Im Sog der Zerrüttung

Äthiopien Mit dem Vormarsch der Tigray-Front droht die Schlacht um Addis Abeba. Ist das noch aufzuhalten?
Soldatinnen in Kriegsgefangenen-Lager in Mekele (Tigray) – viele fürchten nun einen „großen Krieg“
Soldatinnen in Kriegsgefangenen-Lager in Mekele (Tigray) – viele fürchten nun einen „großen Krieg“

Foto: Yasuyoshi Chiba/AFP/Getty Images

Ein Jahr ist es her, dass im Norden des Vielvölkerstaats, in der Provinz Tigray und einigen angrenzenden Gebieten, gekämpft und gestorben wird. Seit Juni müssen dabei die Verbände der äthiopischen Armee eine Niederlage nach der anderen hinnehmen, womit ein zunächst triumphaler Vormarsch jäh beendet wurde. Erst konnte die Tigray-Volksbefreiungsfront (TPLF) mit Mek’ele die Hauptstadt der umkämpften Region zurückerobern, dann stieß sie über die Grenzen der Provinz nach Süden und Osten vor und eroberte wichtige Städte und Verkehrsknotenpunkte. In der Folge ist die Kommunikation der Streitkräfte von Regierungschef Abiy Ahmed nach Norden, Westen und Osten empfindlich gestört. Seit Mitte Oktober sollen den Rebellen weniger als 150 Kilometer bis zur Kapitale Addis Abeba fehlen.

Das Land ist einer Kriegsfurie ausgesetzt, die beide Seiten in einen Zustand des „Alles-oder-nichts“ versetzt hat. Es werden Kriegsverbrechen begangen, oft Massaker an der Zivilbevölkerung verübt, die auf ethnischem Hass zwischen dem Volk der Tigray und anderen Volksgruppen wie den Amharen (27 Prozent der Bevölkerung) gründen. Hunderttausende sind auf der Flucht, internationale Hilfe kommt nicht an. Neben Tigray sind nun ebenso Provinzen wie Amhara und Afar vom Hunger bedroht.

Zu Feinden erklärt

Anfangs schien die Bundesarmee leichtes Spiel zu haben, und es war keineswegs absehbar, dass sich das Blatt derart wenden könnte. Bevor Abiy Ahmed 2018 an die Macht kam, hatte die TPLF Äthiopien ein Vierteljahrhundert lang zugunsten der eigenen ethnischen Gruppe beherrscht. Dann aber schickte der neue starke Mann die Front nach ihrer Entmachtung in deren Heimatprovinz im Norden an der Grenze zu Eritrea zurück. Dort begann im November 2020 der Aufstand der TPLF gegen die Zentralregierung auch deshalb, weil Abiy Ahmed wenig für eine Deeskalation tat und seine Armee zuschlagen ließ. Aber die TPLF-Führungselite, die höheren Offiziere mit langer Bürgerkriegserfahrung, die Spezialisten, auch die schweren Waffen, gehörten zur TPLF. Die von ihnen geführten Verbände sind kampferfahren und diszipliniert. Ihre Kombattanten erinnern in ihren chinesischen Plastiksandalen an Milizionäre, doch sind sie vielfach Berufssoldaten und Kriegsveteranen, die schon im Krieg um Eritrea standen, den Abiy Ahmed beendet hat. Wofür er 2019 den Friedensnobelpreis erhielt.

Zugleich rühren sich neue Verbündete der TPLF wie die Truppen der Oromo Liberation Army (OLA), die Addis Abeba gefährlich werden kann, das inmitten der vom Volk der Oromo bewohnten Region gleichen Namens liegt. Die OLA ist dabei, Verkehrstrassen im Süden und Osten abzuschneiden. Abiy Ahmed hat daraufhin den Ausnahmezustand für das ganze Land ausgerufen, sich das vom Parlament bestätigen lassen, und verfügt über nahezu unbeschränkte Vollmachten. Jeder Äthiopier kann jetzt zum Militärdienst geholt, jeder kann ohne Gerichtsbeschluss verhaftet, alle kriegswichtigen Güter können beschlagnahmt – Medien sowie Parteien jederzeit verboten werden. Die Einwohner von Addis Abeba sind aufgefordert, für die Verteidigung der Stadt zu trainieren und sich zu bewaffnen. In einer teils hysterischen Stimmung werden Mitglieder der zu Todfeinden erklärten Volksgruppen verhaftet, was den Tatbestand ethnischer Säuberungen erfüllt. Die US-Botschaft hat angesichts dieser Lage den eigenen Bürgern dringend empfohlen, das Land zu verlassen.

Von allen Seiten wird die äthiopische Regierung jetzt unter Druck gesetzt, um einen „großen Krieg“ am Horn von Afrika zu verhindern. Rückt der unaufhaltsam näher, kann der Staat Äthiopien auseinanderbrechen. Umso mehr versucht Jeffrey Feltman, US-Sondergesandter für die Region, die Kriegsparteien von den Vorteilen einer Waffenruhe und baldiger Friedensverhandlungen zu überzeugen. Aber selbst die Afrikanische Union (AU), die ihren Sitz in Addis Abeba hat, ist machtlos wie im Übrigen auch die EU, die mit Sanktionen droht, sollten die Kampfhandlungen nicht beendet werden. Freilich ist damit weniger denn je zu rechnen, seit die äthiopische Luftwaffe als Vergeltung für den Vormarsch der TPLF begonnen hat, Städte im Norden zu bombardieren. Abiy Ahmed hat sich offenkundig der Devise verschrieben, den Kampf gegen die Rebellen mit allen Mitteln fortzusetzen. Nur so ist es zu erklären, dass seine Regierung so viele Drohnen von der Türkei kauft, wie sie bekommen kann. Solange es der Luftwaffe gelingt, die wichtigste Verkehrsverbindung nach Norden – vor allem die zum Hafen von Djibouti – offen zu halten, werden diese Waffen auch geliefert und eingesetzt, ohne Rücksicht auf Verluste. Im Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan vor einem Jahr gaben Drohnen türkischer Fabrikation den Ausschlag zugunsten des Regimes in Baku.

Zurück ins Jahr 2018

Der bedrängte Regierungschef sucht Verbündete in Afrika, denen bewusst ist, dass ein zerfallenes Äthiopien fragile Staaten wie Sudan, Südsudan und Somalia einem Sog der Zerrüttung preisgibt. Vorerst dürfte es das Ziel Abiy Ahmeds sein, eine Schlacht um die Fünf-Millionen Metropole Addis Abeba zu vermeiden. Sie könnte zu einer Art von letztem Gefecht mit den Erzfeinden aus Tigray werden. Ist das noch aufzuhalten, wenn sich bereits die Belagerung abzeichnet?

Muss der Premierminister abtreten und fliehen, wäre eine Lösung denkbar, um Äthiopien das Los eines „Failed State“ zu ersparen. Die verfeindeten Lager könnten als Kompromiss zum bis 2018 praktizierten ethnischen Proporz in Politik, Verwaltung und Militär zurückkehren. Mit einigen Geländegewinnen für die Tigray und die Oromo, mit Verlusten für die Amharen und andere Gruppen. Je mehr Autonomie die Ethnien in den von ihren beherrschten Regionen durchsetzen, desto schwächer wird der Zentralstaat, desto geringer der Anteil an Ressourcen und Macht sein, den die kleineren der über 120 in diesem Vielvölkerstaat vertretenen Ethnien beanspruchen können. Nächste Rebellionen wären programmiert, denn es gibt keine „äthiopische Nation“, auch wenn die gerade in der Kriegspropaganda der Zentralregierung heftig bemüht wird. Sterben für das Vaterland? Welches? Der Westen wird nach dem Debakel in Afghanistan zusehen und abwarten.

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