Zeitgenössische Abenteuer

Billigflieger Worauf verzichtet man, wenn man sich für die preiswerteren Fluglinien entscheidet? Das Beispiel Easyjet zeigt: Es geht um mehr als nur um die Bordmahlzeit

Dass der ökologische Schaden vermehrt wird, wenn immer mehr Menschen Billigflüge nutzen und diese zu einem Hauptfaktor des ganzen Verkehrssystems avancieren, ist ohnehin klar. Aber wenn man glaubt, die Kehrseite sei einfach die gesteigerte Bewegungsfreiheit dieser Menschen, stellt es sich als Illusion heraus. Man muss sich die Freiheit schon etwas genauer ansehen. Ist das wie bei Adam und Eva, die zwar sündigten und für die Sünde bestraft wurden, als sie vom verbotenen Baum die Frucht pflückten, aber doch immerhin durch deren Genuss entschädigt wurden?

In der zu Ende gehenden Feriensaison hat man viel von dem Chaos gehört, das der Billigfluganbieter Easyjet anrichtet. Nicht selten werden Flüge annulliert; in Deutschland haben Parlamentarier der Grünen, die offenbar auch gern billig fliegen, zwischen Mai und Juli 25 ausgefallene Verbindungen gezählt. Wird ein Rückflug nach Deutschland gestrichen, kann das Reisende vor Probleme stellen. Diese Erfahrung öffnet die Augen dafür, worauf man um des billigen Preises willen verzichtet. Das ist nicht nur die Bordmahlzeit, die bei der Lufthansa inbegriffen ist. Die ganze Vorstellung, dass ein Billiganbieter die Preise senken kann, weil er auf überflüssigen Schnickschnack verzichtet, ist falsch. Die Preise sind bei Easyjet auch deshalb niedrig, weil das Unternehmen nicht auf Ersatzflugzeuge und -mannschaften zurückgreift, wenn es Flugengpässe gibt. Solche entstehen etwa durch Streiks in Südeuropa. Wenn dort ein Flugzeug nicht abhebt, fehlt es anschließend hier, von wo aus es wieder zurück oder anderswohin geflogen wäre. Der Passagier, der etwa in Berlin vergeblich wartet, weiß nicht, an welchem Schwachpunkt irgendwo in Europa er leidet.

Antike Zustände

Exemplarisch daran ist das Verhältnis von Freiheit und Schicksal. In der Touristikbranche hat man Freiheit schon immer erlebt und erleben sollen, auch zu der Zeit, als alle Bahnen verstaatlicht und alle Flüge sehr teuer waren. Die Bahn war damals nicht frei, dafür waren es die Reisenden. Sie hatten nicht den Komfort, der heute Standard ist, zahlten aber viel weniger, und es waren weniger Strecken stillgelegt. Das scheint auf den ersten Blick mit heutigen Billigflügen vergleichbar. Das Schicksal schlug auch damals zu. Die Streiks in Südeuropa waren noch zahlreicher als heute. Doch vom Betreiber des Verkehrsmittels, dem Staat, wurden keine Schicksale erzeugt. Das ist es, was sich geändert hat. Die Tragödien von heute werden nicht durch soziale Konflikte oder Unwetter allein ausgelöst, sondern durch die Freiheit der privaten Verkehrsanbieter. Da inzwischen das ganze Verkehrssystem halb oder ganz privatisiert ist, ist aus dem Unternehmerrisiko, das immer schon tragödienreich war, das Konsumentenrisiko geworden. Weil Easyjet kaum Ersatzflugzeuge einsetzt, darf jeder Tourist am Drama unternehmerischer Kostenkalkulation teilnehmen.

Schon wenn er noch gar nicht weiß, welches Verkehrsmittel er wählen wird, ist er in antike Zustände geworfen. Warum sind Flüge billig und Bahnen teuer, warum sieht er sich also zum Flug gedrängt? Dazu führt Privatisierung. Und wenn er die Bahn wählt, warum schwitzt er nicht wegen des Wetters allein, sondern weil die Klimaanlage ausfällt und sich kein Fenster mehr öffnen lässt? Die Götter haben es so gewollt – wir opfern ihnen, nicht um sie milde zu stimmen, sondern um ihnen ihre Götterkriege zu erleichtern.

Und dabei erleben wir unsere zeitgenössischen Abenteuer.

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08:00 28.08.2010

Ausgabe 37/2021

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