Wo liegt die Linke Mitte?

Polit-Cluster Arithmetische Mehrheiten haben keine Bedeutung, wenn es um gesellschaftliche Projekte geht

Zwei der drei Parteien, die für Rot-Rot-Grün in Frage kommen, greifen zum Begriff der „Mitte“, um ihre Strategie zu benennen. Die dritte trägt den Namen „Die Linke“ und tut sich schon deshalb schwer, es auch so zu halten. Da hört man dann Anhänger sagen, von der Mitte zu reden sei inhaltsleeres, dummes Geschwätz; sie vergessen nur, dass das Wort „links“, rein als Wort betrachtet, ebenso leer und sogar noch dümmer ist. Der Begriff der politischen Mitte stammt immerhin von Aristoteles, der bestimmt kein Dummkopf war, da mag es der Mühe wert sein, ihn einmal aus der Nähe zu betrachten.

Aristoteles argumentiert folgendermaßen: Hinter der Mitte steht das Gleiche, in dem es kein Zuviel noch Zuwenig gibt. Hier schwebt offenbar die Waage des Kaufmanns vor. Wenn die Gewichte stimmen, sind die Waagschalen im Gleichstand und steht der Zeiger in der Mitte. Dann geht es gerecht zu. Daran soll sich die Tugend orientieren: „Bei aller Empfindung von Lust und Unlust gibt es ein Zuviel und Zuwenig, und beides ist nicht gut; dagegen diese Affekte zu haben, wann man soll, und worüber und gegen wen und weswegen und wie man soll, das ist die Mitte und das Beste, und das ist die Leistung der Tugend.“ Bei der Übertragung dieser Ethik auf die Politik, die von Aristoteles schon als Medium des Klassenkampfs begriffen wird, wirkt sich aus, dass Reichsein Lust, Armsein Unlust zur Folge hat. Die politische Mitte besteht dann aus Leuten, die weder zu arm noch zu reich sind, um für den Erhalt des Gemeinwesens statt nur für die eigenen Interessen offen zu sein. Diese Leute sind ein ökonomisch definierter „Mittelstand“, der die „Extreme“ voneinander getrennt hält und sie, wie man heute sagen würde, daran hindert, einander hochzuschaukeln.

Die Schwäche der aristotelischen Überlegung ist ihre quantitative Schlagseite: Da die Mitte zwischen zwei Quantitäten steht, dem Zuviel und Zuwenig, scheint sie auch selbst nur eine Quantität zu sein, zum Beispiel ein mittelgroßer Reichtum. Der Forderung, dass dessen Vertreter die politischen Führer sein sollen, werden sich vielleicht nur die Mittelreichen selber anschließen. Übersehen wir aber nicht, dass Aristoteles die Mitte auch qualitativ bestimmt: Sie ist das, was „man soll“. Am Anfang steht die Kenntnis einer Norm. Erst wenn man ihr folgt, kommt der quantitative Aspekt hinzu, dass man gut daran tut, Übertreibung wie Nachlässigkeit zu meiden.

Eine Idee, die „sein soll“

Was der neue SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel vor ein paar Monaten zur politischen Mitte ausführte, war gut aristotelisch gedacht: Man muss eine Idee haben und im Gemeinwesen durchsetzen. Eine Idee, von der man glaubt, dass sie „sein soll“. Wenn es gelingt, ist sie zur neuen Mitte geworden.

Hier ist zunächst eine Klarstellung vonnöten. Wollte Gabriel nur nahe legen, dass „der Mittelstand gestärkt werden soll“, könnte man es vergessen. Denn die politische Mitte definiert sich heute als Mitte zwischen „links“ und „rechts“, wobei man aber nicht sagen kann, die linke Hälfte des Wahlvolks sei arm und die rechte reich. Um in Klassenkategorien zu sprechen: Sozialstatistisch gehört die überwältigende Mehrheit der Wähler den verschiedenen Fraktionen der Arbeiterklasse an, wenn man auch die an der Mehrwertproduktion beteiligten „Angestellten“ dazu zählt. Die Weigerung, im Elektorat eine politische Mitte einzurichten, läuft daher auf die Bereitschaft hinaus, an der Spaltung der Arbeiterklasse mitzuwirken.

Man muss jedoch grundsätzlicher fragen: Reicht es heute noch, gut aristotelisch zu denken? Die „Normalismus“-Theorie von Jürgen Link führt zur Verneinung der Frage. Links Ausgangspunkt ist eine Nihilismus-Diagnose. Der Ausdruck „Normalismus“ bringt in paradoxer Weise zum Ausdruck, dass die Norm gerade verloren ist; auf Nietzsches Frage „Stürzen wir nicht fortwährend?“, so Link, „antwortet der Normalismus: Das lässt sich ver-sichern – nur wenige stürzen ‚seitwärts‘, die weitaus meisten in den Glockenbauch der Gaußverteilung ...“ Dieser Glockenbauch muss so tun, als ob er die Norm wäre. Er ist im Normalismus die Mitte. Man kann sich das so vorstellen: Da niemand mehr ein Tugend- oder sonstiges Ziel kennt, das ihn aufrechterhält, wenn er auf es zustrebt, wird jeder nur ängstlich versuchen, wie die anderen zu sein. Dadurch bilden sich verschiedene Cluster von Gleichen, und das größte Cluster ist die Mitte.

Um ihm anzugehören, folgt man den Spielregeln seiner Homogenität. Dabei helfen Wettkämpfe mit Ranking: Je mehr man der Erste der Mitte ist, desto sicherer gehört man ihr wirklich an, je weniger man es ist, desto größer wird die Gefahr, in die zweite Liga absteigen zu müssen. Das Umgekehrte gilt auch: Je mehr man Mitte ist, desto größer ist die Chance, Erster zu werden. So kann der Kampf um die politische Mitte einfach bedeuten, dass eine Partei ganz prinzipienlos wurde, ganz im Nihilismus versunken ist, aber dennoch ganz oben stehen will.

Man kann es einem Sigmar Gabriel ruhig abnehmen, dass er gern eine richtige Norm propagieren würde, wenn er sie denn hätte. Erst recht kann man es der Redaktion des internationalen marxistischen Magazins turbulence abnehmen, die kürzlich für eine Besetzung der Mitte durch die radikalste Linke geworben hat.

Die Autoren gehen von der evidenten Beobachtung aus, dass die Neoliberalen in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise zwar die Hegemonie verloren haben, aber trotzdem unbeschwert weiterregieren können. Ihre Erklärung: Der Neoliberalismus hat sich schon vor der Krise nicht bloß auf seine Ideologie gestützt, sondern mehr noch auf ein bestimmtes „Training“ im praktischen Verhalten, das er den Einzelnen aufnötigte. Gleichwohl bedeutet sein Hegemonieverlust, dass er die politische Mitte räumen musste. In dieser Situation, meinen die Autoren, muss die radikale Linke über ihr rein „antagonistisches“ Verhalten, das in den Jahren richtig war, als es die Mär vom „Ende der Geschichte“ zu bekämpfen galt, hinausgehen und die Mitte selbst übernehmen.

Ziemlich verzweifelt

Aber nun gibt es ein Problem: Diese Linke hat gar kein politisches Projekt! Die Kehrseite davon ist, dass sie auch gar nicht geeint ist. Infolgedessen läuft der Impuls der Autoren auf ein Postulat hinaus: Die Linken müssten „ein neues Gemeinsames“ entdecken, das „in dem Sinne autonom ist, dass es in der Lage ist, eigene Fragen zu eigenen Bedingungen zu stellen“.

Offenbar gibt es dieses Gemeinsame noch nicht. Die Situation muss sogar ziemlich verzweifelt sein, wenn wir suchen sollen, welche „Antworten“ entstehen, wo sie „miteinander kommunizieren und wo die „Punkte“ sind, „an denen sie sich überschneiden und gegenseitig verstärken“. Darin liegt eben, der Nihilismus hat tatsächlich auch die Linke ergriffen. Aber es liegt auch darin, dass Linke sich dem Nihilismus zu entwinden versuchen – genau dadurch, dass sie nach der politischen Mitte greifen.

Der im Text angesprochene Beitrag aus turbulence, Life in Limbo, findet sich in deutscher Übersetzung auf der Website der Zeitschrift Analyse Kritik: akweb.de

12:15 04.02.2010
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