Mit friedlichen Mitteln

Kapitallogik „Naturphilosophie, Gesellschaftstheorie, Sozialismus“ – ein Sammelband untersucht die Aktualität von Friedrich Engels
Diese Zeichnung von Friedrich Engels zeigt den Sozialisten bei der Errichtung einer Barrikade während Krawallen in Elberfeld im Jahr 1849
Diese Zeichnung von Friedrich Engels zeigt den Sozialisten bei der Errichtung einer Barrikade während Krawallen in Elberfeld im Jahr 1849

Foto: United Archives International/IMAGO

Friedrich Engels in seiner ganzen thematischen Vielfalt: Zwei Jahre nach dem 200. Geburtstag des Fabrikantensohns liegen nun auch die Beiträge zum Wuppertaler Kongress „Die Aktualität eines Klassikers“ vor. Dass Engels’ Bedeutung größer war, als dass er nur die Schriften seines Freundes Karl Marx popularisiert hätte, ist inzwischen oft betont worden. Dieser Band zeigt es im Einzelnen. So erfahren wir, dass Marx’ ökonomische Forschung sich ganz im Rahmen eines Forschungsprogramms bewegte, das Engels vorher ausgearbeitet hatte.

Dieses Programm hatte aber nicht nur darin bestanden, den Kapitalismus als System der Produktion und Distribution auf Märkten zu kritisieren. Denn zur Kapitallogik gehören nicht nur Ausbeutung, Ware und Geld, sondern auch eine bestimmte Form von Staatlichkeit und eine bestimmte Art, die Naturwissenschaft zu verwenden. Die letztgenannten Themen wurden weit mehr von Engels als von Marx erforscht. Ich möchte hier nur auf den wichtigsten Kongressbeitrag eingehen, in dem Wolfgang Streek untersucht, wie Naturwissenschaft und Technik vom kapitalistischen Staat verwendet werden: in einer dunklen Sonderökonomie, die nicht Produktiv-, sondern Destruktivkräfte entwickelt. Auch dass Engels zu den führenden Militärwissenschaftlern seiner Zeit gehörte, ist inzwischen gut bekannt. Wie aktuell aber seine diesbezüglichen Forschungsergebnisse sind, hat man so klar wie bei Streek noch nicht gelesen. Marx und Engels interessierten sich anfangs deshalb für Kriege, weil sie erwarteten, die proletarische Revolution werde sich als Bürgerkrieg oder nach dem Vorbild der napoleonischen Kriege ereignen. Mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861 – 65) veränderte sich ihre Sicht. Sie schrieben, er sei allein schon wegen der „fabelhaften Kosten“ der beteiligten Armeen „ein Schauspiel ohne Parallele in den Annalen der Kriegsgeschichte“. Auch in Europa wurden nun solche Heere aufgestellt. Was sollte die Arbeiterklasse gegen sie ausrichten? Im Versuch, die Frage zu beantworten, kamen Engels und wohl auch Marx zu der Einsicht, dass die Staaten im Verhältnis zu den Gesellschaften erheblich erstarkt waren – sie bloß als „Ausschuss“ zu sehen, „der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisie verwaltet“ (so die Definition im Kommunistischen Manifest), war irreführend geworden.

Sich untereinander abwürgen

Dass sie auf den Ersten Weltkrieg zuschritten, in dem sich „acht bis zehn Millionen Soldaten untereinander abwürgen“ würden, sah Engels voraus, meinte aber, am Ende würde das zum Sieg der Arbeiterklasse führen – was dann nur, um den Preis weiteren Abwürgens in derselben Größenordnung infolge der ausländischen Intervention, in Russland geschah. Seitdem war klar, dass Staatenkriege gefährlicher als kapitalistische Wirtschaftskrisen waren. Auch deshalb ließ sich die Mehrheit der deutschen Arbeiterklasse mit ein paar Konzessionen abspeisen, statt den Aufstand zu proben, der vor keinem Feindstaat geschützt hätte. Der Klassenkonflikt wurde ersatzweise aufs Staatensystem projiziert. Diese Tendenz verfestigte sich nach der Erfindung der Atombombe.

Wieder ein paar Jahrzehnte später fand die technische Entwicklung „in ihren Frontlinien nicht mehr in der Privatwirtschaft statt, sondern in den Rüstungsprogrammen insbesondere des mächtigsten Staates der Welt, der USA – von der Luft- und Raumfahrt zur sogenannten ‚friedlichen Nutzung der Atomenergie‘ bis hin zu der derzeit die kapitalistische Ökonomie revolutionierenden mikroelektronischen Informationstechnologie“. Inzwischen hat das schon dazu geführt, dass der Krieg unter staatlicher Aufsicht an kleine Privatunternehmen delegiert werden kann. Dies „entlastet Regierungen von der Notwendigkeit, für militärische Operationen Zustimmung an der Heimatfront zu mobilisieren“.

Man fragt sich, wie es unter solchen Umständen überhaupt noch Widerstand geben kann. So paradox es klingen mag: Der Vernichtungsmacht kann nicht mehr anders als mit friedlichen Mitteln begegnet werden. Die mächtigsten Staaten sind immer noch parlamentarisch verfasst. Solange sie es sind, ist die Erlaubnis, in ihnen vom Frieden zu sprechen, ihre Schwachstelle.

Info

Naturphilosophie, Gesellschaftstheorie, Sozialismus. Zur Aktualität von Friedrich Engels Smail Rapic (Hg.), Suhrkamp 2022, 393 S., 24 €

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare 4