Warten auf Hegemonie

Afghanistan Wie kann die Staatsbildung am Hindukusch aussehen? Für einen dritten Weg zwischen Talibanherrschaft und Anpassung ans Empire – Eine Antwort auf Ekkehard Krippendorf

Wie kann es in Afghanistan weitergehen? Gebetsmühlenartig wird behauptet, dass es zur westlichen Militärpräsenz gar keine Alternative gebe. Das Problem ist aber eher, dass die Alternative, die auf der Hand liegt, noch nicht an den wahren Problemen rühren würde. Um diese geht es in dem Artikel „Das böse Erbe der Staatlichkeit“ von Ekkehard Krippendorf (Der Freitag 49/2009), zu dem hier eine Gegenposition markiert werden soll.

Beginnen wir mit der Alternative, die auf der Hand liegt, damit sie uns nicht beim Nachdenken stört: Heute ist es so, dass der Westen die Taliban angreift und sie als Partisanen unbesiegbar sind, weil ihnen die Beschaffenheit der Landesnatur entgegenkommt und ihnen vom internationalen Islamismus Hilfsmittel zufließen. Diese Partisanen vertreten aber gar nicht den Mehrheitswillen der afghanischen Gesellschaft. Nehmen wir einmal an, das westliche Militär hätte das Land verlassen und es gebe in ihm eine demokratisch gewählte Staatsführung. Dann müssten die Taliban diesen Staat angreifen, ohne die Unterstützung der gesellschaftlichen Mehrheit zu haben. Um anzugreifen, müssten sie von der Partisanentaktik zur offenen Gefechtstaktik übergehen, dann aber bekäme die afghanische Regierung militärische UN-Hilfe, und dann müssten die Taliban wieder dasselbe tun, was sie schon zu Beginn des gegenwärtigen Krieges getan haben, nämlich aufgeben und sich in den Bergen verkriechen.

Das wahre Problem beginnt hier erst. So, wie die Dinge liegen, kann man sich nur entweder einen Taliban-Staat oder einen völlig instabilen Staat vorstellen. Jede andere Erwartung scheint unrealistisch. Die Frage ist also, ließe sich irgendein Weg, der zum stabilen Staat führte, vielleicht doch denken – oder liegt die Lösung darin, auf Staatsbildung überhaupt zu verzichten, um den Tribalismus der afghanischen Gesellschaft zu befreien? Für Letzteres spricht sich Krippendorf aus.

Das Beispiel Indien

In seiner Perspektive ist der Versuch, tribalistischen Gesellschaften einen Staat überstülpen zu wollen, weiter nichts als gewalttätige westliche Projektion, die überall scheitere, auch wenn sie in Indien ausnahmsweise funktioniert habe. Europäischer „Staat und Militär sind Zwillingsinstitutionen“; der Zusammenhalt der afghanischen Stämme liege im Verhandeln, und das begriffen die Europäer nicht, sondern hielten Interessenausgleich für Korruption.

Ich kann dieser Sicht nicht folgen. Indien ist ein gutes Beispiel: Die ganze indische Geschichte ist eine Kette von Versuchen, den Subkontinent unter wenigen oder einer einzigen Herrschaft zu einen; sehr spät kamen die Briten dazu, und man hat viel eher den Eindruck, dass das Zwischenspiel ihrer Herrschaft es Indien endlich ermöglichte, die Einung zu vollziehen – soweit das überhaupt möglich war –, als dass der indische Staat ein entfremdetes Exportprodukt wäre.

Im Grunde kann alles, was hier zu sagen ist, an Indien aufgerollt werden. Es gibt ganz abgesehen von Herrschaftsgelüsten sehr rationale Gründe, von denen Staatsbildung historisch frühzeitig nahe gelegt wurde, so die Organisation der Arbeit, wenn fruchtbares Schwemmland zu regulieren ist, oder den Schutz vor ständigen Nomadeneinfällen. Beides spielte in Indien eine Rolle. Ist indessen ein Staat, der sich zu schützen versucht, der also auch angreifen kann, einmal da, werden sich benachbarte Regionen ihrerseits staatlich organisieren müssen. Das ist sogar der wesentliche Effekt, denn der Schutz vor Nomaden gelingt gar nicht, bevor die Feuerwaffen erfunden sind. Die indischen Staaten waren aber nicht bloß Militärgebilde, sondern in ihnen wurde auch „hegemonial“ geherrscht, um mit Antonio Gramsci zu sprechen. Die Nomaden, die dort die Moghulherrschaft installierten, waren bereits als Muslime eingedrungen, und ihre Herrschaft hing auch von dem Grad ab, in dem es gelang, die Einwohnerschaft zu islamisieren. Entsprechend waren die Bewohner anderer indischer Staaten staatsloyal, weil es den Hinduismus vor islamischen Eindringlingen zu schützen galt.

Nicht hinter den Staat zurück!

Man kann das alles verallgemeinern und aufs heutige Afghanistan beziehen: Erstens, wenn die Nachbarn einen Staat haben, braucht man auch selbst einen. Hinter diese Situation historisch zurückflüchten zu wollen, ist keine Option. Man muss vielmehr über sie hinausstreben, dahin, dass die Staaten sich ihrerseits vereinen, statt sich zu bekriegen. Der Westen zwingt Afghanistan einen Staat auf? Selbst wenn er das nicht täte: Der bloße Umstand, dass der Westen selber staatlich verfasst ist, würde Afghanistan zwingen, sich zum Schutz gegen den Westen ebenfalls staatlich zu verfassen. Zweitens, ein Staat kann nur stabil sein, wenn er nicht nur militärisch, sondern auch hegemonial geeint ist. Das Problem in Afghanistan besteht keineswegs darin, dass es besser gar keine militärisch fundierte Staatsgewalt geben sollte, sondern vielmehr in der Tatsache, dass man nicht sieht, wie diese Re­gion zur hegemonialen Einung soll finden können. Denn die Afghanen wollen weder radikalislamistisch regiert werden, noch kann ihnen der westliche Demokratieformalismus unter die Haut dringen.

Letzteres ist der Wahrheitskern in Krippendorfs Ausführungen. Teils spricht er zwar vom Staat an sich und meint, ihm „die Selbstorganisation von Stammesgesellschaften“ als Alternative gegenüberstellen zu können. Teils ist es aber auch der Staat „mit Parteien und Wahlen“ oder überhaupt der europäische Staatstyp seit dem Westfälischen Frieden, von dem er meint, er lasse sich auf solche Gesellschaften nicht umstandslos übertragen. Und da mag er recht haben. Hegemoniale Einung kann dort ebenso wenig von „den Menschenrechten“ erwartet werden. Die können nur in der Weltgegend, wo der öffentliche Diskurs jahrhundertelang auf sie hinausgelaufen war und sich dann in ihnen nur zusammenfasste, zur Einung beitragen. In Afghanistan wirken sie fürs Interesse der Frauen, das ist sehr gut. Aber kein Beleg dafür, dass sie hegemonial herrschen. Vielmehr bedürfen sie ihrerseits der Stützung durch Staatsgewalt. Ein hegemonial einendes Band aus ihnen zu machen, bleibt Zukunftsmusik.

Drittens, wenn der Westen sich zurückzöge, es gar keinen Staat gäbe und man sich auch die Taliban wegdenkt, würde der Tribalismus sich mindestens ebenso sehr in Stammesfehden wie in Verhandlungen und Interessenausgleich äußern. Dafür, dass er sich in Verhandlungen äußert, ist ein funktionierender Staat samt militärischer Staatsmacht gerade die Voraussetzung. Selbst wenn ein Staat wirklich nur Militärdiktatur wäre und gar nichts hätte, was ihn auch hegemonial eint, hätte er immer noch diesen Nutzen, den man „Landfrieden“ nennt, dass nämlich die Menschen vom Recht des Stärkeren mehr oder weniger verschont blieben und sich allein dem Recht des Stärksten (des Staates) beugen müssten. Fragen wir vor diesem Hintergrund, warum Staatlichkeit in manchen Weltgegenden so schwer fällt, sollen wir dann antworten, sie sei da als schlimme Last erkannt – in Somalia zum Beispiel – und es gehe um die Chance, ihr ein für alle Mal die Rückkehr unmöglich zu machen?

Rückfall in den Tribalismus

Es geht doch gar nicht um Staatlichkeit an und für sich, sondern darum, was speziell im letzten Jahrhundert mit Dritte-Welt-Gegenden geschehen ist. An die Zeit, in der sich viele Dritte-Welt-Staaten mit sozialistischer Staatsdoktrin gegen die westliche Welt behaupteten, so auch allererst ihre Entkolonialisierung erzwangen, werden wir uns wohl noch erinnern. Das war eine Form hegemonialer Herrschaft gewesen, aber sie war nach dem Zusammenbruch des Ostblocks nicht mehr möglich. An dieser Frage geht Krippendorfs Argumentation vollkommen vorbei. Er führt Jugoslawien und Jemen als Beispiele für Gesellschaften an, in denen Staatlichkeit von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Aber Jugoslawien hat in seiner Blütezeit sehr gut funktioniert. Sozialistische Hegemonie spielte auch in der Entkolonialisierung Jemens eine Rolle. Jemen war 1990 endlich so weit, sich als Staat vereinigen zu können, gerade in diesem Jahr der historischen Umkehr.

Von da an ging’s bergab. Es gibt seitdem etliche Gegenden, in denen Hegemonie gebraucht würde, aber nicht zur Verfügung steht. Das führt zur Zersetzung dieser Gesellschaften und manchmal auch ihrer Staaten. Wenn man solchen Weltgegenden etwas wünschen will, dann kann es nicht der Rückfall in Tribalismus sein, denn dass sie den erleiden, das ist gerade die Katastrophe, und es ist eine Katastrophe jüngeren Datums. Man muss vielmehr fragen, welche hegemonialen Ressourcen in ihnen selbst sie befähigen könnten, sich gegen den zweideutigen Zugriff des Westens zu wappnen. Der Zugriff des Westens ist zweideutig, weil er nicht nur auf die Durchsetzung von Menschenrechten, sondern auch auf ökonomische Unterwerfung zielt. Diesen Gegenden bleibt daher gar nichts anderes übrig, als sich mit Staatsmitteln auch „antiwestlich“ auszurüsten. Und das kann nur heißen: mit eigenen hegemonialen Ressourcen. Denn es ist klar, dass sie militärisch die Schwächeren sind.

Konkret für Afghanistan heißt das, es müsste einen aufgeklärten Islam geben, der sich dem menschenrechtlichen Fortschritt öffnet und zugleich unter Muslimen hegemoniefähig ist. Dazu gibt es ja Ansätze. Wer sich aber dafür vom Westen aus engagieren wollte, müsste auch selber „antiwestlich“ auftreten: gegen die neoimperialistischen Methoden, die der Westen aufbietet. Wenn überhaupt, kann Afghanistan nur auf diesem Weg, der heute so wenig gangbar scheint, zu einer stabilen Gesellschaft werden: mit einem aufgeklärten Islam und mit der Unterstützung westlicher Antiimperialisten. Staatsauflösung würde alles noch erheblich verschlimmern. Dass die Bomben des westlichen Empire nicht „helfen“, ist ohnehin klar. Sie machen die Lage nur noch auswegloser, treiben die Bevölkerung tiefer in die falsche Wahl zwischen Talibanherrschaft und unselbständiger Anpassung ans Empire hinein.

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10:00 09.02.2010

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