Michael Jäger
Ausgabe 0817 | 08.03.2017 | 06:00 2

Von Wirtschaft, Wachstum und der Lebensfülle

Die Buchmacher Der Geograph Wolfgang Höschele will eine ökonomische Transformation, durch die alle gut leben und die Grundlagen auf dem Planeten gewahrt werden können

Weil unsere Wirtschaft das Glück nicht befördert, will Wolfgang Höschele sie „neu denken“, so der Titel seines Buches, das Anfang März erscheinen wird. Schon als bis 2014 in den USA lehrender Geografieprofessor hatte er sich Fragen der ökonomischen Transformation gewidmet, jetzt will er mit seinem Buch Antworten auf die Frage liefern, „wie alle Menschen gut leben“ und „die Grundlagen alles Lebens auf diesem Planeten gewahrt werden“ können.

Nach der „kritischen Systemanalyse“ in der ersten Buchhälfte werden in der zweiten bessere „Rückkopplungen“ zwischen den Elementen des Wirtschaftssystems vorgeschlagen. Der systemtheoretische Zugang hat große Detailfreudigkeit, aber auch eine gewisse Unübersichtlichkeit zur Folge. Es gibt viele gut erkannte Teilprobleme und Teillösungen; die Darstellung ist sehr konkret, trotzdem soll hier vor allem der Ansatz diskutiert werden.

Gleich zu Beginn verwahrt sich Höschele gegen „monokausale“ Erklärungen. Stattdessen listet er fünf „Systemfehler“ auf: eine Verkehrung von Mittel und Zweck des Wirtschaftens, die exklusive Bindung des ökonomischen Werts an die Knappheit von Gütern, den Wachstumszwang, „problematische Auswirkungen auf menschliche Eigenschaften“ und die Polarisierung der Vermögen und Einkommen. Die Felder werden prägnant dargestellt, doch zieht sich ein Hauptproblem durch: der Wachstumszwang. Man fragt sich, ob Höschele nicht doch besser daran getan hätte, alles andere daraus abzuleiten.

Die Systemfehler erscheinen als eigenständige Problemursachen, etwa die „Umkehrung von Mittel und Zweck“: die Wirtschaft werde zum Selbstweck, obwohl in Wahrheit das menschliche Glück dieser Zweck sei. So werde denn „alles daran gesetzt, Geldwerte zu vermehren“. Das ist unbestreitbar, aber Höschele verallgemeinert: „Der Wachstumszwang ergibt sich auch durch die Umkehrung von Mittel und Zweck unserer Wirtschaft.“ Könnte es aber nicht umgekehrt sein? Ergibt sich die Umkehrung von Mittel und Zweck nicht aus dem Wachstumszwang? Das Problem ist, dass Höschele kein Kriterium hat, es zu entscheiden. „Mangelndes Bewusstsein über die eigentlichen Zwecke des Wirtschaftens“ erscheint schließlich als Grundproblem – wir irren uns, und einen Irrtum müsste man berichtigen können.

Unmöglich ist es auch, Systemelemente zu verwerfen. Kein Akteur oder Bereich darf ausgegrenzt, nur ihre Beziehungen sollen verändert werden. Die Frage, wie der Wachstumszwang aus dem System herausoperiert werden könnte, wird also nicht gestellt. Wenn es dann in der zweiten Buchhälfte um bessere „Rückkopplungen für eine Wirtschaft der Lebensfülle“ geht, sind die Vorschläge entsprechend vorsichtig. Zum Beispiel applaudiert Wolfgang Höschele einem Manager, der sich dafür einsetzt, den „Gewinn nicht mehr als Hauptziel der Unternehmung, sondern nur noch als Indikator für die Qualität des Wirtschaftens“ anzusehen.

Vieles lohnt aber die Diskussion, so wenn er vorschlägt, Zinshöchstgrenzen festzulegen, „bezogen nicht nur auf den jährlichen Zins, sondern auch auf den kumulativen Zins seit Vergabe eines Kredites“, um „quasi unendliche Zinszahlungen“ auszuschließen.

Es ist alles in allem ein erfreuliches Buch. Erstens weil es zeigt, wie sich die öffentliche Kritik am Wirtschaftssystem immer mehr auf den Wachstumszwang fokussiert, und zweitens gerade deshalb, weil für einen Umbau der Wirtschaft in der Tat auch Unternehmer gewonnen werden müssen.

Info

Wirtschaft neu denken: Grundlegung für eine Wirtschaft der Lebensfülle Wolfgang Höschele Oekom 2017, 256 Seiten, 29,95 €, erscheint am 2. März

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 08/17.

Kommentare (2)

Joachim Petrick 08.03.2017 | 16:11

"....., „problematische Auswirkungen auf menschliche Eigenschaften“ und die Polarisierung der Vermögen und Einkommen"

Gilt die Polarisierung der Vermögen und Einkommen ökonomisch vielleicht gar im wahrsten Sinne des Wortes grenzüberschreitend als Treiber für problemgeladen menschliche Eigenschaften charakterlicher Grundmuster der Art von organisiert Criminal Activities?

Geht es folglich gar nicht um die Frage der Polarisierung sondern der nationalökonomischen Erfindung der Begriffe bzw der Unterscheidung von Vermögen und Einkommen?

Passt dazu nicht das Märchen vom "Hasen und Igel"?

Wobei dem Vermögen die Rolle des Igel-Paares, dem Einkommen die Rolle des Hasens beim Wettlauf zwischen Hase und Igel zugeordnet werden könnte. Für das in sich ruhende Igel- Päärchen hat die Raserei des Hasens den Gewinn, dass der seine Chance unentwegt wahrinmmt, die er nicht hat, während sich von unsichtbarer Hand das Igel-Vermögen mit dem Ansteigen der Einkommenswetten und Erwartungen auf und an den Hasen, ungleich höher und nachhaltiger vermehrt?

Dieser Zusammenhang würde wenn auch nur illusionär, unterfüttern, warum Managergehälter 100fach höher als Angestelltengehälter in Unternehmen abgebildet kommuniziert, Boni gepriesen, außerordentliche Altersverdorgungen für Manager, MdBs gesichert gehören, um zu suggerieren, auch die Vermögensfernen können es auf Lebensfrist im günstigen schnellen Fall als Vermögensersatz der Superreichen, der Clans im Land zu erstaunlich hochgestapeltten Einkommenssäulen bringen

Verhält es sich bei der Unterscheidung von Vermögen und Einkommen in ihrer verheerenden Wirkung nicht ähnlich wie mit dem Goldpreis, der muss besser über 1.200 $/Unze spekulativ hochgetrimmt liegen als darunter, damit das systemimmanent teure Bohren gigantischer Löcher im Erdmantel in Afrika, Nord- , Mittel- und Südamerika, im Amazonasgebiet, Kolumbien, Peru, Brasilien, zu Lasten von Flora, Fauna, Gesundheit von Mensch und Tier, Wasser, Luft auf der Suche nach nutzlosem Gold sich virtuell rechnet und für kurze Zeit mit Gewinn refinanzieren lässt?

Wolfgang Höschele 28.03.2017 | 12:37

Es freut mich, dass mein Buch im „Freitag“ rezensiert worden ist – allerdings möchte ich manches in ein etwas anderes Licht stellen. Deshalb meine Replik!

Erstens sollte ich erwähnen, dass mein ursprünglicher Titel, „Wirtschaft neu denken“ vom Verlag verändert worden ist. Das Buch heißt jetzt „Wirtschaft neu erfinden.“ Mehr über das Buch ist auf der Webseite des Verlags (https://www.oekom.de/nc/buecher/gesamtprogramm/buch/wirtschaft-neu-erfinden.html) und auf meiner neu-erstellten Webseite (http://whoeschele.de/de/wirtschaft-neu-erfinden/) zu finden.

Zweitens über monokausale Erklärungen: Wer will, kann „alles“ auf den Wachstumszwang zurückführen. Ebenso aber auch auf die Verkehrung von Mittel und Zweck, oder die soziale Polarisierung, oder die Tatsache, das nur knappe Güter einen wirtschaftlichen Wert haben. Es hängt eben alles mit allem zusammen, in Wechselwirkungen. Wenn wir in so einem Geflecht sich gegenseitig verstärkender Beziehungen an nur einer Stelle mit Veränderungen ansetzen, kommen wir nicht weit. Wir müssen stattdessen an vielen Stellen gleichzeitig ansetzen. „Wir“ bedeutet hier die vielen Menschen, die an grundsätzlicher Änderung interessiert sind. Gerade weil so viel zu tun ist, kann kein einzelner Mensch und auch keine einzelne Gruppe alles anpacken, und wir sind aufeinander angewiesen, um wirkliche Änderung zu erreichen! Einfacher geht es nicht.

Drittens über kleine oder große Veränderungsvorschläge: Mein Vorschlag zu Zinsbegrenzung ist zugegebenermaßen recht bescheiden, wenn auch mit potenziell großer Tragweite. Er befindet sich allerdings in einem Kapitel, in dem ich vorschlage, das Finanzwesen als öffentliche Infrastruktur umzugestalten, in Analogie an einen Verkehrsverbund. Privatbanken in der heutigen Form würde es dann nicht mehr geben. Jedoch könnte es noch immer Banken geben, die sich „Commerzbank“ oder „Dresdner Bank“ nennen, die allerdings ganz anders verfasst wären, als die jetzt existierenden Banken unter diesen Namen. Sie bestünden großenteils noch aus den gleichen Elementen (Menschen, Banktransaktionen, Gebäuden usw.), wären aber ein „whole other animal“ - ein ganz anderes Wesen, so ähnlich, wie ein Nilpferd und ein Pferd zwar im Wesentlichen das gleiche Knochengerüst haben, doch durchaus unverwechselbar sind! Eine kleine Systemänderung wäre das nicht – und eine, die eventuell machbar wäre, ohne die Gegnerschaft der gesamten Finanzwelt zu provozieren!

Welche Systemänderung gegen den Widerstand der gesamten Finanzwelt durchsetzbar wäre, kann ich in einem Wort sagen: Keine. Und mir ist daran gelegen, Veränderung zu erreichen, und nicht, ergebnislos zu debattieren.