Zu komplex

Flughafen Es ist wie ein Naturgesetz: Kein Großprojekt wird so gebaut wie geplant. Warum wir nicht aus unseren Fehlern lernen
Zu komplex
Foto: Andreas Rentz / Getty Images

Irgendwie geht in Deutschland bei Großprojekten immer etwas schief. Es gibt Pfusch am Bau, Planungsfehler, unfähige Politiker und „die Kosten“ halten sich nicht an die Planung. Sie „explodieren“, wie man sagt. Ist das ein Naturgesetz? Wohl nicht, denn es ist ja wahr: Dergleichen hört man regelmäßig aus Deutschland – Berlins Hauptbahnhof, Hamburgs Elbphilharmonie, Leipzigs Citytunnel, Frankfurts Terminal 3, Stuttgart 21 –, aber nicht aus China oder den Golfstaaten. Zur Zeit hört man es aus Berlin. BER, der geplante Großflughafen, kommt nicht vom Fleck; die Akteure tauschen Schuldvorwürfe aus.

Zwei Aspekte der Sache werden von Kommentatoren immer wieder hervorgehoben, einmal „die Unfähigkeit der Politiker“ und zum anderen jene „Kostenexplosion“. Aber das ist ein oberflächlicher Diskurs. Fangen wir mit den Politikern an. Wie kann man es auf sie schieben, wenn man doch sieht, dass Projekt für Projekt aus dem Ruder läuft. Wäre es nicht möglich, dass die Ruderer – um im Bild zu bleiben – in manövrieruntauglichen Booten sitzen?

Tatsächlich ist unsere Produktionsweise nicht so beschaffen, dass Politiker ihren Willen gegen Unternehmen leicht durchsetzen. Besonders noch, wenn sie es mit vielen Unternehmen gleichzeitig zu tun haben. Ein Großprojekt ist ja eine koordinierte Produktion vieler Unternehmen, von denen jedes eigenständig plant, wenn auch im Rahmen eines Gesamtplans. Das Rudern des Koordinators besteht dann darin, dass er mit seinen zwei Beinen auf hundert Kähnen gleichzeitig steht, um so die Geschlossenheit der Formation zu garantieren. Es ist ein Witz.

Dass viele Unternehmen beteiligt sind, ist Ausdruck der Komplexität von Großprojekten. Lauter Spezialisten arbeiten da zusammen. Die Arbeiten aufeinander abzustimmen, ist wirklich nicht leicht. Außerdem hat Komplexität eine Eigenlogik, die durch Planung allein nicht bewältigt werden kann. Man kann nämlich nicht alle Detailprobleme voraussehen, die sich erst während der Produktion zeigen. Man muss manchmal warten, bis Forschungen abgeschlossen sind. Beim Großprojekt BER ist der geschossübergreifende Brandschutz ein Beispiel, der – so heißt es – für 364 Szenarien gerüstet sein müsste. Hier waren noch im Mai 2012 Probleme ungelöst, mit denen die Verschiebung der Flughafeneröffnung begründet wurde. Vielleicht wurde der Brandschutz nur vorgeschoben, um Managementfehler zu vertuschen, aber wie dem auch sei, Probleme solcher Art können auftreten, selbst wenn niemand schludrig arbeitet. Es wäre sicher besser, sie von vornherein in Rechnung zu stellen und sich insofern auf ein „evolutionäres Bauen“ einzulassen, das in den Plänen von vorneherein und absichtsvoll Lücken lässt, die Bürger dann im Bauprozess mit ihrer Expertise und unter Berücksichtigung ihrer Anliegen füllen können.

Probleme treten bei Großprojekten auf, weil Großprojekte sehr komplex sind. Aus der Komplexität folgt auch, dass die Produktion sehr lange dauert. Während dieser Zeit mag sich die Projektaufgabe von selbst geändert haben. Am Beispiel des Flughafens: Es stellt sich heraus, dass noch viel mehr Fluggäste zu erwarten sind als gedacht, also muss der Kapazitätsplan erneuert werden.

Alles in allem werfen die mit der Komplexität zusammenhängenden Probleme die Frage auf: Müssen Großprojekte denn überhaupt sein? So generell gestellt, wird man nicht Nein sagen, doch unnötige, ärgerliche Projekte gibt es durchaus. Man braucht nur an Stuttgart 21 zu denken.

Kostenexplosion kostet

Nun zur „Kostenexplosion“. Die Formulierung ist verdächtig pauschal. Denn warum steigen die Kosten, wenn nicht weil es Variablen gibt, die im Kostenvoranschlag nicht berücksichtigt waren? Es gibt aber gute und schlechte Probleme, das wird auch nicht berücksichtigt – weder im Voranschlag noch später bei der Suche nach Verantwortlichen. So gehören kostenträchtige Planänderungen und anfallende Detailforschung, deren Ergebnis man abwarten muss, zu den „guten Problemen“. Richtig gut wäre es allerdings, wenn sie schon im Voranschlag berücksichtigt würden, weil man doch sicher sein kann, dass sie auftreten werden.

Doch hängen ja nicht alle Kostenprobleme mit der Komplexität der Produktion zusammen. Manche ergeben sich auch aus den Produktionsverhältnissen. Da kann die Komplexität zum Vorwand werden, mit dem man die Unzweckmäßigkeit der Produktionsverhältnisse bemäntelt. Auch hierfür ist BER das beste Beispiel. Weil die Produktion komplex ist, besteht sie aus lauter Spezialaufgaben. Die verschiedenen Aufgaben verteilen sich auf verschiedene Unternehmen, von denen jedes Gewinn machen will und mit anderen Unternehmen konkurriert. Als konkurrenzorientierte Unternehmen müssen sie nun dennoch koordiniert werden. Beim BER sollte deshalb zunächst eine Privatfirma die Bauleitung übernehmen, doch nachdem zwei Anläufe, eine einzusetzen, gescheitert waren, entschloss man sich zu der denkbar schlechtesten Lösung, die Aufgaben einzeln zu vergeben. Das heißt, eine richtige Bauleitung gab es im Grunde nicht.

Türsteher als Halbautomaten

Aus dieser Situation versucht dann jeder Beteiligte, den größten Privatvorteil für sich herauszuholen. So wurde versucht, die Vorgabe automatischer Türöffnungen durch etwas zu umgehen, was auf dem Papier „halbautomatischer Betrieb“ heißt; gemeint sind Hunderte von Türstehern. Der Begriff war offenbar auf Leser berechnet, die es so genau nicht wissen wollten. Etwaige Mehrkosten würden ja vom Steuerzahler getragen. Den vorgeschriebenen Schallschutz wollte man gleich ganz ausfallen lassen, man dachte, die Bevölkerung merkt es nicht. Wenn dann ein Landratsamt die Täuschung erkennt, wenn Bürger vor Gericht ziehen, stellen sich manche noch hin und klagen über unnötige Kosten, die entstehen, weil es Regeln gibt, politische Ämter, einen Rechtsstaat und sogar eine demokratische Verfassung.

Man kann aus all dem den Schluss ziehen, dass die Verfassung noch demokratischer sein sollte, als sie schon ist. Wo Großprojekte nötig sind, ist auch Kooperation nötig. Daraus alle Konsequenzen zu ziehen, fällt bei unseren Produktionsverhältnissen aber nicht leicht. Könnte nicht wenigstens bei solchen Produktionen, die früher der Staat unternahm, während sie jetzt privatisiert werden, das ökonomische Geheimhaltungsrecht der Beteiligten aufgehoben werden? Damit sie nicht mehr täuschen können? Sie machen doch auch ohne Geheimnis Gewinn, wenn sie wirklich die Besten sind, wie sie behaupten. Und auf der Staatsseite wiederum bräuchte es mehr Leute, die fähig sind, Großplanungen und die jeweilige Materie sachkundig zu beurteilen. Das Bildungssystem müsste entsprechend verändert werden. Auch dadurch würden „die Kosten“ steigen, am Bau jedoch „explodieren“ sie dann nicht mehr so leicht.

09:00 18.01.2013
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