Urkomisch und anspruchsvoll

1963 Adenauer-Rücktritt, die Entdeckung von Pardon und die Gründung des Suhrkamp-Verlages: Für Freitag-Autor Michael Jäger war es das Jahr des intellektuellen Aufbruchs

Nun trat der schon 87-jährige Kanzler Konrad Adenauer endlich zurück. Er hätte wohl noch länger ausgeharrt, wäre da nicht die Spiegel-Affäre gewesen, die im Herbst des Vorjahrs begonnen hatte und im ganzen Folgejahr das beherrschende Thema blieb.

Am 23. Oktober 1962 war gegen den Herausgeber Rudolf Augstein auf Betreiben des Verteidigungsministers Franz-Josef Strauß Haftbefehl erlassen worden, weil das Nachrichtenmagazin angeblich die militärische Geheimhaltung verletzt hatte. Strauß’ Intervention war illegal und zielte darauf, einen politischen Gegner mundtot zu machen.

Als Adenauer zurücktrat, war ich 17, und auch mich schleuderte die Affäre an einen anderen Ort. In meiner Westberliner Arbeiterfamilie hatten wir bis dahin auf dem hohen demokratischen Ross gesessen und auf die DDR verächtlich herabgeschaut. Allwöchentlich waren wir ums Radio geschart, um die sehr witzige antikommunistische Kabarettsendung Die Insulaner zu hören. Jetzt begann ich über andere Dinge zu lachen. Jener Spiegel, auf dem das frische Foto von Augsteins Verhaftung prangte, steht mir noch heute vor Augen, und nie vergesse ich, wie mich die im Heft abgedruckte Rede des Verlagsleiters an die Mitarbeiter elektrisierte. Wir reagieren, indem wir die Auflage verdoppeln, schrieb er. Und: Die geheimen Dokumente, die Strauß bei uns suchen lässt, die haben wir natürlich nicht hier versteckt, sondern in Malente-Gremsmühlen.

Nach der „Spiegel“-Affäre

Die Union regierte noch, aber wenn in der Öffentlichkeit über eine Herrschaft gelacht wird, ist das der Anfang von deren Ende. Ebenfalls schon 1962 war die Satirezeitschrift Pardon gegründet worden, die ich nun Monat für Monat verschlang. Den Unionsparteien trat sie nicht nur politisch, sondern auch kulturell entgegen. Ständig hatten die Konservativen nun Anlass, gegen den „pornografischen Charakter“ der Zeitschrift juristisch vorzugehen, konnten aber schlecht etwas ausrichten – wenn zum Beispiel ein 100 Jahre altes Gemälde mit lauter nackten Frauen, „Das türkische Bad“ von Jean-Auguste-Dominique Ingres, auf dem Cover zu sehen war.

Die Zeitschrift hatte von Anfang an viele Leser, obwohl sie nicht nur urkomisch, sondern auch sehr anspruchsvoll war. Die führenden Köpfe der „Gruppe 47“ arbeiteten mit und beschäftigten ihrerseits die Satiriker, sodass zum Beispiel in einem Comic bierernst erzählt wurde, wie der Schriftsteller Uwe Johnson seine Kollegen um Rat fragte, ob er „Eckkneipe“ oder „an der Ecke gelegene Kneipe“ schreiben sollte.

In dieser Zeit entstand ein politisch-kultureller Großverbund, der schon Jahre bevor Willy Brandt 1969 Kanzler wurde, in der Republik die Hegemonie errang und den Kanzlerwechsel vorbereitete. Auch Kabaretts wie die „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ wirkten mit. 1963 wurde die berühmte Edition Suhrkamp gegründet. Hier erschienen jene Bücher, an denen wir späteren 68er uns zu Weltbürgern ausbildeten.

Noch aber bestand die CDU-Republik weiter. Die Unionsparteien suchten etwa einen Skandal daraus zu machen, dass in diesem Jahr Ingmar Bergmans Film Das Schweigen gezeigt wurde. In einer Szene kam ein Geschlechtsakt vor! Man sah, wie im Dämmerlicht einer entfernten Kinositzreihe eine Frau auf einem Mann saß, beide bekleidet. Der Film handelt von der Verzweiflung zweier Schwestern, doch das kümmerte die Sittenrichter nicht. Immer noch hingen ja an den katholischen Kirchen die Rezensionen aus, in denen Filme mit Marylin Monroe „nur reifen Ehepaaren“ empfohlen wurden.

1963 stand ich auch vor dem Schöneberger Rathaus und jubelte mit, als Präsident John F. Kennedy uns sagte, Berlin, er meinte Westberlin, sei die Stadt der Freiheit, und also sei er ein Berliner. Zwar wurde gewitzelt, er müsse dann wohl mit Marmelade gefüllt sein wie die Brötchen, die man „Berliner“ nannte. Aber dass er es war, der den Vietnamkrieg anfing, war noch nicht ins Bewusstsein getreten. Man wusste nur, er war das Vorbild von Willy Brandt.

Als Kennedy wenige Monate später ermordet wurde, saß ich mit Vater, Mutter und Geschwistern in einem Restaurant, was in unserer Arbeiterfamilie ein ganz ausnahmsweises und höchst feierliches Ereignis war. Da platzte die Nachricht herein, der Kellner hatte sie weitergegeben. In nicht einmal drei Minuten war das Restaurant leer, wir waren fassungslos nach Hause geflüchtet und alle anderen auch. Ich hatte ein kleines eigenes Zimmer, auf dessen Wand ich das schwarz umrandete Kennedy-Foto pinnte, das der Spiegel auf dem Cover zeigte.

Zwei Jahre später schrieb ich in der Abiturprüfung über Kennedys Ausspruch „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, sondern fragt, was ihr für euer Land tun könnt“. Inzwischen wusste ich vom Vietnamkrieg. Ich konnte mich nicht bremsen, in einer überlangen Einleitung ausführlich zu erörtern, ob nicht der entscheidende Vorteil der westlichen Demokratie über die östliche Tyrannei in der Abwesenheit von Nötigung und Gewalt liege. Wie vertrug sich das mit der Politik der USA? Thema verfehlt, sagten die Lehrer. Noch ein Jahr später schrien die Studenten auf der Straße: „USA-SA-SS!“ Und da war ich auch dabei.

Erschienen vor zweieinhalb Wochen in der Printzeitung unter dem Titel "Mein 1963"

15:18 17.06.2013
Geschrieben von
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 25

Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar