerledigt geblieben, aber er wolle den Weg der Öffnung weitergehen. Er lobte zwar die „lebhafte, offene Diskussion“ der Bischöfe, meinte aber ebenso, die Kirche habe nicht zu „verurteilen“, sondern barmherzig zu sein. Nach allem, was vom Streit der Bischöfe nach außen drang, muss darin ein päpstlicher Kommentar zur Unbarmherzigkeit der synodalen Minderheit gesehen werden. So äußern die deutschsprachigen Bischöfe gleich zu Beginn ihres Abschlussberichts „große Betroffenheit und Trauer“ über „die öffentlichen Äußerungen einzelner Synodenväter zu Personen, Inhalt und Verlauf der Synode“. Es ist offenbar heiß gekämpft worden. Daran gemessen ist das Synodenergebnis ein großer Schritt voran für Franziskus, ja vielleicht der erste substanzielle Erfolg, den er in seiner Amtszeit überhaupt errungen hat.

Nun könnte man zwar meinen, der Papst habe doch das Lehrprimat und brauche sich um die Meinung der Bischöfe gar nicht zu kümmern. Zudem gehört er dem Jesuitenorden an, dessen Grundregel der bedingungslose Gehorsam zum Papst ist. Sollte man nicht erwarten, ein Jesuit auf dem Papstthron forderte ihn besonders strikt für sich selbst ein? Wenn er es dann nicht tut, argwöhnt man, er verstecke sich hinter der Synode. Doch ist es auch denkbar, dass gerade ein Jesuit sich berufen fühlt, eine Gehorsamskultur zu ändern, von der er mehr versteht als andere. So hatte es ja eines Charles de Gaulle bedurft, der zunächst die Einheit des französischen Mutterlands und der Überseegebiete proklamierte, um den Algerienkrieg zu beenden. Franziskus will mit der Gehorsamskultur offenbar brechen, die Papstmacht freilich aufbewahren, und wenn es für Notfälle ist. Dass er nicht nur diese Synode einberief, sondern vor der Eröffnung von einer „synodalen Kirche“ sprach, war schon bemerkenswert.

In einer solchen Kirche sei es „nicht angebracht, dass der Papst die lokalen Bischöfe ersetzt“, so Franziskus. „In diesem Sinne verspüre ich die Notwendigkeit, in einem gesunden Dezentralismus weiterzumachen.“ Er hatte andererseits ein starkes Zeichen gesetzt, als er kurz vor der Eröffnung ohne Konsultation irgendwelcher Gremien die katholische Ehe-Annullierung vereinfachte. Sie war bisher so kompliziert und teuer, dass sich Katholiken ärmerer Länder dies kaum leisten konnten. Jetzt ist verfügt, dass ein Ehenichtigkeitsprozess nur ein Jahr dauern und es abgesehen von Personalkosten keine Gebühren geben darf. Der Wutschrei der Konservativen folgte prompt und ließ ahnen, wie die Synode verlaufen würde. „Franziskus hat seine Maske fallen lassen“, wurde ein hoher vatikanischer Geistlicher zitiert. Ein im Vatikan umlaufendes Dossier beklagte besonders das „Eilverfahren“, das „die Gefahr birgt, den Weg in die katholische Scheidung zu öffnen“. Eben dies, die Scheidung und Wiederverheiratung, wurde dann zum Hauptstreitthema der Synode.

In ihr wurden noch weit schärfere Töne laut. Kein Geringerer als Robert Sarah, gleichsam der Streitvorsitzende als Leiter der vatikanischen Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramente – denn die Ehe gilt als Sakrament, und wer sich dennoch scheidet und wieder verheiratet, darf im Gottesdienst die Hostie nicht mehr empfangen –, sagte öffentlich: Allein die Idee der Zulassung der Wiederverheirateten sei „des Teufels“. „Gewisse abendländische Kirchen“, die anderer Auffassung sind, bezeichnet er in einem soeben erschienenen Buch als häretisch. Selbst der Papst dürfe die Lehre nicht ändern. Sarah, ein afrikanischer Theologe, war auf der Synode Wortführer eines konservativen Widerstands, der auf seinem Kontinent fast einhellig ist. Da aber liegt das Problem. Franziskus mag als Papst noch so mächtig sein: Er darf nicht die Kirchenspaltung provozieren. Wenn jemand wie Sarah es sich erlauben kann und will, so zu sprechen, wie er spricht, ist die Spaltungsgefahr offenbar da.

Deshalb muss man die Taktik der deutschsprachigen Bischöfe bewundern. Sie vertreten die „gewisse Kirche“, die Sarah so wüst angreift und die tatsächlich auf der Synode den reformerischen Gegenpol gebildet hat. Ihre Linie war, die Beantwortung der Streitfrage müsse den Ortskirchen überlassen werden, dies aber wiederum verbargen sie unter der Forderung, der Einzelfall müsse darüber entscheiden, ob Wiederverheiratete zur Hostie zugelassen würden oder nicht. Es ist ähnlich wie im deutschen Abtreibungsrecht: Abtreibung ist nicht strafbar, doch muss ihr ein „Beratungs“gespräch vorausgehen. Faktisch läuft die Einzelfallregelung, die sich auf der Synode mit nur einer Stimme über der erforderlichen Zweidrittelmehrheit durchgesetzt hat, auf die Freiheit der Ortskirchen in dieser Frage hinaus. Ja, man kann davon ausgehen, dass in Deutschland die Zulassung Wiederverheirateter zur Regel wird. Aber das musste natürlich auch den afrikanischen Bischöfen klar sein, die sich gegen eine Regionalisierung der Seelsorge aussprachen. Es wäre deshalb nichts gewonnen gewesen, hätten die Deutschsprachigen die Einzelfallprüfung nicht dadurch stark gemacht, dass sie theologisch argumentierten.

Kardinal Walter Kasper, der im Vatikan bis zur Emeritierung für die Ökumene und die Beziehungen zum Judentum zuständig war, war der theologische Kopf der deutschsprachigen Gruppe. Da er mit Thomas von Aquin argumentierte, wurde es schwer bis unmöglich, ihm und den Deutschsprachigen, die seine Position übernahmen, den Geruch der Häresie anzuhängen. In seiner Summe der Theologie hatte Thomas geschrieben, Gerechtigkeit sei mehr, ja etwas anderes als Gesetzeserfüllung. Denn jedes Gesetz werde von einem Gesetzgeber erlassen, der zum Zeitpunkt der Gesetzgebung gar nicht wissen könne, was alles einmal unter das Gesetz fallen würde; „vielmehr geben die Gesetzgeber auf das Acht, was meistenfalls vorkommt“. Deshalb kämen immer wieder Fälle vor, in denen vom Gesetz abgewichen werden müsse. Damit werde das Gesetz aber nicht aufgehoben, sondern gerade so und nur so erfülle man es auf gerechte Weise. Das ist die Einzelfallprüfung, auf die Kasper hinauswill. Seine Argumentation blockierte den Widerstand, da ihr nicht vorgeworfen werden konnte, sie gebe die kirchliche Lehre auf.

Franziskus scheint mit den Deutschsprachigen von vornherein zusammengearbeitet zu haben. Er ist ein geschickter Politiker. Wegen der Ungleichzeitigkeit der Lebensverhältnisse auf den Kontinenten muss eine gewisse Regionalisierung der Kirche tatsächlich sein Ziel sein. Der protestantische Theologe Karl Barth hat sogar die Verschiedenheit der Konfessionen als Ausdruck einer Regionalisierung des Christentums interpretiert. So weit, dass noch mehr Konfessionen entstehen, kann und will es der Papst nicht kommen lassen.

06:00 29.10.2015
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