Wo die Götter wohnen

Philosophie Auch heute noch kann Ernst Bloch die Marxisten wieder das Hoffen lehren, man muss ihn nur mit Nietzsche lesen

Vor 50 Jahren erschien in Leipzig Ernst Blochs Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung. Gibt es Gründe, daran zu erinnern? Man könnte auch anders fragen: Hoffen wir eigentlich noch auf irgendetwas? Außer darauf, dass die Wirtschaftskrise vorbeigeht, wir ihr unbeschadet entkommen und danach der Up-and-down-Zyklus von vorn beginnt? Aber wenn man so fragt, ist die nächste Frage nicht weit: Was soll es nützen, über derlei eine Philosophie befinden zu lassen? Sie ist schon gestellt worden, von Günther Anders zum Beispiel, der Blochs „Hofferei“ verachtete, oder von Theodor W. Adorno, der bündig abwehrend erklärte, dass Hoffnung kein Prinzip sei. In solchen Reaktionen wird Blochs Rang nicht erkannt. Statt seine Rolle in der Philosophiegeschichte zu erfassen, sieht man ihn als marxistischen Weihnachtsmann, der hehre Ziele in kleinen Münzen des Hoffnungsfrohsinns verschwendet. Weit gefehlt: Bloch ist einer, der den Marxschen Blick weitet, indem er sich auf Kant berufen kann und Nietzsche die Stirn bietet.

Der Bezug zu Kant liegt so sehr auf der Hand, dass man sich fragt, weshalb „Hofferei“ nicht schon dem Königsberger Philosophen vorgeworfen wurde. Denn Kant versucht bekanntlich drei Fragen zu beantworten: Was können wir wissen? Was dürfen wir hoffen? Was sollen wir tun? Die erste Frage wird mit der Kritik der reinen Vernunft, die letzte mit der Kritik der praktischen Vernunft beantwortet. Bleibt die Hoffnungsfrage, die Freiheit, Unsterblichkeit und vor allem „Gott“ zum Gegenstand hat. „Dürfen wir hoffen“, dass Gott existiert? Will sagen, wird der Weltlauf ein gutes Ende haben? Wird es ein „Reich Gottes“ geben? Dieses müssen wir durch eigene Taten herbeiführen, schärft Kant in der Kritik der praktischen Vernunft ein. Aber was motiviert uns, wenn nicht die Hoffnung, dass gute Taten nicht folgenlos bleiben? Hierum geht es in Kants ästhetischer Philosophie, der Kritik der Urteilskraft. Da soll gezeigt werden, dass in unserer Wahrnehmung des Naturschönen etwas von Gott aufscheint, vom guten Ende des Weltlaufs, wie die Hoffnung es sieht. So sind wir aber schon bei Blochs Hauptwerk.

Schön durch Kommunikation

Bloch räsoniert nicht abstrakt „prinzipiell“ über Hoffnung, sondern gibt eine Phänomenologie der Hoffnungsbilder, die von der Menschheit hervorgebracht wurden. Diese reagieren aufeinander und zuletzt auf Bilder, die von der umgebenden Natur empfangen wurden. Die umformende Rezeption von Naturbildern ist die ästhetische Seite dessen, was in der Arbeit geschieht, die Marx im Kapital als „Stoffwechsel von Mensch und Natur“ bezeichnet. In einer Frühschrift hatte er noch ästhetisch statt chemisch gesprochen: Der Mensch formiere seinen Gegenstand „auch nach den Gesetzen der Schönheit“, während das Tier bloß zum Zweck der Bedürfnisbefriedigung auf die Dinge einwirke. Mehr noch, das Tier lege beim Formieren nur das Maß der eigenen Spezies an, der Mensch aber wisse „nach dem Maß jeder species zu produzieren“, das heißt er benutze die Dinge und Arten nicht nur, sondern kommuniziere mit ihnen. Das ist eine Utopie, die an Kant erinnert. Die Verknüpfung der Themen Schönheit und Kommunikation muss einer Marxschen Lektüre der Kritik der Urteilskraft entsprungen sein.

Dort lernen wir nämlich, dass Schönheit nicht von selbst da ist wie etwas, das nur genommen, „wahrgenommen“ zu werden braucht, sondern dass sie aus der Kommunikation mit dem Fremden entspringt. Ist etwas nur fremd, erscheint es uns hässlich, es wird aber schön in dem Maß, wie es in die eigene Perspektive eingeht, die sich dafür verändern muss. Und so versteht man, weshalb Kant im Naturschönen Gott vorscheinen sieht: Es wird nicht bloß „wahrgenommen“, sondern zeigt sich als Spiegel geleisteter Taten auf dem Weg der Versöhnung von Mensch und Natur, daher des Menschen mit sich selbst.

Mit demselben utopischen Blick begabt, geht Bloch noch weiter. In einer Passage des Prinzips Hoffnung suggeriert er mit Paracelsus, dass die Natur schon ohne den Menschen eine Menge von Dingen und Lebewesen ist, die sich einander in Bildern mitteilen. Das Bild wird also nicht erst in der Wahrnehmung erzeugt, sondern ist gleichsam aktive Tat des Schmetterlings, ja des unbelebten Objekts. Was Bloch mit Paracelsus unterstreichen will: Die sich zeigende Natur kommuniziert mit uns und fordert unsere Gestaltung heraus, damit ihre Schönheit vollendet wird. So weit hat die Natur sich selbst beenden können, so tritt sie dem Menschen gegenüber: Der soll sich „naturalisieren“ lassen, ihr aber auch das Menschliche hinzufügen. Es liegt die Einsicht darin, dass die Natur, trotz ihrer viel beschworenen Unendlichkeit, sich immerzu beendet, eben zur Bildlichkeit gerinnt; aber auch der Mensch läuft auf ein Ende zu, darauf, dass seine Natürlichkeit und Humanität zur Voll-Endung gelangen. Diese Einsicht motiviert viel mehr zum ökologischen Handeln als die übliche Kabbala der „Emissionen“, „Grenzwerte“ und „Biomassen“.

Gott aus dem Nichts erfinden

Man strebt einem Ende zu, wenn man ein Ziel erreichen will. An diesem Drehpunkt wird Blochs Problematik zur nietzscheanischen. „Es ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke“, lesen wir in der Vorrede von Also sprach Zarathustra, und dann näher an Kants wie Blochs Terminologie: „Es ist an der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze.“ Darin liegt, dass Gott nicht schon da ist, wie Kant noch hoffte und glauben wollte. Kant wusste wenigstens schon, dass er es nicht wusste, aber Nietzsche zufolge war selbst die Hoffnung inzwischen verronnen, so dass ihr „Keim“, wollte man nicht im „Nihilismus“ versinken, ganz neu und ex nihilo „gepflanzt“ werden musste. Das geschieht im Zarathustra durch die Evokation des „Übermenschen“. Aber der Übermensch kann seinerseits nur hoffen, dass es möglich ist, einen neuen Gott aus dem Nichts zu erfinden, sich selbst als göttliche Nichtspflanze gewissermaßen, und wie soll das gehen? Erst einmal wird er „toll“, weil er sieht, dass „Gott tot ist“ und „wir ihn getötet haben“.

Nietzsche benennt auch das Problem, das der Gotteserfindung im Weg steht: Wir haben ein „Meer ausgetrunken“, das Meer der Unendlichkeit, so dass diese zu unserer Eigenschaft geworden ist. Der „tolle“ Mensch fragt, ob eine solche Tat nicht „zu groß für uns“ sei: „Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?“ Eine Aussicht, die allerdings in den Wahnsinn treibt. Was wird hier verhandelt? Der erste Blick fällt auf die Philosophie Ludwig Feuerbachs. Der hatte bereits erklärt, dass wir selbst Gott seien, ihn nur versehentlich „in den Himmel projiziert“ hätten: Gottes Unendlichkeit sei unsere eigene. Der zweite Blick ist irritiert. Wie konnte Feuerbachs Schritt, in dem doch, wie es scheint, die Hoffnung zum Endsieg gelangte, nach wenigen Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ins Entsetzen des „tollen Menschen“ umschlagen? Aber es ist so: Einmal „getrunken“, liegt die Unendlichkeit schwer im Magen.

Welche Erfahrung hinter der Aussage steht, wird in Nietzsches Schriften vor dem Zarathustra deutlich genug. Es ist die alltägliche Wachstums-Unendlichkeit des Kapitalismus, das sich Nietzsche im „Krämergeist“ nicht nur der Krämer, sondern mehr noch der Intellektuellen seiner Zeit mitteilt. Nietzsche nimmt Unendlichkeit als Ziellosigkeit und diese als Sinnlosigkeit wahr. Schon Marx hatte es auf seine Art formuliert: Das Kapital wälzt immerfort um; ist es zu Zielen gelangt, werden sie gleich überstiegen; das heißt eben, es gibt keine. Und schon Marx glaubte nicht etwa, es gelte nun an Zielen festzuhalten, die als „natürliche“ immer schon bestanden haben sollen.

Deshalb die „11. Feuerbachthese“, Marx‘ kategorischer Imperativ: Die Philosophie hat die Welt nur interpretiert, das heißt ihr Ziele untergeschoben und die Ziele zu explizieren vermeint, es kommt aber drauf an, sie zu verändern, eben neue, bessere Ziele zu setzen. Welche, war ihm unzweifelhaft: nicht die von Feuerbach nur nachgebetete Unendlichkeit der Theologen, sondern die klassenlose Gesellschaft, das Ende von Herrschaft und eine Wirtschaft ohne Krisen. Unendlichkeit wird ihm vielmehr zum Kennzeichen des Kapitals. Dieses, schreibt er, würde, wenn es könnte, den „unendlichen Mehrwert at once setzen“. Das ist unmöglich, deshalb ist das Kapital ersatzweise ein unendlicher Regress von Katastrophe zu Katastrophe.

Nietzsche jedoch, der in Feuerbachs Problematik gefangen bleibt, macht dennoch über Marx hinaus eine fatale Entdeckung: In einer ­­Welt des Unendlichen kann kein Ziel mehr aufscheinen, auch nicht frei gesetzt werden ­– das heißt es ist kein Sinn mehr da, die Welt ist nihilistisch geworden. Auch Nietzsches Übermensch kann sich nur das „Ziel“ setzen, die Ziellosigkeit heroisch zu ertragen. Das ist logisch, wenn Unendlichkeit das Gegenteil von Endlichkeit, Ende-sein aber Eigenschaft von Zielen ist; so lehrten es ja die alten Griechen, indem sie Ende und Ziel in dem Wort Telos gleichsetzten. Nietzsche kann zwar wie Bloch, wie Paracelsus ausrufen – in den Unzeitgemäßen Betrachtungen –, dass „die Menschen, mit denen wir leben, einem Trümmerfelde der kostbarsten bildnerischen Entwürfe gleichen, wo alles uns entgegenruft: kommt, helft, vollendet“! Aber da „wir“ selbst diese Hilfe bräuchten, kann der Ruf aus seinem Mund nicht motivierend sein, sondern nur depressiv machen.

So depressiv sind seit 1990 die Marxisten. Sie hatten es für „gesetzmäßig“ gehalten, dass die Geschichte den Marxschen Ziele entgegenkommt. Jetzt wissen auch sie, dass „Gott tot ist“. Jetzt müssten sie doch die Marxschen Ziele verbessern, da, wo sie irrig waren. Aber die Motivation fehlt! Und auch andere richten sich in der Ziellosigkeit ein. Man sieht „das Ende der Geschichte“ gekommen, das ausgerechnet ein Zustand sein soll, in dem das Kapital unendlich fortwuchert. Gründe genug, an Bloch zu erinnern. Der wusste schon vor 1990, dass Ziele nur Gegenstand der Hoffnung, nicht des Wissens sein können. Der wusste aber auch, dass der Keim der Hoffnung nicht erst gepflanzt werden muss, und schon gar nicht im Nichtsboden. Nein, es gibt eine Kette von Zielen, von Hoffnungsbildern, die immer nur frei gesetzt waren, aber eben in die Kette hinein, die nie abgerissen ist; es geht darum, sie um den nächsten Ring zu erweitern.

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16:00 25.12.2009

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