Spätes Mordopfer

Kommentar 1967 hatten die Studenten Grund zu glauben, dass die Demokratie scheitern wird. Michael Jäger über Karl-Heinz Kurras und die Folgen

Hätten jene Studenten, die später „die 68er“ genannt wurden, auf den Tod Benno Ohnesorgs ­anders reagiert, wenn ihnen die Stasi-Mitarbeit und SED-Mitgliedschaft seines Mörders, des Westberliner Polizisten Karl-Heinz Kurras, bekannt gewesen wären? Man kann sich der Frage nicht ohne Sarkasmus widmen. Die Nachricht jedenfalls hat alles verändert: Jetzt zeigt die Vereinigung der Opfer des Stalinismus Kurras wegen Mordes an, damals rührte sie sich nicht, damals war Ohne-sorg kein Mordopfer. Oder wenn er eines war, dann sollten die Studenten seine Mörder gewesen sein. Sechs Tage nach dem Schuss nannte ihn der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz „das letzte Opfer einer Entwicklung, die von einer extremistischen Minderheit ausgelöst worden ist“. Er sprach, wie es ihm Bild in den Mund gelegt hatte: „Ihnen genügte der Krach nicht mehr. Sie müssen Blut sehen.“ Gemeint waren die Studenten.

Für die Studenten wurde vor allem diese öffentliche Reaktion zum Schock­erlebnis. Man vergisst es bis heute nicht. Bei der abendlichen Demonstra­tion gegen den Schah nicht dabei gewesen, am Tag danach vom Radio in der Form, dass die Studenten schuld seien, auf den Mord aufmerksam gemacht. Man begibt sich fassungslos zum Campus der Universität. Auf dem Campus sieht man, Zweitausend sind ebenso spontan gekommen. Bei der Demons­tration waren es nur einige Hundert gewesen. Von nun an treffen sich die Zweitausend über Monate Tag für Tag im Audimax, um zu beraten. Dabei ist Kurras kein Thema, denn nicht nur sein Mord ist vorgefallen, sondern man hat polizeistaatliche Aktionen erlebt. In den Tagen vor dem Schah-Besuch hatte die Polizei studentische Plakate, auf denen Menschenrechtsverletzungen in Persien angeprangert wurden, wegen „Hetzpropaganda“ entfernt. Beim Besuch selber bildete sie Spalier für Angehörige des persischen Geheimdienstes, die mit Stahlruten, Totschlägern und Holzlatten auf die demonstrierenden Studenten einschlugen.

Zu glauben, dass die Demokratie schon wieder scheiterte, war damals nicht verrückt. In der Bundeswehr hatten die demokratischen Reformer einen schweren Stand gegen die Traditionalisten, denen die Verschwörer des 20. Juli 1944 als Landesverräter galten. Sie wollten wieder einen Staat im Staate bilden. In Westberlin, wo die Polizei kaserniert und militarisiert wurde, weil eine Armee offiziell nicht gebildet werden durfte, hatten sie alles unter Kontrolle. Erich Duensing, von 1951 bis Ende 1967 Kommandeur der Schupo, war im Krieg Truppenkommandeur gewesen und hatte anderen Wehrmachtsoffizieren den Weg in die Polizeiführung geebnet. Als er den Auftrag erhielt, die Demons­tration gegen den Schah zu kontrollieren, bezeichnete er dies als einen „Kampfauftrag“. Die Demonstranten, die sich auf einem schmalen Streifen gegenüber der Deutschen Oper aufgestellt hatten – wo der Schah weilte ­–, verglich er mit einer Wurst: „Dann müssen wir in die Mitte hineinstechen, damit sie an den Enden auseinanderplatzt.“

Es war nicht klug, wenn viele Studenten glaubten, der Faschismus kehre zurück. In Wahrheit setzte sich langsam aber sicher der Parlamentarismus durch. Als 1969 die SPD an die Regierung kam, erreichte ihr Verteidigungsminister Helmut Schmidt gegen viel Widerstand die Gründung zweier Bundeswehr-Hochschulen. Von da an musste jeder Berufsoffizier ein akademisches Examen als zivilen Berufsabschluss ablegen. Die Bundeswehr wurde kein Staat im Staate. Aber hatten dafür nicht auch die Studenten gekämpft? Sie wussten doch wenigstens ungefähr, in welcher Auseinandersetzung sie standen. Ganz sicher wussten sie, dass es nicht um Kurras ging.

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