Wider das Wolkenkuckucksheim

Nachruf Der Politikwissenschaftler Wolf-Dieter Narr ist gestorben. Er lehrte die subversive Kraft von unten eingeklagter Menschenrechte – ganz konkret
Wider das Wolkenkuckucksheim
Wolf-Dieter Narr hat sehr konkret gedacht und gewirkt

Foto: imago images/Christian Ditsch

Wolf-Dieter Narr, der am Wochenende im Alter von 82 Jahren starb, war einer der großen linken Intellektuellen schon der westdeutschen Bundesrepublik. Obwohl er bis vor wenigen Jahren, als seine schwere Krankheit begann, unermüdlich publizierte, ist er auch dafür ein Beispiel, was nach 1990 in diesem Land verlorengegangen ist, als das vorher große Netz linker Theorien und Theoretiker zerbrach, in die PDS oder später die Linkspartei nicht hinübergerettet werden konnte und auch sonst keine politische Heimstatt fand. Dabei hatten Intellektuelle wie er schon sehr lange vor 1990 erkannt, dass Emanzipation à la DDR eine Sackgasse war.

Ja, das war schon klar, als er im 1969 gegründeten „Sozialistischen Büro“ mitarbeitete, wie neben ihm Oskar Negt, Elmar Altvater und andere, die ebenso heimatlos wurden. Dass er in Menschen wie Johannes Agnoli ein Vorbild fand, war bezeichnend: „Kommunist und Anarchist in einer Person“ als „die rare, aber aller Emanzipation notwendige Kombination“ ist sein 2003 in der graswurzel revolution erschienener Nachruf für den Politikwissenschaftler überschrieben. Hier führt er aus, wie sowohl der Marxismus als auch der Anarchismus an der Gewaltfrage scheiterten. Die Anarchisten an der nutzlosen direkten Gewalt bei direkten Aktionen, die schon wegen der Unfähigkeit, längerfristige Strukturen, gar Institutionen aufzubauen, der erhofften revolutionären Perspektive ermangelten. Die Marxisten aber, weil sie auf die Staatsgewalt schworen, trotz oder gerade wegen ihrer Perspektive, der Staat sei zum „Absterben“ bestimmt. Denn das sollte später geschehen, zunächst wurde er besetzt und übernommen und als revolutionärer Hebel betrachtet. Dabei wurde übersehen, dass er schon sofort in seiner „Form“ radikal hätte verändert werden müssen. Narr beruft sich auf die Kritik Rosa Luxemburgs an der Staatsgewalt der Bolschewiken, die den Arbeitermassen Demokratie faktisch nicht zugestand, indem sie die bürgerlichen Freiheitsrechte nicht etwa ausweitete, sondern einkassierte.

Von daher begreifen wir, dass Menschenrechte sein großes Thema waren, das er in unzähligen Veröffentlichungen bearbeitete. Wer glaubt, dass die großen Menschenrechts-Deklarationen nur „bürgerlich“ seien, weil sie zuerst in bürgerlichen Revolutionen und Institutionen formuliert wurden, weiß nicht, wovon er oder sie spricht. „Wer Menschenrechte zum eigenen politischen Konzept macht“, schreibt Narr 1986 in einem Aufsatz zusammen mit Roland Roth und Klaus Vack, „ist nicht gezwungen, ein luftiges Wolkenkuckucksheim in die Zukunft zusammenzuphantasieren. Denn ebenso wie die Geschichte der Menschenrechte und substantieller Demokratie voll von eng gesetzten Meilensteinen der Niederlagen ist, ebenso belegt die Geschichte die dauernde Aufständigkeit und subversive Kraft der von unten eingeklagten Menschenrechte. Viele Quellen einer solchen ‚ewigen‘ Menschenrechtspraxis können als Beleg ihrer humanen Geltung in Erinnerung gerufen werden. Die Geschichte der Emanzipationsbewegungen zum Beispiel, die fort und fort die Herrschaftskruste durchbrochen und sich auf Freiheit und Gleichheit in jeweils zeitgemäßen Formulierungen berufen haben — von Spartakus bis Solidarnosc.“ Und mag auch die „Herrschaftsgeschichte“ alles auf den Kopf stellen, was zur Emanzipation führen könnte oder hätte führen können, zeigt doch sie selbst am besten, „dass die Menschenrechte leben, dass sie schon hefeartig in den Menschen wirksam waren, lange bevor ihr Begriff modern gefunden und formuliert worden ist“.

„Die Geschichte der Krankheiten, der Ausfallerscheinungen der Menschen gesellt sich hinzu. Diese Geschichte lässt die Mängel entdecken, die Menschen hinfällig machte, schwach, unselbständig und a-sozial.“ Krankheiten, Ausfallerscheinungen – Narr hat sehr konkret gedacht und gewirkt. So publizierte er immer wieder zur legitimierten Gewalt in der Psychiatrie oder zur Unmenschlichkeit lebenslänglicher Strafhaft. Er hat auch Menschen im Gefängnis direkt betreut.

Wolf-Dieter Narr lehrte von 1971 bis 2002 als Professor für empirische Theorie der Politik am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. 1985 verzichtete er zusammen mit Peter Grottian auf ein Drittel seiner Professur, um damit eine Professur für Frauenforschung zu ermöglichen. 1978 war er an der Gründung des Instituts für Bürgerrechte & öffentliche Sicherheit, 1980 des Komitees für Grundrechte und Demokratie beteiligt. Bei wichtigen Demonstrationen fehlte er nicht, so in den 1970er Jahren in Wackersdorf und Brokdorf beim Antiatomprotest oder 2007 in Heiligendamm bei den Protesten gegen das G8-Treffen. „Die Politiker tun nur das, was ohnehin geschieht, etwa dem Weltmarkt den Weg zu bereiten“, sagt er 2001 in einem Interview mit dem Freitag. „Wo sie politisch sein sollten, das hieße mit den Bürgern zu kommunizieren, zu entscheiden, aber auch die Kosten offen zu legen, da verbergen sie sich hinter der Polizei.“ Er wird uns fehlen.

16:05 15.10.2019
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