Soziale Beschleunigungsphänomene

Sphären Das Festival MaerzMusik zeigt den Klang der Zeit, vom Regenwald bis zum Rauschen der Autobahn

Das Ensemble PHØNIX16 spielt, und über die Wände flackert eine Fotoreihe von Stadthäusern, mit vielleicht einer Viertelsekunde Aufenthaltsgenehmigung pro Bild – zu keinem Musikfestival passt das besser als zur Berliner MaerzMusik, deren Leitung zum siebten Mal in Berno Odo Polzers Händen liegt. Das frühere Festival „für aktuelle Musik“ hat er in eines „für Zeitfragen“ umgewidmet, worunter er, so die Antrittserklärung 2015, „Konflikte und Reibungen zwischen den unterschiedlichen Zeitlichkeiten von Natur, Mensch, Maschine, Informationstechnologien und Kapital“ versteht. Von solchen Konflikten zeugen etwa die „Zeitarmut in Wohlstandsgesellschaften, soziale Beschleunigungsphänomene“ und „globale ökologische Katastrophen, die sich in Zeitlupe vor unseren Augen entfalten, ohne dass wir in der Lage zu sein scheinen, zeitgerecht dagegen vorzugehen“.

Mit Musik scheint das gar nichts zu tun zu haben, aber Musik ist die Zeitkunst schlechthin. Nicht nur, weil Musikstücke als Entwicklungen in der Zeit nur so lange dauern, wie sie sich entwickeln, was man von Skulpturen nicht sagen kann. Sondern auch, weil diese Kunst zu der Frage, was Zeit überhaupt ist, etwas zu sagen hat. Musik spielt deshalb in der Zeitphilosophie schon des Kirchenvaters Augustin und noch des Begründers der Phänomenologie, Edmund Husserl, die Rolle des zentralen Modells. Und zwar ist sie für beide, so wenig sie sonst gemein haben, das Modell von Gegenwart. Gegenwart ist eine subjektive Befindlichkeit, in der Physik kommt keine vor. In der Physik gibt es Jetztpunkte, Gegenwart hat aber eine mindestens kurze Ausdehnung, weil sie immer ein Sinnerlebnis ist. So zerfällt uns ein Popsong, den wir mit Hingabe hören, nicht in verschiedene Zeiten. Wenn das aber so ist, kann die oben beklagte Zeitfragmentierung nur von Menschen bekämpft werden, die über „Gegenwartskraft“ verfügen oder sie zurückgewinnen. Kann Musik dabei helfen?

Ein Traum, aber gestört

PHØNIX16 gestaltete am 18. März den Eröffnungsabend des zehntägigen Festivals. Der erste Eindruck mochte sein, dass Darbietungen wie diese, mit der beschriebenen Bildflucht, die Zerstörung von Geistesgegenwart nur weiter vorantreiben, indem sie ihr noch den Mantel des „Modernen“ umhängen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die von PHØNIX16 vorgetragenen Kompositionen zügeln die optische Aufgeregtheit. Sie verlieren die Ruhe nicht, auch heute noch nicht. In diesem Jahr half die Zusammenarbeit mit dem bolivianischen Experimentalorchester für Indigene Instrumente. Anwesend konnte es wegen Covid-19 nicht sein, aber seine Musik wurde gespielt. Das erste Stück, komponiert von der Argentinierin Beatriz Ferreyra, waren die „Traumflüsse“, Rios del Sueño (1998 – 2000/2020). Es ist ein Traum von freier Natur, ein gestörter freilich. Die Instrumente evozieren den Regenwald: Tierstimmen, die sich umeinander nicht kümmern. Jede hat ihre eigene Zeit, und die Zeiten schließen einander nicht aus. So unzusammenhängend, dass sie nicht mal ein Mosaik bilden könnten, haben alle in einer einzigen Gegenwart Platz. Zwar fahren immer wieder Autostraßengeräusche dazwischen, die hier den kontinuierlichen Strahl der technischen Zeit vertreten. Diese Zeit ist aber, so hört man, nur eine unter vielen, mag sie auch als „die objektive“ gelten.

Es ist wahr, dass sie alles koordiniert, doch an Gegenwart reicht sie nicht heran, da sie selbst keine hat. Deshalb dürfen Kräfte, die ihr die Gegenwart ausliefern, keine freie Fahrt haben.

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06:00 27.03.2021

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