Opfer seiner selbst

Beleidigung Karl Theodor zu Guttenberg ist nicht über Fußnoten gestolpert, sondern über seine Haltung zur Wissenschaft

Der deutsche Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg ist nicht über einige „fehlerhafte Fußnoten“ – so seine Formulierung in der ersten Stellungnahme – gestolpert. Nicht einmal das Fehlen von Fußnoten oder die „schweren Fehler“, die er irgendwann eingestand, wären ein Rücktrittsgrund gewesen: Denn, in der Tat, Fehler kann jeder machen – auch in der Wissenschaft. Doch der Vorwurf, der von Beginn an im Raum stand und nur zu rasch bestätigt wurde, war ein anderer: Es war der des Plagiats. Auf Hunderten von Seiten. Und ein Plagiat geschieht nicht versehentlich. Ein Plagiat ist kein Fehler. Ein Plagiat ist Betrug.

Man muss an diese Banalität erinnern, weil der Verteidigungsminister noch in seiner Rücktrittserklärung an seinem Opfermythos zu stricken begonnen hat. Hinter der verschrobenen Formulierung von der „Verschiebung der medialen Aufmerksamkeit“ auf seine Person steht unverhohlen der Vorwurf einer medialen Kampagne. Doch die Wahrheit sieht anders aus: Wesentlich für Guttenbergs Rücktritt waren nicht die Medien, die erstens zerstritten und zweitens angesichts der freiherrlichen Popularität genauso machtlos waren wie die Opposition. Ausschlaggebend war vielmehr eine Welle ehrlicher Empörung, die in der deutschen Wissenschaftsgeschichte einmalig sein dürfte. Nicht nur alle großen Wissenschaftsorganisationen und Verbände und mehrere Tausend Professoren ­protestierten, sondern auch mehr als 25.000 Doktorandinnen und Doktoranden. Und sie protestierten nicht gegen den Verteidigungsminister selbst und schon gar nicht aus politischen Motiven. Sondern sie empörten sich über den politischen Umgang mit der Causa Guttenberg: nämlich über die bis dato unvorstellbare Verhöhnung ehrlicher wissenschaftlicher Arbeit, die sich darin ausdrückte.

Um diese Welle der Wut gerade unter den Nachwuchsforschern zu verstehen, ist ein Aspekt besonders wichtig. Viele von ihnen unterrichten selbst jüngere Studierende und versuchen, ihnen die Grundregeln wissenschaftlicher Arbeit zu vermitteln. Gerade sie kennen aus vielen Diskussionen mit Erstsemestern das Problem, einer Generation, die im Internet sozialisiert wurde, die Notwendigkeit eines kritischen Umgangs mit eben diesem Netz nahezubringen. Und sie kennen auch das eklatante Mißverständnis nur zu gut, das zu Guttenbergs Verteidigung vorgebracht wurde – dass das Kopieren fremder Texte an der Universität doch wohl nicht schlimmer sei als das „Abschreiben“ in Schulaufgaben.

Doch diese Relativierung ist – günstigstenfalls – Ausdruck von Ahnungslosigkeit. Denn der Wert einer wissenschaftlichen Arbeit – und das unterscheidet sie fundamental von Schulaufgaben – liegt ja gerade nicht in der Reproduktion von bekanntem Wissen, der ‚richtigen Lösung’ einer vorgegebenen Aufgabe. Er liegt überhaupt nur in dem, was über das jeweils schon Bekannte und daher „Kopierbare“ hinausgeht – also in der Eigenständigkeit einer These, in der kritischen Weiterentwicklung von Erkenntnissen. Die Auseinandersetzung mit dem Bekannten geschieht jedoch durch das Zitieren: Genau darüber wird ja überhaupt erst unterscheidbar, was schon bekannt und was umgekehrt der eigene Gedanke, der innovative Wert einer Arbeit ist. Gerade deshalb aber ist das Plagiieren, das Ausgeben fremder Texte als eigene, in einer Dissertation nicht ein Fehler, wie er schon mal passieren kann, sondern unentschuldbar. Es ist in der Wissenschaft das, was im politischen Leben ein Verfassungsbruch wäre.

Gerade jene Anführungszeichen und Fußnoten, die jetzt in Stammtischdiskursen die Lächerlichkeit der Affäre beweisen, sind in der Wissenschaft alles andere als lächerlich: Sie sind Zeichen eines Ethos des Respekts vor fremder geistiger Leistung. Zu Guttenberg hat dieses Ethos mit Füßen getreten, und das wird ihm keine Wissenschaftlerin und kein Wissenschaftler in diesem Land je vergessen. Darüber ist er gestürzt: über seine eigenen Füße.

Michael Ott lehrt als Philologe an der LMU in München und koordiniert die DFG-Forschergruppe Anfänge (in) der Moderne

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