Wie soll die RAF im Gedächtnis bleiben?

Debatte Der Abriss des Gefängnishochhauses in Stuttgart provoziert die Frage, welche Erinnerungskultur der Deutsche Herbst braucht

Wie schon Anfang des Jahres bekannt wurde, soll jener gewaltige Gefängnisbau in Stuttgart-Stammheim abgerissen werden, in dessen siebentem Stock die RAF-Häftlinge Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe einsaßen und starben. Als Abriss- und Neubaudatum wurde zunächst 2015 genannt, nach einem Beschluss der letzten Woche soll es nun schon im nächsten Jahr geschehen. Eigenartigerweise lässt dieser Abriss die Menschen nicht kalt. So motivierte er den Fotografen Andreas Magdanz zu einer Bilderserie zu Stammheim, die momentan im Stuttgarter Kunstmuseum zu sehen ist.

Ist der Abriss nicht gut begründet? Was will man dagegen sagen, dass die Gefängniszellen der Jugendvollzugsanstalt, mit Klo im Wohnzimmer, nicht mehr zeitgemäß seien? Indessen verschwindet ein Ort, an den sich historische Erinnerung knüpft, und so gab es in Stuttgart Debatten, ob und wie man sie aufbewahren kann, vielleicht in Form einer Gedenkstätte für RAF-Opfer.

Wir haben es offenbar mit einem schwierigen Fall von „Erinnerungskultur“ zu tun. Wessen soll denn gedacht werden? Der Opfer, ja. Unbedingt. Doch es gibt Ambivalenzen. Bis heute konnte der Verdacht nicht ausgeräumt werden, dass den Gefangenen auch selbst Unrecht geschah, im Zuge einer vertuschten staatlichen Hinrichtung, die das Grundgesetz nicht vorsieht. Außerdem ist es keiner veröffentlichten Meinung je gelungen, die „Baader-Meinhof-Gruppe“ zur bloßen kriminellen Vereinigung abzustempeln. Deren Selbstverständnis, sie seien Soldaten im weltweiten antiimperialistischen Kampf und hätten als solche die Lizenz zu töten, hat sich freilich noch weniger durchgesetzt. Es bleibt eine Unsicherheit in der historischen Einordnung. Klar ist, dass ihr Auftritt zusammen mit der staatlichen Reaktion ein bedeutendes Ereignis in der Geschichte der Bundesrepublik war.

Weniger klar ist die Wertung. Freilich, schon wenn man das sagt, bewegt man sich auf dünnem Eis. Denn man wird sich nicht fragen, ob die RAF-Morde vielleicht doch einen guten Sinn gehabt haben könnten. Den hatten sie ganz sicher nicht. Es ist aber eine Tatsache, die man nicht ignorieren kann, dass die Taten der RAF zum Objekt der Kunst geworden sind. Kunstwerke, die sich mit RAF-Opfern befassen, sind mir nicht bekannt, dafür mehrere, die der historischen Bedeutung der Täter nachspüren. Das allein zeigt, wie sich der „Deutsche Herbst“ in eine Erinnerungskultur, die ihn gar nicht ins Bild setzen will, dennoch gleichsam hineindrängt.

Künstler in Aktion

Erinnerungskultur ist weithin eine staatliche Angelegenheit. Vor 1945 hat sie sich vorwiegend um „Kriegshelden“ gedreht, danach wurde zunehmend der Opfer des Nazi-Regimes gedacht. Soweit daraus Skulpturen, Mahnmale, Museen entstanden, gründeten sie auf einer Eindeutigkeit des historischen Urteils, die es dem Staat erlaubten, das historische Urteil in Stein buchstäblich festzuklopfen. Doch es scheint Ereignisse zu geben, die auch festgehalten sein wollen, ohne dass der Staat es tun kann, weil eben die Eindeutigkeit fehlt. Da treten dann Künstler in Aktion, von denen niemand verlangt, dass sie den Konsens der Gesellschaft spiegeln sollen, die aber doch mehr sind als beliebige Meinungsträger. Ihr Anspruch ist, der ganzen Gesellschaft eine Sicht vorzutragen, und diese lässt es sich gefallen.

Die Kunst lehrt uns, dass die Erinnerung an die RAF jedenfalls nicht zum Lachen ist. Das bedeutet schon viel, denn wo das Böse Kunstgegenstand wird, pflegt es komisch zu sein. Man denke an Chaplins Hitlerfilm oder Brechts Arturo Ui. Oder an Goethes Mephisto. Die Taten der RAF waren nicht zum Lachen, vielmehr wurden sie ernst genommen von großen Künstlern. In Stein konnte man sie nicht hauen, weil sie wirklich nicht gut waren. Eine RAF-Gedenkstätte zu schaffen oder um jeden Preis stehen zu lassen, wäre absurd. Aber dass da etwas unerledigt bleibt, ist schwer zu übersehen. Kein Mahnmal und doch eine Mahnung?

Zwei Kunstwerke ragen besonders heraus. Einmal der Zyklus des international gefeierten Malers Gerhard Richter. Was zum Ausdruck gebracht wird, ist schwer zu sagen, ja mehr noch, Undeutlichkeit scheint gerade die Botschaft der Bilder zu sein und ist jedenfalls das, was sie unmittelbar zeigen. Es sind Fotos, die Richter nachmalt und mit einem Nebelschleier halb verhüllt. Der Zyklus beginnt mit Szenen der Festnahme, zeigt Baaders Bücherregal und Plattenspieler, eine nachdenkliche Gudrun Ensslin und schließlich zwei Tote, wie sie vorgefunden wurden. Nichts an den Bildern verrät, weshalb sie gemalt wurden.

Was nicht eingetreten ist

Zum andern Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, die 1997 uraufgeführte Oper von Helmut Lachenmann nach einem Märchen von Hans-Christian Andersen. Das Mädchen findet sich unbehaust im eisigen Winter, zündet auf der Straße ein Streichholz an, erfriert und kommt in den Himmel. Eingeblendet wird ein Text von Ensslin, in dem steht, es gebe nur zwei Möglichkeiten: Entweder du wirst vernichtet oder du vernichtest selber.

Diese Oper bringt wohl auf den Punkt, was auch Richter bewegt haben könnte. Man wird eine Botschaft herauslesen, mit aller Vorsicht: Die Taten der RAF scheinen anstelle von etwas geschehen zu sein, das nicht eingetreten ist, unbedingt aber hätte eintreten sollen. Denn zwar wäre, was Ensslin dachte und daher auch tat, für sich genommen der Erinnerung nicht wert. Dass Polizisten keine Menschen, sondern Schweine seien und man sie deshalb auch töten könne: Diese Menschenverachtung der RAF ist selber so nichtig, dass sie überhaupt keines Kommentars bedarf.

Aber mit dem, was Andersens Mädchen nur tun konnte, war es auch nicht getan. Zwischen ihm und Gudrun Ensslin fehlt das, was hätte geschehen sollen, aber nicht geschah. Wer fühlt nicht, dass „die Kälte“ Realität ist. Sie lässt einen wirklich erfrieren. Daran lohnt es zu erinnern. Zu denken, dass es etwas wie Imperialismus gibt, damals wie heute, und ihn zu bekämpfen, ist nicht falsch. Auch wenn wir uns kein Beispiel nehmen können, weder an den Methoden der RAF noch am kleinen Mädchen, das nur ein Streichholz entzündet, wohl als Flamme des ohnmächtigen Geistes. Qualifiziert der Geist, aus dem keine Taten folgen, wirklich schon zur Himmelfahrt?

Wie nach 1990 bekannt wurde, war die DDR ein Rückzugsgebiet der RAF. Die Rolle der DDR in der staatlichen Erinnerungskultur ist der Rolle der RAF darin vergleichbar, dass auch sie nicht als pures kriminelles Gebilde hingestellt werden konnte, was doch nicht wenige versuchten. Aber hier nimmt der Streit der Erinnerungen andere Formen an, weil es die in Stein gehauenen historischen Urteile der DDR noch gab, als die Bundesrepublik sie beerbte. Den Berliner „Palast der Republik“ riss man ab wie jenes Gefängnishochhaus in Stammheim.

Mehr zur Ausstellung Stuttgart Stammheim auf kunstmuseum-stuttgart.de

08:00 03.12.2012
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