„Together“ geht immer

Politische Bewegungen Sie rufen „Vorwärts!“ und meinen allzu oft doch „Rückwärts!“ Über Lippenbekenntnisse aus Frankreich und den USA
„Together“ geht immer
En Marche. Nur wohin?
Foto: Joel Saget/AFP/Getty Images

Dass es besser wird, wollen wir alle. Egal, wo wir politisch stehen. Aber ist „Vorwärts“ ein guter Slogan? Er hat wieder Konjunktur: „En Marche!“ war das Wahlkampfmotto von Emmanuel Macron, „La République en marche“ heißt nun seine Partei, und jetzt hat auch Hillary Clinton, von der Niederlage im US-Wahlkampf erholt, eine Bewegung gegründet: „Onward Together“ („Gemeinsam vorwärts“). Clinton, das versteht man, kämpft gegen Donald Trump, den unsäglichen Wahlsieger – aber vorwärts mit Macron? In seiner Sicht ja. Anderen wird eher Wolf Biermanns Gedicht über eine DDR-Skulptur einfallen, Fritz Cremers Der Aufsteigende: „Nun sag uns nur noch das: / Wohin steigt dieser da?“ … „Geht uns der voran? / Oder verläßt er uns?“

„Onward Together“ verspricht als Formel mehr als das inhaltlich ganz leere „En Marche!“: dass nämlich nicht nur die Anführerin aufsteigt, sondern alle. Doch auch mit diesem Schlagwort könnte jeder kommen, jede linke und rechte Bewegung. Wenn Bert Brecht dichtet: „Vorwärts und nie vergessen: / die Solidarität!“, ist es anders, denn das ist ein Refrain, dem klare Worte vorausgehen: „Proletarier aller Länder, / einigt euch und ihr seid frei.“ Wenn Clinton das Thema beizeiten angerührt hätte, hätte sie die Wahl gegen Trump, den angeblichen Arbeiterfreund, wohl gewonnen. Sie denkt aber nicht so. „Together“ kann man immer sagen.

Als die SPD 1876 eine Zeitung namens Vorwärts gründete, war das im kulturellen Kontext eine klare Botschaft. Das Bürgertum wollte den Fortschritt und man wusste, was es darunter verstand. Auch wenn sich die Liberalen in Linke und Nationalisten zerlegt hatten. Sich davon mit „Vorwärts“ abzugrenzen, war eine Provokation: Den Fortschritt, hieß es, verkörpern wir, während ihr Liberalen in Wahrheit Reaktionäre seid. Ihr beruft euch auf „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, aber nur wir kämpfen auch dafür. Bei euch Liberalen ist es ein Lippenbekenntnis.

Heute ist es nicht einmal mehr das. Macron wird den Brüdern und Schwestern wohl weniger Lohn und Sozialstaat bescheren. Seine Partei müsste also besser „Rückwärts!“ heißen. Oder ein Satz Walter Benjamins müsste als Motto über „En Marche!“ stehen: „Dass es so weitergeht, ist die Katastrophe.“ Aber „Rückwärts“ ist genauso unklar wie „Vorwärts“. Denn wahr ist auch, dass man nur vorankommt, wenn man zum Ausgangspunkt eines Problems zurückkehrt. Es wird nicht gelöst, indem man wegrennt, sondern, wenn überhaupt, dann an Ort und Stelle.

Meistens ist man weggerannt – und muss sich nun zur Rückkehr überwinden, um es besser zu machen. In der Politik ist es fast immer so, nur dass die Überwindung selten gelingt. Zum Beispiel bei den Atomkraftwerken: Seit Tschernobyl war klar, dass sie stillgelegt werden mussten, eine große Bevölkerungsmehrheit hat es nach 1986 so gewollt. Die Politik aber machte weiter mit dieser Technik, die einst als fortschrittlich gegolten hatte. 25 Jahre lang. Es half nichts – 2011, nach Fukushima, musste sie doch umkehren.

„Vorwärts“ geht nur, wenn die Rückfrage folgt. Wenn „die Frage konkret gestellt“ ist, um noch einmal Brecht zu zitieren. Sein Refrain beschwört erst nur „die Solidarität“. Am Ende fragt er: „Wessen Welt ist die Welt?“

06:00 07.06.2017
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